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48 Gruppe III. Chemische Industrie.
aus mehreren, verschiedene Lagen bildenden histologischen Elementen
zusammengesetzt. Unter der Oberhaut liegt zunächst eine Collenchym-
Schicht und unter dieser die Parenchymschicht. Dieser folgt dann die
besonders stai’k entwickelte eigentliche Bastschicht und hierauf endlich
das Cambium, welches sich an den Holzkörper anschliesst. Dieser
Holzkörper ist wie bei allen perennirenden Pflanzen stark ausgebildet,
und obschon einen ansehnlichen Markkeru einschliessend, besitzt der
selbe eine beträchtliche Festigkeit. Dieser letztere Umstand bedingt,
dass bei der Verarbeitung der Stengel der Holzkern im ganzen Zu
stand abgeschieden wird und dieses nicht etwa in ähnlicher Weise wie
bei Flachs und Hanf durch die Operation des Brechens geschehen kann.
Obgleich im frischen Zustand sich die Rinde ohne grosse Schwierig
keit von den Stengeln abziehen lässt, so bleibt dieses doch immer eine
umständliche und kostspielige Operation, wenn dieselbe durch Hand
arbeit vollzogen werden soll; es ist daher ein wesentlicher Punkt in
den angestrebten Verbesserungen in der Abscheidung der Böhmeria-
faser, dass diese Arbeit durch Maschinen verrichtet wird. Von zweit
grösster Wichtigkeit ist die Trennung der Oberhaut, Collenchym- und
Parenchymschicht von der eigentlichen Bastschicht und wie es scheint
steht in Aussicht, dass sich auch dieses durch Maschinenarbeit ausführen
lassen wird. In Nachahmung der chinesischen Aufbereitungsmethode
entfernt, wie schon angeführt, die vonGrothe erwähnte Maschine diese
äusseren werthlosen Rindenschichten vor dem Abschälen der Bastschicht
und wird also in diesem Falle das Product in der Form des sogenann
ten Chinagrases, d. h. als reiner Bast erhalten.
Aber schon allein damit, dass das Abschälen der Stengel durch
Maschinen auf billige und schnelle Weise besorgt werden kann, wäre
ein wesentlicher Vortheil errungen, denn die so erzeugte noch ganze
Bastrinde würde dann der aus Indien ausgeführten Rheafaser gleichen
und wie diese ohne grosse Schwierigkeit weiter verarbeitet werden
können.
Die ziemlich allgemein verbreitete Meinung, dass sich die Böh-
meriafaser nicht durch ein Röstverfahren abscheiden lasse, scheint auf
der Erfahrung zu beruhen, dass durch die Wirkung des Röstens die
Abscheidung der Faser nicht wesentlich erleichtert und ausserdem
hierdurch die Qualität derselben leicht wesentlich beeinträchtigt wird.
Setzt man Böhmeriastengel mit Wasser übergossen einer Tempe
ratur von 25 bis 30° aus, so treten nach kurzer Zeit Gährungserschei-
nungen ein, welche bei Anwendung von noch frischem Material ganz
dieselben sind wie bei der Warm wasserröste des Flachses; verbrei
tet sich hierbei unter anderem derselbe charakteristische höchst unan
genehme Geruch. Bei gleicher Behandlung getrockneter indischer oder
französischer Stengel macht sich statt dessen der Geruch nach Butter-
saure bemerklich.