Pflanzenfaser. 83
den, aber der Zusammenhang des Zellengewebes ist dadurch noch kaum
beeinträchtigt worden.
Abgesehen von noch anderen hier nicht in Betracht kommenden
geringen Beimengungen (wie Wachs und Fett und stickstoffhaltige
Körper) besteht das so weit gereinigte Pflanzenmaterial oder die Roh
faser aus incrustirten Zellen, welche durch die Intercellularsubstanz
zusammengehalten werden. Um dieses Material nun weiter zu zer
legen, d. h. in Papierfaser überzuführen, ist erforderlich, dass nicht
allein der Intercellularverband aufgehoben, sondern dass auch die in-
crustirenden oder verholzenden Substanzen aus der Zellenmembran
möglichst vollständig entfernt werden.
Diese Trennung lässt sich nur durch Anwendung sehr kräftiger
chemischer Mittel bewerkstelligen, welche die genannten Beimengungen
in lösliche Verbindungen überführen und so die Cellulose in reinem
Zustande zurücklassen. Für diesen Zweck sind der Technik zwei ver
schiedene Reactionsmittel zugänglich; diese sind einmal Oxydations
mittel, wie Chlorkalklösung, Königswasser u. dgl., das andere Mal mas
sig concentrirte kaustische Lauge, gewöhnlich unter Erhöhung von
Temperatur und Druck.
Es ist schon darauf aufmerksam gemacht worden, dass die chemische
Natur der Intercellularsubstanz sowohl als die der incrustirenden Sub
stanzen noch völlig unbekannt ist; nur so viel scheint gewiss zu sein,
dass dieselben sich wie Gemische mehrerer Substanzen verhalten und
je nach der Natur des Pflanzengewebes beträchtliche Verschiedenheit
zeigen.
In ihrem Verhalten zu obigen Reactionsmitteln bieten die Inter
cellularsubstanzen und incrustirenden Substanzen eine gewisse Gleich
artigkeit und dieselben werden daher in ziemlich gleicher Weise von
jenen angegriffen.
Bringt man nach der oben angeführten Weise zubereitete Roh
faser beispielsweise in eine sehr verdünnte Chlorkalklösung, so bemerkt
man in den meisten Fällen, dass dieselbe nicht sofort gebleicht, son
dern im Gegentheil dunkler gefärbt wird und dass hierbei Antheile
in Lösung gehen, welche die Flüssigkeit gelb oder braungelb färben.
Durch vorsichtigen Zusatz neuer Mengen von Chlorkalk in geeigneten
Zeitintervallen lässt sich diese Einwirkung ohne sehr merkliches
Bleichen fortsetzen. Entfernt man dann die Flüssigkeit und behan
delt nun die Fasermasse mit warmem verdünntem Ammoniak oder
Alkali, so färbt sich dieses tief gelbbraun, indem beträchtliche Mengen
eines Gemisches von Körpern in Lösung gehen, welche offenbar aus
den intercellularen und incrustirenden Substanzen herstammen; denn
mit der Entfernung dieser Umwandlungsproducte zerfällt nunmehr bei
richtig geleitetem Versuch das Zellengewebe vollständig zu einem farb
losen Haufwerk isolirter Zellen, welches in Wirklichkeit Papierfaser
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