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Full text : Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 21

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Die  Industrie  der  Fettkörper  und  das  Glycerin.
Das  Glycerin  ist  zunächst  ein  Genussmittel,  verdaulich,  im  Geschmack ­
  nicht  vom  Rohrzucker  zu  unterscheiden,  vor  diesem  aber  als
nicht  gährungsfähiger,  nicht  austrocknender  und  unter  gewöhnlichen
Umständen  nicht  krystallisirender  Zucker  für  viele  Zwecke  durch  die
genannten  Eigenschaften  bevorzugt.  Jedem  Bedenken,  oh  eine  solche
Verwendung  des  Glycerins  zulässig  sei,  tritt  die  Erfahrung  Pasteur’s  *)
entgegen,  dass  Glycerin  ein  constantes  Product  der  Weingährung  des
Zuckers  und  somit  ein  Bestandtheil  der  geistigen  Getränke  ist.  Wenn
wir  im  Wein  und  Bier  (ob  auch  im  Brod,  z.  B.  im  Pumpernickel?),
auch  bei  althergebrachter  Darstellungsweise  dieser  G  etränke,  regelmässig
Glycerin  geniessen,  so  schwindet  ein  grosser  Theil  der  Bedenken,  welche
gegen  einen  weiteren  Zusatz  von  Glycerin  zu  diesen  Flüssigkeiten  geltend ­
  gemacht  werden  können,  und  die  Zunge  wird  der  alleinige  Richter.
In  der  That  findet  ein  erheblicher  Theil  des  Glycerins  in  offener  oder
versteckter  Weise  seinen  Weg  in  die  Keller  der  Bierbrauer  und  Weinhändler, ­
  welche  dem  Glycerin  nachrühmen,  es  bilde  den  einzigen  Zusatz,
mit  welchem  man  den  Wein  selbst  auf  der  Flasche  noch  zu  verbessern
vermöge  und  welcher  beim  Bier  ausserdem  die  Haltbarkeit  erhöhe  2 ).
Noch  weniger  kann  die  Anwendung  von  Glycerin  in  der  Liqueur-  und
Limonadenfabrikation,  als  Zusatz  zum  Branntwein,  Essig  und  Senf  Anstoss
  erregen  und  findet  vielfach  statt 3 ).  Dagegen  scheint  der  Vorschlag, ­
  die  Milch  anstatt  mit  Zucker  unter  Zusatz  von  Glycerin  einzudicken ­
  4 ),  vorläufig  unbeachtet  geblieben  zu  sein,  obgleich  eine  condensirte
  Glycerinmilch  durch  leichtere  Handhabung  und  Vertheilung  bei
übrigens  guten  Eigenschaften  Vortheile  vor  der  mit  Zucker  abgedampften ­
  haben  würde.  Manche  Früchte,  z.  B.  die  Kronsbeeren,  lassen  sich
mit  Glycerin  zu  Conserven  einkochen,  welche  noch  leichter  als  Zuckerconserven
  gallertartig  gestehen,  von  diesen  durch  den  Geschmack  nicht
unterschieden  werden  und  ihnen  gegenüber  den  Vorzug  grösster  Haltbarkeit ­
  haben  5 ).  Andere  Früchte  werden  im  Glycerin  hart  und  ungeniessbar,
  vielleicht  weil  das  so  überaus  hygroskopische  Glycerin  ihnen
das  Wasser  zu  vollständig  entzieht.  Diese  Beobachtungen  könnten  den
Aerzten  nützlich  werden,  welche  den  Diabetikern  Glycerin  verordnen
und  ihren  Kranken  das  Einnehmen  grosser  Dosen  Glycerin  erleichtern.
Andere  Eigenschaften,  besonders  die  Fähigkeit,  selbst  in  dünnen

J )  Pasteur,  Compt  rend.  XLVI,  857;  Ann.  Chem.  Pharm.  CVI,  338.
2 )  Der  Zusatz  von  Glycerin  zu  Wein-  und  zu  Fruchtessenzen  scheint  zuerst
von  Kietzinsky,  Dingl.  pol.  J.  CLXXI,  370;  Wagn.  Jahresber.  1864,  441,
empfohlen  zu  sein.  Siehe  über  diese  Anwendung  auch  Wagn.  Jahresber.  1868,
523;  über  die  zu  Bier  Fleck,  Dingl.  pol.  J.  CLXLVI,  487;  Wagn.  Jahresber.
1870,  462.  3 )  Circular  der  Glycerinraffinerie  Eisenbüttel,  Deutsche  Industriezeitung ­
  1873,  217;  Wagn.  Jahresber.  1873,  444.  4 )  Wanklyn,  Patent
vom  10.  Juli  1871,  No.  1801;  Bull.  Soc.  chim.  [2]  XVII,  192.  6 )  Siehe  auch
Rief,  Polyt.  Centr.  1873,  1311.
            
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