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Full text: Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 21

84 Gruppe III. Chemische Industrie. 
in der vollkommensten Form darstellt und aus fast chemisch reiner 
Cellulose besteht. 
Mehrere Aufbereitungsverfahren, welche auf eine ganz ähnliche 
Beaction unter Anwendung von Salpetersäure oder Königswasser basirt 
sind und zum Zweck der Darstellung von Papierstoff aus Holz längere 
Zeit in Ausführung waren , haben sich wegen der grossen Kosten der 
Beactionsmittel und aus anderen Gründen nicht praktisch bewährt. 
(Siehe Orioli’s Verfahren, Seite 145.) 
Durch die Einwirkung kaustischer Alkalilaugen unter Erhöhung 
von Temperatur und Druck wird die Zerfaserung des Zellengewebes 
und die Entfernung der incrustirenden Substanzen in viel kürzerer 
Zeit erreicht und es basirt auf dieser das nunmehr allein übliche tech 
nische Verfahren. In diesem Falle ist der chemische Vorgang im 
Wesentlichen der, dass die der Cellulose anhaftenden und in derselben 
eingelagerten Substanzen in Lösung übergeführt und der Hauptsache 
nach in saure Verbindungen verwandelt werden, welche sich mit dem 
Alkali verbinden. 
Es wird bei dieser Eeaction die alkalische Lauge je nach der Natur 
des Materials und Höhe der Operationstemperatur gelbbraun oder fast 
schwarz gefärbt und enthält dann neben grösseren Mengen von Kohlen 
säure dunkel gefärbte Körper, welche durch Säuren ausgefällt werden; 
diese sind theils harzartig und in Alkohol löslich, theils unlöslich. Der 
unlösliche Theil enthält unter anderen einen der Pectinsäure ähnlichen 
Körper. In der durch Säuren ausgefällten Flüssigkeit ist eine beträcht 
liche Menge syrupartiger, in Wasser löslicher, organischer Säuren ent 
halten. Siehe Anmerkung S. 141. 
Es folgt hieraus, dass im Verlauf der Eeaction mehr und mehr 
Alkali von den sich bildenden Säuren gesättigt und so unwirksam 
gemacht wird, und ergiebt sich daher die in der Technik wohlbekannte 
Nothwendigkeit, immer einen gewissen Ueberschuss von Alkali anzu 
wenden. Wird dieses unterlassen, so schlägt sich gegen Beendigung 
des Processes ein Theil der nur schwach sauren, dunkel gefärbten Sub 
stanzen auf der Faser nieder, wodurch dann grosse Schwierigkeiten in 
dem nachfolgenden Bleichen der Faser entstehen. 
Je mehr das zu behandelnde Material einen holzartigen Charakter 
zeigt, desto energischer wirkend müssen die Mittel sein, welche zur 
Aufschliessung angewendet werden. Während so z. B. beiEsparto und 
ähnlichen Substanzen die Temperatur der kochenden Lauge schon aus 
reicht, erfordert das Stroh bei gleicher Concentration der Lauge eine 
Temperatur von circa 130 bis 150°; eine noch höhere Temperatur er 
heischen die Laubhölzer und endlich eine beträchtlich höhere Tempera 
tur und concentrirtere Lauge die Hölzer der Coniferen. 
Es ist eine wohlbekannte Thatsache, dass sich die Zersetzung 
oder Isolirung der Zellenelemente des Pflanzengewebes auch ohne An-
	        
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