Pflanzenfaser. 41
kaum zu erwarten, so lange dieselben nicht regelmässig cultivirt und
die Zubereitung durch Maschinen bewerkstelligt werden kann.
Apocyneenfasern 1 ).
Die Rinde der 1 bis 2 1 /,; m langen Schösslinge von Apocynum
venetum und A. sibiricum enthalten einen Bast, welcher durch Rösten
leicht aufgeschlossen wird und eine werthvolle sehr feste und zugleich
weiche Faser liefert, die sich leicht bleichen lässt. In Südrussland,
der Caspisgegend, Sibirien, Turkestan und Taschkent wird von der
Faser der beiden Arten ausgedehnte Anwendung gemacht; sie wird dem
Flachs ähnlich verarbeitet.
Nesselfasern, Chinagrass, Rhea, Ramie.
Die Stengel der der Familie der Urticeen ungehörigen Pflanzen
sind ohne Ausnahme reich an Bastfaser und viele derselben werden
schon seit den ältesten Zeiten zur Erzeugung von Gespinnstfasern be
nutzt.
Der ursprünglich aus Asien stammende Hanf ist für Europa der
wichtigste Repräsentant dieser Familie.
Als eine andere in diese Familie gehörige Pflanze ist der Hopfen
zu erwähnen, dessen Stengel oder Reben in neuerer Zeit wiederholt
als Fasermaterial in Vorschlag\gebracht wurde; dieser Gegenstand
wird in dem Abschnitte über die Papiermaterialien (Seite 123) aus
führlich besprochen werden.
Aus den gemeinen Brennnesseln, Urtica dioica und TJ. urens,"wurde
vormals in Europa die Bastfaser ähnlich wie die des Flachses abgeschie
den und stand das daraus gefertigte sogenannte Nesseltuch seiner Fein
heit halber in grossem Ansehen. Im Laufe der Zeit ist dasselbe jedoch
ganz ausser Gebrauch gekommen und durch die feineren Leinwand
gewebe verdrängt worden. Neuerdings hat man versucht besonders die
U. dioica wieder zur Geltung zu bringen, doch liegen bis jetzt noch
keine zuverlässigen Berichte vor, um beurtheilen zu können, ob der
Anbau derselben dem Flachs gegenüber wirklich Yortheile bietet. So
lange nur das Material der wildwachsenden Pflanze zu Gebote steht,
kann selbstverständlich heutzutage an eine industrielle Yerwerthuug
der Brennnesselfaser nicht gedacht werden.
Ueber die in den letzten Jahren in Deutschland ausgeführten
Culturversuche mit einer auf dem Aleghanygebirge (Nordamerika)
*) H. Grothe, Chem. Centralbl. 1871, 416.