287
Die Bereitung des Weines.
In der ersten Zeit der Entwickelung enthalten also die Trauben
beeren nur wenig Zucker und verhältnissmässig viel Säure, erst während
der Reife nimmt ersterer rasch zu und letztere ah. Neubauer 1 ) erhielt
im Jahr 1868 bei Untersuchungen von Trauben des Neroherges hei
Wiesbaden ganz ähnliche Resultate.
Pamintzin fand in den unreifen Beeren nur Spuren, in den Stie
len dagegen erhebliche Mengen von Stärkemehl, das aus letzteren
während der Reife nach und nach verschwindet und offenbar zur Bil
dung der grossen Menge Zucker beiträgt, welche in verhältnissmässig
kurzer Zeit in den Beeren abgelagert wird.
Erste Bedingung des Reifens der Trauben ist bekanntlich die Wärme,
so dass bei uns in nördlichen Weingegenden im Allgemeinen ein um so
besserer Wein erzeugt wird, je wärmer der Sommer ist. Da indess die
Bildung des Zuckers und die Ansammlung desselben in den Beeren mit
der Lebensthätigkeit der Rebe und der Entwickelung der Beere in eng
stem Zusammenhang steht, so müssen alle jene Einflüsse, welche auf
das Gedeihen der Rebe einwirken, auch von Bedeutung für die Reife
der Trauben sein. In erster Linie gilt dies für das Vorhandensein der
genügenden Menge von Feuchtigkeit. Wie bei uns das Reifen der Trau
ben durch niederen Wärmegrad unterbrochen oder doch verzögert wer
den kann, so wird häufig in südlichen Ländern das Reifen der Trauben
durch zu grosse Trockne unterbrochen oder ganz aufgehoben. Ich
sah im August 1872 auf der Halbinsel Morea in Griechenland grosse
Flächen Rebfelder, wo die Traubenstiele zum grossen Theil ausgetrock
net waren und wo auch, nach meinen Untersuchungen, ein Fortschreiten
des Reifens, besonders die Abnahme von Säure, nicht mehr stattfand,
sondern durch das Verdunsten des Wassers wurden die Traubenbeeren
gleichzeitig reicher an Säure und an Zucker. Die ziemlich ausgetrock
neten Traubenbeeren waren süss durch den hohen Gehalt an Zucker,
der Wein wurde aber sauer, sobald letzterer durch Gährung verschwun
den war. Da bei gelockertem Boden 2 ) mehr Wasser im Boden zurück
bleibt als bei nicht gelockertem, so hat selbst die Bearbeitung des Bo
dens einen Einfluss auf die Reife der Trauben. Bei sehr heissen Jahren
(z- B. 1865) wird dieselbe aneh bei uns durch Trockne verzögert und
werden dann die Trauben auf gut bearbeiteten Rebfeldern reifer als auf
schlechter bearbeiteten Feldern.
Sonstige Einflüsse, welche auf die Entwickelung der Traubenbeeren
hemmend wirken, hindern gewöhnlich, doch nicht immer, das Fort
schreiten der Reife. Durch den Traubenwickler verletzte Beeren blei
ben sauer (daher auch Sauerwurm). Dasselbe ist gewöhnlich der Fall
bei Trauben, welche durch Hagel beschädigt werden.
fl Neubauer, Chem. d. Weines 3. 2 ) Ber. der Arbeiten d. Versuchs
station. Karlsruhe 1870, 2.