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Gruppe III. Chemische Industrie.
aus weniger reifen Trauben, also in schlechten Jahrgängen oder hei
schlechten Lagen der Rehfelder, so viel als möglich einen ebenso guten
Wein zu erhalten, als aus guten, reifen Trauben, ausserdem die Halt
barkeit des Weines zu erhöhen oder die Menge des Weines zu vergrös-
sern. Ueberall stellt man sich aber die Aufgabe, Weine darzustellen,
welche den nur aus dem Saft guter Trauben erhaltenen Weinen möglichst
gleich sind.
Die unreifen Trauben enthalten zu viel Säure und zu wenig Zucker.
Es liegt also sehr nahe, Säure zu entfernen und Zucker zuzusetzen.
Beides ist schon seit Tausenden von Jahren in Gebrauch. Tlimus
spricht öfter von Zusatz von Honig, von Kreide und von Holzasche oder
Lauge, von letzterer zum Most. Beim Einkochen des Mostes wird jetzt
noch in Griechenland oft Kalk und Asche zngesetzt, wie man mir dort
angab, um die Unreinigkeit mit dem entstehenden Schaum zu entfernen.
Es ist übrigens wahrscheinlich, dass die Weine der Griechen und
Römer oft sehr viel Säure enthielten. Ich habe schon früher darauf
hingewiesen , dass in südlichen Ländern durch zu grosse Trockne die
Reife der Trauben und somit die Abnahme an Säure unterbrochen wild.
Durch das Austrocknen der Trauben und das Einkochen des Mostes
wurde ebenfalls die Säure concentrirt und doch scheint die Anwendung
von Kreide oder Asche nicht allgemein verbreitet gewesen zu sein. Der
Umstand 1 ), dass man zum Trinken 1 Thl. Wein mit 4 bis 5 Thlm, nach
Homer den Maronischen Wein mit 20 Thln. Wasser gemischt hat,
spricht ebenfalls für grossen Säuregehalt. Bei der Gährung können npr
18 Vol.-Proc. Weingeist entstehen. Bei obiger Mischung erhielt man
also ein an Weingeist jedenfalls sehr schwaches Getränk, das nur durch
Säure und etwa durch die zugesetzten Gewürze einen hervorragenderen
Geschmack haben konnte.
Es ist nicht zu bezweifeln, dass auch in späteren Zeiten dem Most
häufig Honig oder Zucker zugesetzt wurde; nähere Angaben über Zu
satz von Zucker finden wir aber erst in den Mittheilungen von Mac
quer (1776). Chaptal 2 ) (1800) hat die Zweckmässigkeit des Zusatzes
von Zucker vom chemischen Standpunkt aus erklärt und zugleich empfoh
len, die zu grosse Menge von Säure eines Weines durch Neutralisiren
mit kohlensaurem Kalk zu entfernen. Unter der Bezeichnung Chapta-
lisiren des Weines versteht man daher noch jetzt dem Most vor der
Gährung Zucker zuzusetzen oder gleichzeitig den Säuregehalt durch
Kalk zu vermindern.
Petiot hat auf die grosse Menge werthvoller Bestandtheile hin
gewiesen, welche bei dem Keltern in den Trestern Zurückbleiben, und
hat gezeigt, dass man nach dem Auspressen des Saftes noch 3- bis 4mal
l) Henderson, Geschichte der Weine 105.
d’Agriculture de Rosier X.
2 ) Chaptal, Cours