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Gruppe III. Chemische Industrie.
liehen Rinden, aus Baumwolle, jungen Bambusschösslingen und ver
schiedenen Stroharten Papier erzeugte. Etwa hundert Jahre nach der
Erfindung fing man dann an, auch alte Baumwollen- und Leinengewebe
zu diesem Zwecke zu verarbeiten.
Während nun in China alle diese Materialien verwendet wurden,
beschränkten sich die Araber ausschliesslich auf den Gebrauch der
rohen Baumwolle. Diese wurde mit der Hand in Mörsern gestossen
und dann die mit Wasser angerührte Faser auf Formen geschöpft. Im
Laufe der Zeit scheint man in Spanien zuerst und dann später im
14. Jahrhundert, als man auch in Deutschland mittlerweile die Hand
arbeit durch die mit Wasser getriebenen kräftigeren Stampfwerke er
setzt hatte, die wichtige Erfahrung gemacht zu haben, dass sich auch
leinene und hänfene Gewebeabfälle oder Hadern in Papierbrei verwan
deln lassen, nachdem sie vorher eine Gährung oder angehenden Fäul-
nissprocess durchgemacht haben. Diese Entdeckung war für Europa
von der grössten Wichtigkeit, denn nun erst liess sich ein Papier dar
stellen, welches, ungleich fester und dauerhafter als das Baumwollen
papier, einer allgemeineren Anwendung fähig war und in den meisten
Fällen das um diese Zeit für bessere Zwecke allgemein gebräuchliche
Pergament ersetzen konnte 1 ). Da die Baumwolle ohnedies viel weniger
leicht zu beschaffen war, blieben von nun an die leinenen Hadern das
Rohmaterial für die Papierbereitung.
Schon im Laufe des 18. Jahrhunderts machte sich jedoch allmä-
lig ein (wohl nur localer) Mangel dieses Rohmaterials bemerklich und
war man daher veranlasst, sich nach Ersatzmitteln umzusehen. Es
wurden in dieser Beziehung vielerlei Vorschläge gemacht, so vonSeba,
Reaumur, Guettard, Schaeffer, Delisle und Anderen; doch schei
nen nur Schaeffer und kurz nachher Delisle ihren Vorschlägen eine
etwas praktischere Form gegeben zu haben, indem sie wirklich Papiere
aus gewissen Pflanzenstoffen darstellten. Besonders war es Schaeffer 3 ),
welcher seine Versuche mit anerkennenswerthem Eifer viele Jahre lang
fortsetzte und den für die damalige Zeit überraschenden Beweis lieferte,
dass alle höher entwickelten Pflanzen Faser enthalten, welche sich durch
geeignete Behandlung in Papier verwandeln lässt.
Auf dem langen Weg, welchen die Papierkunst genommen, um
nach Europa zu gelangen, war die Thatsache ganz in Vergessenheit
gerathen, dass man in dem Heimathland dieser Kunst schon seit ihrer
*) In Anbetracht der schlechten Qualität des Baumwollenpapieres wurde
1221 durch Kaiser Friedrich II. dessen Gebrauch für Urkunden im deutschen
Reiche verboten und gleichzeitig angeordnet, alle bereits existirenden auf
solchem Papier geschriebenen Urkunden binnen zwei Jahren auf Pergament
umzuschreiben. 2 ) Jacob Christian Schaeffer, Sämmtliche Papierver
suche etc. in 6 Theilen. Regensburg 1765—1771. Enthält 81 aus den ver
schiedenartigsten Pflanzen dargestellte Papiermuster.