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Gruppe III. Chemische Industrie.
statt 1 ). Sind diese Reagentien sehr concentrirt, so schwillt die Zellen
membran schon in der Kälte beträchtlich an und wird dann allmälig
gelöst. Es scheint, dass die so entstandenen Flüssigkeiten während kurzer
Zeit die Cellulose als solche gelöst enthalten, aber sehr bald geht die
Umwandlung weiter und es bildet sich, wie schon oben erwähnt, ein
wie Stärke mit Jod sich blau färbender Körper (Granulöse), dann Dex
trin und endlich Glucose.
Auch verdünnte Alkalien und noch viel leichter verdünnte Mi
neralsäuren bewirken bei anhaltendem Kochen Umsetzung, nur sind
dann die Uebergänge nicht so leicht zu unterscheiden. In diesem
Falle sind aber die physikalischen Eigenschaften der Membran schon
lange vor der endlich stattfindenden Lösung sehr verändert und die
scheinbar noch unveränderte Faser hat ihre Elasticität und Festigkeit
mehr oder weniger verloren.
Um diese zerstörende Veränderung der Cellulosemembran hervor
zubringen, sind schon die geringsten Spuren von Mineralsäuren hin
reichend, und es macht sich dieselbe oft in empfindlicher Weise be
merkbar, wenn z. B. Gewebe oder Papierstoff, nachdem sie mit Säuren
behandelt in unvollständig ausgewaschenem Zustande getrocknet wer
den. Erhitzt man Cellulose mit caustischem Kali auf 160° C., so bildet
sich eine Masse, deren wässerige Lösung beim Neutralismen mit einer
Säure einen Niederschlag bildet, welcher die Zusammensetzung und all
gemeinen Eigenschaften der Cellulose hat; aber sowohl in der Kälte als
in der Wärme in Alkalien löslich ist. Dieser Körper ist demnach 'als
eine Modification der Cellulose anzusehen.
Selbst der lange fortgesetzten Einwirkung des kochenden Wassers
vermag die Cellulose nicht absolut zu widerstehen. Die hierdurch ver-
anlasste Veränderung ist zwar (unter diesen Umständen eine nur sehr ge
ringe, aber unter erhöhtem Drucke wird dieselbe merklich gesteigert 2 ).
Es ist bei dieser Gelegenheit zu bemerken, dass die meisten rohen
Pflanzenfasern einen gewissen Antheil von Cellulose enthalten, welcher
in den angeführten Reagentien viel leichter löslich ist, und es dürfte
dieses Verhalten demnach auf das Vorhandensein einer verschiedenen
Modification der Cellulose schliessen lassen.
Von eigentlichen Lösungsmitteln der Cellulose kennt die Chemie
bis jetzt nur das Kupferoxydammoniak, welches nach vorhergehender
Aufschwellung die reine Cellulose vollständig und, wie es scheint, un
verändert löst, indem aus der Lösung durch verdünnte Säuren die
*) J. Pelouze, Compt. rend. XLYIII, p. 327. Wagn. Jahrb. 1859, 401.
j Hoppe-Seyler, Ber. chem. Ges. 1871, 15, erhielt beim Erhitzen von
schwedischem Filtrirpapier mit Wasser auf 200° während 4 bis 6 Stunden
Oxyphensäure (Pyrocatechin). Mulder (Jahresber. 1863 , 567) beobachtete,
dass sich beim Erhitzen von schwedischem Filtrirpapier auf 200° eine kleine
Menge Zucker bildet.