508
Gruppe III. Chemische Industrie.
und krystallisiren beim Abkühlen wieder, so lange noch ein Rest davon
vorhanden ist. Haben sie Wasser angezogen, so zerüiessen sie rasch
auch bei niedrigeren Temperaturen. — Den Siedepunkt des Glycerins
bestimmten Mendelejeff 1 ), später Oppenheim u. Salzmann zu
290°, aber schon bei 100° und selbst bei darunter liegenden Tempera
turen verdampft das Glycerin in sehr merkbarer Menge, wie Heintz 2 ),
Berthelot und Andere beobachteten. Im wasserfreien Zustande, bei
1'26 specif. Gew., fängt es bei 150° Feuer und brennt mit ruhiger blauer,
nicht leuchtender Flamme, ohne Geruch und ohne Rückstand zu lassen;
auch wasserhaltiges Glycerin kann mit Hilfe eines Dochtes verbrannt
werden und verbreitet selbst beim Auslöschen keinen Geruch 3 ).
Seit das Glycerin als dreiatomiger Alkohol erkannt ist, lässt sich
eine fast unendlich grosse Zahl von Verbindungen als existenzfähig
voraussehen, welche ihren Ausgangspunkt im Glycerin finden. Schon
die Zahl der Glyceride 4 ) im engeren Sinne, der ätherartigen Verbin
dungen des Glycerins mit 1, 2 oder 3 Atomen derselben oder verschie
dener Säuren ergiebt sich bei Annahme von 1000 Säuren zu etwa 167
Millionen. Hierzu kommen noch die durch Wasseraustritt erzeugten
Glycidverbindungen 5 ), die Polyglycerine 6 ), die durch Uebergang des
dreiatomigen Radicals 0 3 H 5 in das einatomige Allyl 7 ) entstehenden, und
endlich alle die Verbindungen, welche durch weiteres Zerfalleü des Gly-
eerinradicals erzeugt werden können. Sie alle würden sich aus dem
überreichlich zur Verfügung stehenden Material darstellen lassen, wüsste
die Technik irgend eine nutzbare Anwendung von ihnen zu machen.
Aber abgesehen von Laboratoriumszwecken dient nur in einem einzigen
Falle, bei Darstellung von Nitroglycerin, das Glycerin als Ausgangs
punkt anderer chemischen Verbindungen. In einem zweiten Falle, bei
Darstellung von Senföl aus Allylverbindungen 8 ), indirect aus Glycerin,
ist man anscheinend nicht über das Versuchsstadium hinausgelangt.
Alle die so überaus zahlreichen Anwendungen des Glycerins sind durch
seine physikalischen oder, wenn man will, physiologischen Eigenschaften
bedingt.
7 ) Mendelejeff, Ann. Chem. Pharm. CXIV, 167. — A. Oppenheim u.
M. Salzmann, Ber. ehern. Ges. VII, 1622. — Siehe über Eigenschaften des
Glycerins auch A. Henninger, Bull. Soc. chim. [2] XXIII, 434; Th. Bolas,
Chem. Soc. Journ. [2] IX, 84; Lieb. u. Kopp’s Jahresber. 1871, 398. 2 ) Heintz,
Pogg. Ann. XCIII, 431; Lieb. u. Kopp’s Jahresber. 1854, 448. — Berthelot,
Ann. Chim.Phys.[3] XLI, 224. — Pohl u. König, Untersuch, österr. Weine,
Wien 1864, 85; Wagn. Jahresber. 1868, 343, suchten den Grad der Verdampf
barkeit zu ermitteln, Wagner bemerkt dazu, dass diese Verhältnisse beim
Trocknen von Weinextracten Beachtung erfordern. 3 ) B. Godeffroy, Ber.
chem. Ges. VII, 1566. 4 ) Berthelot, Chim. organ. fondöe sur la Synthese,
Paris 1860; auch Ann. Chim. Phys. [3] XLI, 271. B ) Beboul, Ann. Chim.
Phys. [3] LX, 40. 6 ) Lourengo, das. [3] LXVII, 299. 7 ) Cahours u. Hofmann,
Compt. rend. XLII, 217; Ann. Chem. Pharm. CII, 285. 8 ) Zinin, Ann. Chem.
Pharm. XCV, 128, — Berthelot u. de Luca, Ann. Chim. Phys. [3] XLIV, 495.