Die Bereitung des Weines.
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II. Zerstampfen und Keltern der Trauben.
Das Verfahren, die Trauben zu zerstampfen und zu keltern, war
im Alterthum ausserordentlich einfach, man zerstampfte mit den Füssen
die Trauben in Körben und presste sie mit langen Hebeln aus. Bei
manchen Weinbauern wird auch jetzt noch ein kaum vollkommeneres
Verfahren eingehalten, während bei anderen Entbeer- und Quetsch
maschinen sowie gut eingerichtete Spindel- oder Hebelpressen verwen
det werden.
Sobald die Traubenbeeren verletzt oder gar zerstampft sind, be
ginnt eine Umsetzung, die je nach dem Wärmegrad verschieden stark,
aber auch in ihren Endproducten verschieden ist.
Bei uns, in nördlicheren Weingegenden, können die Trauben ohne
Gefahr für den Wein zerstampft und bei einiger Vorsicht selbst mehrere
Tage vor dem Keltern stehen gelassen werden. In südlichen Ländern,
wo, wie ich es in Griechenland gesehen habe, beim Herbsten zuweilen
ein Wärmegrad von 40° C. und selbst im Kelterhans ein solcher von
etlichen 30° besteht, ist die Gefahr der Essigbildung viel grösser und
schon Plinius schreibt vor nur 20 Culei auf einmal zu keltern, damit
das Geschäft rasch vor sich gehe.
Um eine allzurasche Zersetzung des Traubensaftes zu verhindern,
wendet man in Spanien, Frankreich, Italien und Griechenland Gyps an.
In Griechenland hat man mich versichert, dass man die Vermehrung
der Säure nur dadurch abhalten könne, dass man schon beim Herbsten
je eine Lage Trauben wieder mit Gyps überstreue. Ob und wie der
Gyps hier wirkt, ist wissenschaftlich nicht festgestellt. Immerhin habe
ich dort eine grosse Menge Wein ohne Gyps darstellen lassen, der sehr
gut wurde und bei welchem eine schädliche Säurebildung nicht zu be
merken war.
Bleibt der Saft der Trauben einige Zeit bei den Hülsen und Ker
nen, so werden noch manche Bestandtheile aufgelöst, der Wein erhält,
wie man sich im Weinhandel ausdrückt, mehr Körper, er wird voll
mundiger und wohlschmeckender. Deshalb wird jetzt an vielen Orten
auch bei weissen Trauben das Keltern erst 2 bis 8 und noch mehr Tage
nach dem Herbsten vorgenommen. Bei der Frage, ob früher oder spä
ter zu keltern ist, werden folgende Grundsätze ’) beobachtet:
L Um einen weissen Wein ohne Missfarbe zu erhalten, muss man
zuweilen einzelne Traubensorten, besonders Ruländer, bald keltern.
2. Bei Trauben, die nicht völlig reif sind oder die noch ziemlich viele
unreife Beeren haben;
*) S. Nessler, Die Behandlung des Weines. Stuttgart, bei E. Ulmer,
2. Aufl., 18.
Wiener Weltausstellung. III. I. 2.
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