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Full text : Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 21

472

Gruppe  III.  Chemische  Industrie.
Papaverin,  C21H21NO4,  ist  nach  dem  Verfasser  nach  der  angeführten ­
  Formel  zusammengesetzt.  Zur  Darstellung  dieses  Alkaloids
wurde  dessen  Eigenschaft  benutzt,  dass  es  Essigsäure  nicht  neutralisirt;
man  erhält  so  ein  Gemisch  von  Narcotin  und  Papaverin,  aus  welchem
letzteres  mittelst  Oxalsäure  abgeschieden  wird.  Das  durch  Umkrystallisiren
  des  Oxalates  aus  kochendem  Wasser  und  schliesslich  der  freien
Base  aus  kochendem  Weingeist  gereinigte  Papaverin  zeigt  nur  schwierig ­
  die  blaue  Färbung  mit  Schwefelsäure,  welche  der  Entdecker  dieser
Base,  G.  Merck,  so  leicht  bei  dem  Alkaloid  eintreten  sah.  Es  löst  sich
sogar  farblos  in  concentrirter  Schwefelsäure,  wenn  man  vorsichtig  damit
operirt.  Das  Papaverin  geht  bei  seiner  Behandlung  mit  verdünnter
Salpetersäure  sehr  leicht  in  Nitropapaverin  über,  das  im  freien  Zustande
dieselbe  procentische  Zusammensetzung  hat,  wie  das  Nitrocryptopin,
jedoch  1  Molecul  Krystallwasser  enthält,  das  es  bei  seiner  Verbindung
mit  Säuren  meist  abgiebt.  Es  ist  daher:
Nitrocryptopin  =  C2iH 2 2(N0 2 )N0-,.
Nitropapaverin  =  C 2I H 2 2  (N0 2 )N0 5  =  C 21  H 20  (N  0 2 )  N  0 4  +  H 2 0.
Das  Papaverin  glaubte  Leidesdorf 1 )  als  ein  vorzügliches  Mittel
gegen  Schlaflosigkeit,  namentlich  bei  Geisteskranken,  ansprechen  zu
müssen.  Es  kam  daher  für  einige  Zeit  in  Aufnahme,  ist  aber  gegenwärtig ­
  fast  ganz  ausser  Gebrauch,  weil,  wie  sich  später  herausgestellt
hat,  es  nahezu  ohne  jede  Wirkung  ist.
Dasselbe  gilt  auch  von  dem  Narcei'n,  von  welchem  früher
CI.  Bernard  nur  Rühmliches  berichten  konnte.
Ausser  diesen  Basen  sind  vom  Verfasser 2 )  noch  die  folgenden  aus
dem  Opium  dargestellt  worden:
Laudanin,  C2 0 H2:,NO 4 ,  1870  aufgefunden,  krystaUisirt  in  farblosen ­
  körnigen  Krystallen,  welche  sich  leicht  in  siedendem,  schwer  in
kaltem  Alkohol  lösen.  Es  bildet  mit  Säuren  meist  gut  krystallisirende
Salze,  löst  sich  auch  in  Aetzlaugen,  woraus  es  jedoch  durch  weiteren
Zusatz  von  Kali-  oder  Natronlauge  wieder  gefällt  wird.  Das  Laudanin
ist  in  bedeutender  Menge  in  dem  Opium  enthalten,  scheint  sich  jedoch
nicht  an  dessen  Wirkungsweise  zu  betheiligen,  da  nach  Versuchen,
welche  Fronmüller  an  mehreren  Personen  anstellte  und  wobei  die
Dosis  bis  zu  1'5  g  gesteigert  wurde,  irgend  welche  Wirkung  nicht
zu  bemerken  war.
Codamin,  isomer  mit  Laudanin,  löst  sich  leicht  in  Alkohol  und
krystallisirt  in  grossen,  farblosen  Prismen.  Es  zeichnet  sich  vor  allen

*)  Leidesdorf,  Allg.  Wiener  Med.  Ztg.  1869,  Nr.  1.  2 )  Hesse,  Ann.
Chem.  Pharm.  C.LIII,  47  und  Suppl.  VIII,  261.
            
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