Essigsäure. 395
tion aufhört, sondern dass hei grossem Ueberschuss von Luft und ho
her Temperatur, wie sie in einem solchen Falle gewöhnlich in den
Bildern eintritt, die Essigsäure weiter zu Kohlensäure oxydirt wird,
ganz abgesehen davon, dass die höhere Temperatur zugleich eine grös
sere Verdunstung bedingt. Da für das Essiggut unzureichende Luft
mengen selbstverständlich weniger Essig geben, ja nach Pfund 1 ) er
hebliche Mengen von Aldehyd liefern, so ist vor Allem eine genaue
Regelung der zutretenden Luftmengen erforderlich, und zwar, wie
sich dies von selbst versteht, eine den äusseren Einflüssen Rechnung
tragende. Man erreicht dies am sichersten, wenn man die verbrauchte
Luft durch einen mit Regulirvorrichtung versehenen Canal mittelst
eines gut ziehenden Schornsteins, etwa eines Dampfkesselschornsteins,
oder, wo dies angeht mittelst eines Ventilators wegnimmt. Das ge
wöhnliche, weitaus gebräuchlichere Verfahren ist: die Luft von unten
in den Generator einzuführen, so dass also Essiggut und Luft in ent
gegengesetzter Richtung auf einander treffen. Die Luft tritt in diesem
Falle durch verstellbare Oeffnungen ein und wird oben beim Austritt
von einem rohrartigen Aufsatz nach dem Schornstein geführt.
Nach dem Vorgänge der schon von Liebig in seiner oben citirten
Abhandlung rühmlichst erwähnten Essigfabrik von Riemerschmidt
führt man auch wohl die Luft von oben in die Generatoren und zieht
die verbrauchte Luft unten mittelst eines gut ziehenden Schornsteins
ab. Der Vortheil dieser letzteren Methode liegt auf der Hand. Essig
gut und Luft fallen mit einander, die austretende Luft ist mit fertigem
Essig in Berührung und kann also nur von diesem mitführen, wogegen
bei dem alten Verfahren die verbrauchte Luft auf frisches Essiggut
trifft und sich also mit dem weit flüchtigem Alkohol beladen kann
und in der That auch belädt.
Da die abziehende Luft, wie wir noch sehen werden, die eigentlich
unvermeidliche Quelle des Verlustes, der bei der Essiggährung überhaupt
stattfindet, bildet, so ist es klar, dass in dem letzteren Falle dieser Ver
lust ein grösserer sein muss. Es kommt noch hinzu, dass der Luftzug
schwerer regulirbar ist, wenn die Luft oben abgeführt wird, insofern in
diesem Falle die Verbindung mit dem Schornstein aus leicht begreiflichen
Gründen keine absolut dichte sein kann. Der dem neuen Verfahren zu
machende Vorwurf, dass, wenn unverbrauchtes Essiggut in die unteren
Schichten des Bilders gelangt, dasselbe nicht mit reiner zur Oxydation
ausreichend sauerstoffhaltigen Luft in Berührung ist, darf als nicht
stichhaltig angesehen werden, da die Luft niemals ganz entsauerstofft
lst , wenn sie aus dem Bilder tritt, sondern noch immer, soweit dar
über etwas bekannt geworden, ca. 10 p.C. Sauerstoff zurückhält. Der
einzige Uebelstand bei dem Verfahren ist localer Natur. Gewöhnlich
*) Pfund, Dingt, pol. J. CCXX, 280 und 367.