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Die Bereitung des Weines.
Wenn man auch den Anforderungen jener Consumenten Bechnung
tragen will, die lieber mehr zahlen, aber reine, das heisst nur aus
Traubensaft dargestellte Weine verlangen, und wenn man es auch als
ganz erklärlich und keineswegs ungerechtfertigt findet, dass die Wein
producenten, welche nur reinen Wein verkaufen, Schutz gegen jene
Concurrenten verlangen, die durch Darstellung künstlicher oder durch
Verbessern geringer Weine billiger produciren und diese Weine als
reine verkaufen, so ist es doch unmöglich eine scharfe Grenzlinie zu
ziehen, wo im Weinhandel die Ehrlichkeit aufhört und der Betrug be
ginnt. Manche setzen ohne alles Bedenken schweflige Säure, oft im
Uebermaass, Gerbstoff, Hausenblase oder Leim oder Weingeist zu, oder
verkaufen den Wein eines Jahrgangs oder einer Gegend für Wein eines
anderen Jahrgangs oder einer anderen Gegend, oder verbessern einen
kranken Wein und bieten ihn als gesunden Wein an, obschon sie nicht
wissen, ob der Wein nicht in kurzer Zeit wieder krank wird, sie ver
langen aber von Anderen, dass jeder Zusatz zum Traubensaft beim Ver
kauf des Weines angegeben werde und erklären alle jene für Betrüger,
die aus einem geringeren Wein einen besseren darstellen und ihn als
sogenannten Natur wein verkaufen.
Nach dem, was wir von dem Weinhandel wissen, sind alle Ver
sicherungen, es werde nur ausschliesslich aus Traubensaft daigestellter
Wein verkauft, mit Vorsicht aufzunehmen, ob diese Versicherungen auch
von Einzelnen oder von Vereinen gegeben werden.
Je mehr es gelingt auch chemisch nachzuweisen, ob und wie weit
ein gegebener Wein dem nur aus Traubensaft gewonnenen Wein gleicht,
um so ehrlicher wird der Weinhandel werden, um so mehr wird man
aber auch jenes Misstrauen fallen lassen, das die Consumenten heute
noch gegen jeden Zusatz zum Most oder Wein hegen und zu dem sie
insofern ganz berechtigt sind, als sie meist selbst den W ein nicht genü
gend beurtheilen können und oft Weine in den Handel gebracht wer
den, die den Namen „Wein“ nicht mehr verdienen.
Nicht selten werden aber auch gerade jene Weine, die nur aus
Traubensaft dargestellt wurden, aus Unkenntniss der Sache für unechte
erklärt, z. B. sehr saure Weine; in Gegenden, wo das Braunwerden des
Weines nur sehr selten vorkommt, hält man einen Wein immer füi ver
fälscht, wenn der weisse Wein braun wird oder der rothe Wein starken
Absatz bildet und sich entfärbt; wird der Wein beim Transport oder
wenn er der Kälte ausgesetzt wurde stark trübe, so gilt das wieder als
Beweis der Verfälschung, und doch ist es ganz klar, dass, wei mit
Sachkenntniss Weine fabricirt, gewiss nicht zu viel Säure oder braun
werdende Stoffe verwendet, während all diese Erscheinungen bei dem
Wein rein aus Traubensaft Vorkommen können. Es kamen mir schon
wiederholt Fälle vor, wo viele Leute, selbst Wirthe und Weinhändler,