Die Industrie der Fettkörper und das Glycerin. 495
öffentlichte, geht hervor, dass bis dahin eine süddeutsche Fabrik im
Wesentlichen nach Tilghman’s Methode gearbeitet, aber selbst bei
14 Atmosphären Druck und 7- bis 10 ständiger Arbeit keine genügend
vollständige Zersetzung des Talgs erzielt hatte, und dass sie dadurch,
sowie durch die mit dem Hochdruckverfahren verbundenen Gefahren
veranlasst wurde, zur Schwefelsäureverseifung überzugehen.
Wird die Einwirkung des überhitzten Wassers mit einer Destil
lation im überhitzten Wasserdampf verbunden, so ist die Zerlegung
der Fette eine vollständige, aber das Product, insbesondere die Olein
säure, nicht von derselben Güte, wie die durch Kalkverseifung ge
wonnene. Dieses von Wilson und Payne 1 ) eingeführte Verseifungs
verfahren verdankt der Benutzung des Palmöls seine Entstehung und
ist unseres Wissens nur in den Beimont Works der Price’s Patent Candle
Company zu Battersea (London) vorübergehend angewandt worden. Viel
häufiger lässt man, wie es auch gegenwärtig in der eben genannten Fabrik
geschieht, der Destillation eine Behandlung mit Schwefelsäure voraus
gehen. Man hat dann die sogenannte Schwefelsäureverseifung vor sich,
welche aber in den verschiedensten Formen ausgeführt wird und auf
welche sich die Mehrzahl der in dem letzten Jahrzehend bekannt ge
wordenen Verbesserungen und Erörterungen bezieht.
Frankreich und England schreiben beide sich die Ehre der Ent
deckung dieses Verfahrens zu, jenes indem es auf Arbeiten von
Fremy, Melsens und Dubrunfaut 2 ) sich beruft, dieses mit mehr
Recht, indem es die Patente aufzählt, welche Jones, Wilson und
Gwynne 3 ) erhielten. Sicher ist, dass man anfangs in beiden Ländern
sehr grosse Mengen Schwefelsäure anwandte und diese viele Stunden
mit dem Fett in Berührung Hess, dadurch daun aber nicht allein das
Glycerin, sondern auch einen Theil der Fettsäuren, insbesondere der
Oelsäure, zerstörte. Zu Anfang der fünfziger Jahre war man in den
Price’s Patent Candle Works 4 ) auf 5'5 p. C. Schwefelsäure herunter
gegangen, aber Hess diese Säure bei 170 bis 176° auf das Palmöl ein
wirken und erhielt eine feste schwarze Masse, welche gewaschen und
unter Einleiten von überhitztem Dampf bei 290 bis 300° destillirt
wurde. Man erhielt erste Produete, welche direct zu Kerzen verwandt,
spätere, welche gepresst oder nochmals destillirt wurden. Während
mau nun in der genannten Fabrik eine Zeit lang die Schwefelsäure ganz
4 ) G. F. Wilson u. G. Payne, Patent vom 24. Juli 1854,
Nr. 1624. 2 ) Rapports du jury international, Paris 1868, VIII, 386.
3 ) W. C. Jones u. G. P. Wilson, Patent vom 8. Dee. 1842, Nr. 9542. —
G. Gwynne u. G. P. Wilson, Patent vom 28. Dec. 1843, Nr. 10000;
vom 20. Mai 1844, Nr. 10 191. — G. P. Wilson, G. Gwynne u. J.P. Wil
son, Patent vom 31. Oct. 1844, Nr. 10371. 4 ) Londoner Ausstellungs
bericht III, 492; eil. H. Schmidt, Kerzenfabrikation, Weimar 1863, 273.