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Full text: Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 21

Organische Säuren. 439 
nach längerem Einleiten der Kohlensäure fängt Phenol an abzudestil- 
liren, später in reichlicher Menge. Zuletzt steigert man die Tempe 
ratur auf 220° bis 250°. Die Operation ist beendet, wenn bei dieser 
Temperatur unter fortwährendem Einleiten von Kohlensäure kein 
Phenol übergeht.“ 
Das Verfahren kann (nach dem französischen Patent) in der Weise 
etwas abgekürzt werden, dass man das Phenol und das Alkalihydrat 
in einer eisernen Retorte erwärmt und dabei die Temperatur einige 
Zeit lang auf 180° erhält, um alles Wasser und das überflüssige Phenol 
zu verjagen, das man in geigneten Gefässen auffängt. Alsdann leitet 
man in die Retorte Kohlensäure. 
Der nach beendeter Reaction, d. h., wenn von dem unter fort 
währendem Einleiten von Kohlensäure schliesslich auf 250" erhitzten 
Retorteninhalt kein Phenol mehr abdestillirt, bleibende Rückstand ist 
bei gut geleiteter Operation von graulich weisser Farbe; er besteht aus 
natriumsalicylsaurem Natrium. 
Dies ist in Wasser mit dunkelbrauner Farbe sehr leicht löslich. Auf 
Zusatz von Salzsäure zu dieser Lösung gesteht das Ganze zu einem 
dicken Brei von ausgeschiedener Salicylsäure. Das dicke Magma wild 
in leinene Spitzbeutel gebracht und durch Pressen von der Mutterlauge 
vollständig befreit. Durch Umkrystallisiren, Sublimiren oder andere 
Reinigungsmethoden erhält man die Salicylsäure fast rein, sie hat nur 
einen Stich ins Gelbliche. Hr. Rautert 1 ) theilt mit, dass die Säure 
leicht entfärbt werden'kann, wenn man sie in einer Retorte auf 170° 
erhitzt und sodann einen Strom überhitzten Wasserdampfs (von 170") 
in die Retorte injicirt. Die Salicylsäure destillirt dann sogleich ganz 
farblos, und nach kurzer Zeit bleibt nur eine Spur einer schwarzen 
harzartigen Masse in der Retorte. Der Apparat muss so arrangirt 
sein, dass der Retortenhals auf mechanische Weise, z. B. durch einen 
eingelassenen beweglichen Draht von Krystallen, frei gehalten werden 
kann. Hr. Endemann 2 ) empfiehlt fractionirte Fällung der Säure. 
Wenn zuerst nur etwa V 20 der Salicylsäure gefällt wird, so erhält man 
einen fast schwarzen Niederschlag, der alle färbenden Stoffe enthält, 
und die weitere Fällung ist weiss. Hierbei ist ein Verlust an Säure 
unvermeidlich. 
Den Chemismus bei dieser Entstehung der Salicylsäure erklärt 
Hr. Kolbe in folgender Weise. In zwei Moleculen Phenolnatrium 
findet unter Einwirkung der Kohlensäure ein Austausch von Wasser 
stoff und Natrium in der Weise statt, dass einerseits Phenol, anderer 
seits Dinatriumphenol resultirt, welch letzteres sich direct mit Kohlen 
säure zu natriumsalicylsaurem Natrium verbindet: 
i) Rautert, Dingl. pol. J. Apr. 1875; Ber. chem. Ges. 1875, 537. 
2 ) Eudemann, Americ. Chem. VI, 47.
	        
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