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Gruppe III. Chemische Industrie.
Gerbsäuren 1 ).
Im Anschluss an die bisher betrachteten Aohlcharakterisirten orga
nischen Säuren mag hier eine Gruppe organischer Körper von compli-
cirter Zusammensetzung ihren Platz finden, die mit jenen zunächst nur
den Namen gemein haben, deren Constitution noch nicht soweit auf
geklärt ist, dass sie mit voller Sicherheit einem bestimmten Theil des
Systems eingereiht werden können — nämlich die Gerbsäuren.
Die merkwürdige im Pflanzenreich weit verbreitete Gruppe der
sogenannten Gerbsäuren ist entsprechend ihrer hohen praktischen Be
deutung vom Standpunkt der neueren wissenschaftlichen Forschung
durch vielfache Untersuchungen, indess bei weitem nicht mit den Er
folgen bearbeitet worden, die auf anderen Gebieten der organischen
Chemie erzielt worden sind. Wenn es auch gelungen ist, nach ver
schiedenen Richtungen einiges Licht in die verwickelten chemischen
Beziehungen dieser merkwürdigen Körper zu werfen, so hat doch gerade
hier die reine Wissenschaft der instinctiv vorauseilenden Empirie nur
langsam folgen können.
Nach dem jetzigen Stande der Kenntniss der Gerbsäuren unter
liegt es keinem Zweifel, dass man mit diesem Namen eine Reihe von
Körpern zusammenfasst, die nur durch gewisse charakteristische Eigen
schaften zu einander in Beziehung, grossentheils aber in keinem näheren
genetischen Zusammenhang stehen. Sie alle sind schwache Säuren,
von zusammenziehendem Geschmack, geben mit Eisensalzen schwarz
blaue oder grüne Verbindungen, fällen Leimlösungen und haben die
Fähigkeit, thierische Haut zu gerben, in Leder zu verwandeln — Eigen
schaften, auf denen ihre wichtigen Anwendungen in der Technik beruhen.
Die Aufgabe, die chemische Natur, die Constitution der Gerbsäuren
aufzuklären, ist bis auf die neueste Zeit das Ziel eingehender Unter
suchungen gewesen und bezüglich der bekanntesten Gerbsäure, der
Galläplelgerbsäure in der That auch zu einer befriedigenden Lösung
geführt worden, während die Natur der übrigen weit weniger erforsch
ten Gerbsäuren noch vollkommen dunkel ist.
Eine ganze Reihe von Arbeiten über die Galläpfelgerbsäure ver
folgte insbesondere den Zweck, die Beziehungen des Tannins zur Gallus
säure, in die es mit Leichtigkeit übergeht, festzustellen.
Entgegen den früheren Ansichten von Wetherill 3 ), der Tannin
und Gallussäure für isomer hielt, und von Mulder ^), der eine Differenz
‘) Von O. I). 2 ) Wetherill, Journ. de pharm. XIX, 107; J. pr.
Chem. XLII, 247. s ) Mulder, Scheik. Onderzoekingen (1847), IV, 639;
J. pr. Chem. XLVIII, 90.