MAK

Full text: Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 21

Pflanzenfaser. 
45 
Zustande der Rohfaser koine der anderen werthvollen Qualitäten be 
merkbar. Der hohe Seideglanz, Geschmeidigkeit und die ausserordent 
liche Länge (bis zu 22 cm, siehe Tabelle S. 25) der diesen Bast zusam 
mensetzenden Faserzellen kommen erst bei weiterer Verarbeitung zum 
Vorschein. 
In diesem rohen Zustand liefert dieser Bast ein vortreffliches Ma 
terial für feinere Seilerarbeiten, seines hohen Preises halber kann je 
doch nur in seltenen Fällen zu diesem Zweck Anwendung davon ge 
macht werden und daher wird weitaus die Hauptmenge in der Weberei 
verwendet. 
Um den Bast jedoch für diesen Zweck geeignet zu erhalten, muss 
derselbe einen besondern Aufbereitungsprocess durchmachen. In China, 
wo man, wie schon erwähnt, seit langer Zeit diese Faser zur Erzeu 
gung von allerlei Geweben benutzt, wird die rohe Bastfaser durch ein 
eigenthümliches Verfahren aufgeschlossen und in feine Fasern zerlegt; 
dieses besteht im Wesentlichen in einer Behandlung mit Aschenlauge 
und Seifenlösung. 
Noch unbekannt mit diesem Verfahren bemühte man sich in Eu 
ropa anfangs vergebens diese Faser für feinere Gewebe verwendbar 
zu machen und wie es scheint gelang es zuerst John H. Dickson in 
England (1862) und einige Zeit nachher Mallard & Bouneaud in Lille 
dieses Ziel zu erreichen. Nach dem von diesen benutzten Verfahren 
wurde die rohe Faser in etwa 5 cm lange Stücke geschnitten und dann 
mit Oel und Alkalilauge behandelt. Es ist dieses also im Grund ge 
nommen derselbe Process wie der chinesische. Nach Mallard & Bou 
neaud verliert die rohe Faser 25 p. C. von ihrem Gewichte. Seitdem 
hat man dieses Verfahren noch weiter verbessert und wird jetzt an 
verschiedenen Orten, besonders in Bradford, Rouen, Chemnitz und Olden 
burg , die Böhmeriafaser so zubereitet und fast ausschliesslich zur Er 
zeugung einer gewissen Classe seideglänzender Damenkleiderstoffe ver 
wendet. • 
Früher nannte man die so aufgeschlossene Faser cottonisirte Rhea 
oder Ramie, nachdem man jedoch inzwischen gelernt hat, die rohe Fa 
ser in ihrer ganzen Länge so aufzubereiten und auf Flachsmaschinen 
anstatt wie früher auf Baumwollenmaschinen zu verspinnen, kam die 
ser Namen als unpassend allmälig ausser Gebrauch und man nennt die 
Faser gegenwärtig gewöhnlich gebleichtes Chinagrass, Rhea oder 
Ramie. 
In diesem Zustande ist die Böhmeriafaser von blendend weisser 
Farbe, stark seideartigem Glanz und ausnehmender Reinheit; sie be 
steht in Wirklichkeit aus den isolirten äusserst langen Bastzellen in 
fast vollkommen erhaltenem Zustand. Sie übertrifft alle anderen 
Pflanzenfasern an Schönheit und angeblich wird ihre Festigkeit nur 
durch die der Marsdeniafaser (Yercum oder Jetee) übertroffen.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.