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Die Industrie der Fettkörper und das Glycerin.
Das Glycerin ist zunächst ein Genussmittel, verdaulich, im Geschmack
nicht vom Rohrzucker zu unterscheiden, vor diesem aber als
nicht gährungsfähiger, nicht austrocknender und unter gewöhnlichen
Umständen nicht krystallisirender Zucker für viele Zwecke durch die
genannten Eigenschaften bevorzugt. Jedem Bedenken, oh eine solche
Verwendung des Glycerins zulässig sei, tritt die Erfahrung Pasteur’s *)
entgegen, dass Glycerin ein constantes Product der Weingährung des
Zuckers und somit ein Bestandtheil der geistigen Getränke ist. Wenn
wir im Wein und Bier (ob auch im Brod, z. B. im Pumpernickel?),
auch bei althergebrachter Darstellungsweise dieser G etränke, regelmässig
Glycerin geniessen, so schwindet ein grosser Theil der Bedenken, welche
gegen einen weiteren Zusatz von Glycerin zu diesen Flüssigkeiten geltend
gemacht werden können, und die Zunge wird der alleinige Richter.
In der That findet ein erheblicher Theil des Glycerins in offener oder
versteckter Weise seinen Weg in die Keller der Bierbrauer und Weinhändler,
welche dem Glycerin nachrühmen, es bilde den einzigen Zusatz,
mit welchem man den Wein selbst auf der Flasche noch zu verbessern
vermöge und welcher beim Bier ausserdem die Haltbarkeit erhöhe 2 ).
Noch weniger kann die Anwendung von Glycerin in der Liqueur- und
Limonadenfabrikation, als Zusatz zum Branntwein, Essig und Senf Anstoss
erregen und findet vielfach statt 3 ). Dagegen scheint der Vorschlag,
die Milch anstatt mit Zucker unter Zusatz von Glycerin einzudicken
4 ), vorläufig unbeachtet geblieben zu sein, obgleich eine condensirte
Glycerinmilch durch leichtere Handhabung und Vertheilung bei
übrigens guten Eigenschaften Vortheile vor der mit Zucker abgedampften
haben würde. Manche Früchte, z. B. die Kronsbeeren, lassen sich
mit Glycerin zu Conserven einkochen, welche noch leichter als Zuckerconserven
gallertartig gestehen, von diesen durch den Geschmack nicht
unterschieden werden und ihnen gegenüber den Vorzug grösster Haltbarkeit
haben 5 ). Andere Früchte werden im Glycerin hart und ungeniessbar,
vielleicht weil das so überaus hygroskopische Glycerin ihnen
das Wasser zu vollständig entzieht. Diese Beobachtungen könnten den
Aerzten nützlich werden, welche den Diabetikern Glycerin verordnen
und ihren Kranken das Einnehmen grosser Dosen Glycerin erleichtern.
Andere Eigenschaften, besonders die Fähigkeit, selbst in dünnen
J ) Pasteur, Compt rend. XLVI, 857; Ann. Chem. Pharm. CVI, 338.
2 ) Der Zusatz von Glycerin zu Wein- und zu Fruchtessenzen scheint zuerst
von Kietzinsky, Dingl. pol. J. CLXXI, 370; Wagn. Jahresber. 1864, 441,
empfohlen zu sein. Siehe über diese Anwendung auch Wagn. Jahresber. 1868,
523; über die zu Bier Fleck, Dingl. pol. J. CLXLVI, 487; Wagn. Jahresber.
1870, 462. 3 ) Circular der Glycerinraffinerie Eisenbüttel, Deutsche Industriezeitung
1873, 217; Wagn. Jahresber. 1873, 444. 4 ) Wanklyn, Patent
vom 10. Juli 1871, No. 1801; Bull. Soc. chim. [2] XVII, 192. 6 ) Siehe auch
Rief, Polyt. Centr. 1873, 1311.