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Full text: Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 21

Essigsäure. 401 
gesagt einer Verbindung von Kaliumacetat mit Essigsäure durch Ab- 
destilliren zu gewinnen, der auch hier und da zur Ausführung gekom 
men ist, ist für die Praxis nicht von der Bedeutung geworden, welche 
man zu erwarten berechtigt schien. Die sehr hohe Temperatur, die 
diese Methode erfordert, verbunden mit der Gefahr, die das Manipuliren 
mit geschmolzenen und bei zu grosser Hitze zersetzbaren Salzmassen 
für den Arbeiter mit sich führt, sind einer allgemeinen Anwendung 
hinderlich gewesen. 
Man stellt an eine gute Essigsäure, zumal wenn sie für medi- 
cmische oder analytische Zwecke Anwendung finden soll, die Anforde 
rung, dass sie frei von Mineralsäuren und Metallen, dann aber auch 
frei von empyreumatischen Beimengungen sei. Sie darf also eine Lö 
sung von Kaliumpermanganat selbst nach längerer Zeit nicht entfärben. 
Soweit diese Forderung sich auf verdünnte Essigsäure, oder auf eine 
mit gleichen Pheilen Wasser vermischte Essigsäure erstreckt, ist sie 
als vollkommen erfüllbar anzuerkennen. Starke 96 p. C. haltende 
Essigsäure aber gegen Kaliumpermanganatlösung bei Zutritt von Luft 
unempfindlich zu machen, ist unmöglich, weil eine solche Säure ein 
voitieffliches Lösungsmittel für die in der Atmosphäre schwebenden 
Oiganismen abgiebt. Man beobachtet deshalb bei einer starken Eisessig 
säure immer eine sehr bald eintretende reducirende Wirkung auf das 
eben genannte Reagens. 
Gewöhnlich genügt eine einmalige Rectification über Kalium- 
bichromat oder noch besser Kaliumpermanganat, um die Säure von 
entsprechender Reinheit zu erhalten. Die Operation wird am besten in 
kupfernen Dampfblasen, welche mit Silberkühlern verbunden sind, vor 
genommen; auch empfiehlt es sich zum Schutze des Metalls unter 
Kohlensäure ab Schluss zu arbeiten. 
Die Stärke der in den Handel gelangenden Eisessigsäure wird ge 
wöhnlich durch ihr Lösungsvermögen zu Citronenöl bestimmt. Man 
unterscheidet eine Säure, die Citronenöl in allen Verhältnissen, und eine 
solche, die dasselbe in dem Verhältniss bei 1 : 10 löst. Erstere entspricht 
einem Gehalte von 99 p. C., letztere einem solchen von 95 bis 96 p. C. 
Monohydrat. Da die Zuverlässigkeit dieser Bestimmung bis zum ge 
wissen Grade durch die Veränderlichkeit des Citronenöls alterirt wird, 
insofern ein theilweise verharztes Oel weit leichter von Essigsäure ge 
löst wird, so muss man der bei den dünneren Essigsäuren üblichen 
Methode, mit Normalnatron den Stärkegehalt festzustellen, ihrer abso 
luten Genauigkeit wegen den Vorzug geben. Nach den Bestimmungen 
Rüdorff’s !) schmilzt eine reine Essigsäure von 100 p. C. bei 16’70, 
ein geringer Gehalt von Wasser drückt den Schmelzpunkt bedeutend 
herab, so dass beispielsweise eine Säure von 94 p. C. einen um 8° nie- 
J ) Rüdorff, Ber. ehern. Ges. 1870, 390. 
Wiener Weltausstellung, in. I. 2. . 
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