Die Bereitung des Weines. 297
nicht oder weniger in Gährung übergeht, weil mehr Hefe ausgeschieden
und die erste Gährung besser zu Ende geführt wurde.
Es ist klar, dass schon diese Ergebnisse für die praktische Wein
bereitung von grossem Werth sind. Wenn es gelingt, die Gährung
ohne Nachtheil des Productes früher und sicher zu Ende zu führen, so
ist schon der Gewinn des Producenten an Zeit und Geld sehr gross;
noch viel wichtiger ist es aber, wenn durch die Vermehrung der Hefe
mehr stickstoffhaltige Bestandtheile entfernt werden und der Zucker in
wenigen Monaten so weit vergährt als er in einem gegebenen Wein
vergähren kann, was ohne Lüftung bei manchen Weinen erst nach meh
reren Jahren der Fall ist. Solche sogenannte fertige Weine sind für
den Grosshandel geeigneter und sind ohne Zweifel viel weniger Krank
heiten ausgesetzt als Weine, die reicher an stickstoffhaltigen Bestand-
theilen und an noch vergährbarem Zucker sind.
Die unmittelbar chemische Einwirkung des Sauerstoffs auf die
Bestandtheile des Weines ist auch durch die neueren Forschungen nicht
genügend aufgeklärt worden, doch so viel lässt sich mit Bestimmtheit
annehmen, dass dieser Einfluss ein sehr wichtiger ist und dass Pasteur
nicht unrecht hat, wenn er sagt: „C’est Voxigene qui fait le vin.
Mulder 1 ) weist darauf hin, dass das Entstehen des Bodensatzes in
Portwein durch die Einwirkung der Luft auf Gerbstoff bedingt werde
und nimmt an, dass die gelbe Farbe des Weissweines von einer durch
Oxydation vorhandener Stoffe entstandenen Humussäure herrühre.
Berthelot 2 ) fand bei seinen Untersuchungen nur ungünstige Wir
kung der Luft auf den Wein; er sagt:
„Bei näherer Verfolgung des Einflusses des Sauerstoffes fand ich:
1. dass der Sauerstoff anfänglich sich löst, ohne eine Verbindung
einzugehen, aber
2. nach 3 bis 4 Minuten sind 10'5 ebem, das ist % der ganzen ab-
sorbirten Menge, völlig verschwunden, und können nicht wieder
durch Kohlensäure deplacirt werden. Diese Menge reicht schon
hin, um das Bouquet in einem Liter Thorin ganz zu verändern;
3. der ersten raschen Absorption folgt eine verlangsamte, so dass
nach zwei Tagen weitere 10 ebem, nach zwei weiteren Tagen 4 bis
5 ebem Sauerstoff u. s. w. verschwinden. Zugleich wird die rothe
Farbe lebhafter, das Blau aber erscheint wie zerstört.
Die Sauerstoffabsorption wird durch höhere Temperatur be-
scheunigt und eine fast momentane wird sie durch Hinzufügung
eines Alkali.
So oft ein fertiger Wein, mit Sauerstoff geschüttelt, diesen
zum Theil absorbirt behielt, ohne dass er in eine Verbindung ein-
i) Mulder, Cüem. d.Weines 214. 2 ) Berthelot, Compt. rend. LVII,
795 u. 983; LVIII, 80 u. 292; Dingl. pol. J. CLXXIV, 149.