Pflanzenfaser.
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Zustande der Rohfaser koine der anderen werthvollen Qualitäten be
merkbar. Der hohe Seideglanz, Geschmeidigkeit und die ausserordent
liche Länge (bis zu 22 cm, siehe Tabelle S. 25) der diesen Bast zusam
mensetzenden Faserzellen kommen erst bei weiterer Verarbeitung zum
Vorschein.
In diesem rohen Zustand liefert dieser Bast ein vortreffliches Ma
terial für feinere Seilerarbeiten, seines hohen Preises halber kann je
doch nur in seltenen Fällen zu diesem Zweck Anwendung davon ge
macht werden und daher wird weitaus die Hauptmenge in der Weberei
verwendet.
Um den Bast jedoch für diesen Zweck geeignet zu erhalten, muss
derselbe einen besondern Aufbereitungsprocess durchmachen. In China,
wo man, wie schon erwähnt, seit langer Zeit diese Faser zur Erzeu
gung von allerlei Geweben benutzt, wird die rohe Bastfaser durch ein
eigenthümliches Verfahren aufgeschlossen und in feine Fasern zerlegt;
dieses besteht im Wesentlichen in einer Behandlung mit Aschenlauge
und Seifenlösung.
Noch unbekannt mit diesem Verfahren bemühte man sich in Eu
ropa anfangs vergebens diese Faser für feinere Gewebe verwendbar
zu machen und wie es scheint gelang es zuerst John H. Dickson in
England (1862) und einige Zeit nachher Mallard & Bouneaud in Lille
dieses Ziel zu erreichen. Nach dem von diesen benutzten Verfahren
wurde die rohe Faser in etwa 5 cm lange Stücke geschnitten und dann
mit Oel und Alkalilauge behandelt. Es ist dieses also im Grund ge
nommen derselbe Process wie der chinesische. Nach Mallard & Bou
neaud verliert die rohe Faser 25 p. C. von ihrem Gewichte. Seitdem
hat man dieses Verfahren noch weiter verbessert und wird jetzt an
verschiedenen Orten, besonders in Bradford, Rouen, Chemnitz und Olden
burg , die Böhmeriafaser so zubereitet und fast ausschliesslich zur Er
zeugung einer gewissen Classe seideglänzender Damenkleiderstoffe ver
wendet. •
Früher nannte man die so aufgeschlossene Faser cottonisirte Rhea
oder Ramie, nachdem man jedoch inzwischen gelernt hat, die rohe Fa
ser in ihrer ganzen Länge so aufzubereiten und auf Flachsmaschinen
anstatt wie früher auf Baumwollenmaschinen zu verspinnen, kam die
ser Namen als unpassend allmälig ausser Gebrauch und man nennt die
Faser gegenwärtig gewöhnlich gebleichtes Chinagrass, Rhea oder
Ramie.
In diesem Zustande ist die Böhmeriafaser von blendend weisser
Farbe, stark seideartigem Glanz und ausnehmender Reinheit; sie be
steht in Wirklichkeit aus den isolirten äusserst langen Bastzellen in
fast vollkommen erhaltenem Zustand. Sie übertrifft alle anderen
Pflanzenfasern an Schönheit und angeblich wird ihre Festigkeit nur
durch die der Marsdeniafaser (Yercum oder Jetee) übertroffen.