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Full text : Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 21

392

Gruppe  III.  Chemische  Industrie.
sind,  tauscht  man  die  etwa  vorhandene  Mineralsäure  zur  Verhütung
des  Mürbewerdens  der  „Waare“  durch  Zusatz  von  essigsaurem  Natron
gegen  Essigsäure  aus.
Nicht  unbedeutend  sind  ferner  die  von  der  Pharmacie  und  Photographie ­
  gebrauchten  Mengen,  dem  Chemiker  aber  ist  die  Essigsäure  ein
unentbehrliches  Hilfsmittel  in  einer  grossen  Anzahl  von  Operationen,
namentlich  der  analytischen  Chemie.  Seitdem  das  ausgezeichnete  Lösungsvermögen ­
  derselben  für  Kohlenwasserstoffe  erkannt  worden  ist,
hat  sich  ihre  Anwendung  hei  der  Ausführung  von  Untersuchungen  auf
dem  Gebiete  der  organischen  Chemie  und  in  den  Industrien,  welche
sich  auf  diese  Untersuchungen  gründen,  wesentlich  gesteigert.  Es
basirt  z.  B.  die  sehr  wichtige  Bestimmung  des  Anthracengehalts  im
käuflichen  Anthracen  auf  die  Oxydation  des  Kohlenwasserstoffs  in  eisessigsaurer ­
  Lösung  zu  Anthrachinon.
Berücksichtigt  man  endlich  noch  den  durch  die  steigende  Wohlhabenheit ­
  immer  grösser  werdenden  Consum  von  Essig  für  Speisezwecke, ­
  so  begreift  es  sich,  weshalb  die  Fabrikation  aller  mit  Essigsäure
zusammen  hängenden  Artikel  die  grosse  Ausdehnung  gewonnen  hat,
welche  in  dem  letzten  Jahrzehend  zur  Geltung  gekommen  ist.  In  der
That  nehmen  die  diesem  Industriezweige  angehörenden  Fabriken  mit
jedem  Tage  an  Umfang  und  Bedeutung  zu.  Aus  den  winzigen,  schlecht
ventilirten,  wenig,  sauberen  Essigstuben  rein  empirisch  arbeitender
Kleinindustrieller  sind  in  grossartigem  Maassstabe  betriebene,  mit  allen
Hilfsmitteln  der  Wissenschaft  und  der  Technik  ausgestattete  Essigfabriken ­
  geworden  ;  die  mit  ein  oder  zwei  Retorten  arbeitenden,  weit
verstreuten  Holzschwelereien  haben  mächtigen  Etablissements  weichen
müssen,  welche  täglich  ganze  Waldungen  ihren  zahlreichen  Retorten
zuführen,  mit  den  daraus  gewonnenen  Holzkohlen  ihre  Hohöfen  unterhaltend, ­
  und  mit  dem  Holzessig  und  Holzgeist  eine  grosse  Zahl  der
oben  erwähnten  Fabriken  versorgend.
Es  ist  hier  wohl  der  Ort,  die  Frage  aufzuwerfen,  ob  der  Gewinnungsprocess
  von  Essigsäure  aus  dem  Holzessig  auf  die  Dauer  dem
aus  Spiritusessig  hinsichtlich  der  Rentabilität  Stand  halten  wird.
Verfolgt  man  die  einfache  Spaltung  des  Stärke-  resp.  des  Zuckermoleculs
  in  Alkohol  und  Kohlensäure  und  die  fast  theoretisch  sich  vollziehende ­
  Oxydation  des  Alkohols  zu  Essig  auf  den  Essigbildern,  so
kann  man  sich  fragen,  weshalb  man  das  dieselbe  erzeugende  Kraft  in
Anspruch  nehmende  Cellulosemolecul  im  Holz  einem  so  complexen  Process
  unterwirft,  wie  es  die  trockene  Destillation  ist,  bei  welcher  der
bei  Weitem  überwiegende  Theil  des  Kohlenstoffs  in  Form  von  Kohle
oder  schlecht  verwerthbarem  Theer  abgeschieden  wird.  Allerdings  ist
die  Cellulose  billiger  als  der  Zucker,  und  ist  die  Gewinnung  des  Holzessigs ­
  in  fast  allen  Fällen  Nebenzweck,  während  die  Kohle  und  neuerdings
der  Holzgeist  die  Producte  sind,  auf  welche  man  es  besonders  abgesehen
            
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