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Gruppe III. Chemische Industrie.
Gay-Lussac fand später, dass auch beim Traubensaft die Gährung
ohne Luft beziehungsweise Sauerstoff nicht eintritt, dass aber eine sehr
kleine Menge Luft genügt, dieselbe einzuleiten und dass zum weiteren
Verlauf der Gährung Sauerstoff nicht mehr nöthig ist.
Pasteur 1 ) wies darauf hin, dass die Luft in dreifacher Weise auf
den Wein einwirken könne. Einmal dadurch, dass sie die Keime der
Hefe und anderer später noch zu besprechender Pilze znführt, zweitens
dass sie unter Mitwirkung dieser Pilze Veränderungen des Mostes und
des Weines hervorruft, die bald nützlich (Hefe), bald schädlich (Kahm,
Essigpflänzchen u. s. w.) sein können, und endlich, dass durch den
Sauerstoff der Luft Bestandtheile des Weines unmittelbar eine Verän
derung erleiden.
In Lothringen werden schon seit sehr langer Zeit zur Darstellung
des sogenannten Schaufelweines die zerstampften Trauben während 24
bis 48 Stunden mit Schaufeln durcheinandergearbeitet und wird so ein
Wein erhalten, der angeblich stärker ist, jedenfalls mehr Bouquet und
mehr specifischen Weingeruch besitzt, als nichtgeschaufelter Wein aus
gleichen Trauben. Ueber die Art und Weise wie dies sogenannte Schau
feln des Weines wirkt, war und ist man heute noch nicht ganz im Kla
ren. Die frühere Annahme von Nikles, dass hierbei viel Wasser ver
dunste , hat sich später als unrichtig erwiesen, dagegen liegt es sehr
nahe, anzunehmen, dass, wenn die Hülsen, Kämme und Kerne länger
in dem Saft der Trauben bleiben und die Berührung durch das fort
währende Umarbeiten vermehrt wird , dann mehr Bestandtheile dersel
ben aufgelöst werden, die ohne Zweifel auf Geruch und Geschmack des
Weines einen erheblichen Einfluss ausüben können.
Nach den Arbeiten von Pasteur hat man die Wirkung des Schau-
felns vorzugsweise der vermehrten Zufuhr von Luft zugeschrieben und
wurde man an verschiedenen Orten, eben durch jene Arbeiten von
Pasteur und durch die langjährigen günstigen Erfahrungen mit die
sem Schaufeln des Weins veranlasst, Untersuchungen und Versuche über
den Einfluss der Luft auf den Wein auszuführen. Besonders hat Dr.
A. Blankenborn 2 ) viele Versuche ausgeführt, auf die Wichtigkeit des
Lüftens von Most und jungem Wein hingewiesen und die Ergebnisse
sonstiger Versuche mitgetheilt. Das Lüften wurde hierbei gewöhnlich
mit der L. von Babo’schen 3 ) Mostpeitsche, mit der vonA. Blanken-
horn beschriebenen Luftpumpe oder ähnlichem Apparat vorgenommen.
Diese Versuche bezogen sich vorzugsweise auf den Einfluss der Luft auf
die Gährung und kann man nach denselben annehmen, dass durch das
Lüften die Hefebildung und mit ihr die Gährnng beschleunigt wird,
dass man dadurch früher einen fertigen Wein erhält, der auch später
*) Pasteur, Etudes sur le vin 84. 2 ) Blankenhorn, Ann. d. Oenol.
a. v. 0. s ) Babo, Ebendaselbst I, 16.