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Full text: Amtlicher Katalog der Ausstellung des Deutschen Reiches - Wiener Weltausstellung

108 Gruppe III. 
Die bedeutendste Mineralfarbenfabrication Deutschlands ist un 
streitig die des Ultramarins, des neben Indigo am höchsten geschätzten 
und am meisten verwendeten blauen Farbstoffs. Seine künstliche 
Darstellung ist vor einem halben Jahrhundert in Deutschland von 
(-Tine in erfunden, gleichzeitig und wahrscheinlich selbstständig in 
Frankreich von Guimet technisch ausgeführt worden. Europa pro- 
ducirt jährlich über 150,000 Ctr. Ultramarin im Werthe von circa 
4 Millionen thlr. Die Industrie ist fast ganz auf ihre beiden Ge 
burtsländer beschränkt geblieben, doch steht die deutsche Fabrication 
unerreicht da. Nürnberg, Kaiserslautern und andere Orte Bayerns, 
Pfungstadt, Bensheim, Grossalmerode in Hessen, aber auch Stuttgart’ 
Düsseldorf, Duisburg, Linden (Hannover), Chemnitz besitzen bedeu 
tende Ultramarinfabrikeil. Einzelne Etablissements produciren bis 
15,000 Ctr. jährlich an blauem und grünem Ultramarin. Deutsch 
land exportirt jährlich 60,000 Ctr. (darunter 15,000 Ctr. aus Bayern) 
nach Oesterreich, Russland, England und der Levante. Frankreich 
besitzt eine nicht unbedeutende Ultramarinfabrication in Lille. Dijon, 
Lyon; Belgien, Holland und Oesterreich nur vereinzelte Fabriken. ’ 
Von den aus dem St e i nk o Illen the er darstellbaren 
Farbstoffen sind hauptsächlich die Anilinfarben und das künst 
liche Alizarin von technischem Interesse. 
Für die Darstellung der Anilinfarben ist die Gewinnung von 
Benzol und Anilinöl Vorbedingung, indem letztere Substanz als Roh 
material dieser Farberzeugung dient. Trotzdem die Begründung der 
Anilinfarben-Industrie (1856) und ihre ersten wichtigsten Erfindungen 
auf englischem (Perkin 1856, Hofmann 1858 und 1863, Medlock 
1860, Nicholson 1862, Lightfoot 1863) und französischem Boden 
(Vergum 1859, Bechamp 1860, Girard de Laire 1860) stattfanden, be- 
theihgte sich doch Deutschland gleich Anfangs durch billige und 
gute Fabricate an derselben, um schliesslich allen Mitbewerbern den 
Rang abzulaufen. Seine meist sehr bedeutenden Fabriken liegen 
hauptsächlich in Südwest- und Westdeutschland (Offenbach, Bie- 
berich, Höchst, Mannheim, Barmen, Elberfeld, Crefeld), kleinere über 
das ganze Reich zerstreut, und betheiligen sich an der europäischen 
Gesammtfabrication, deren Werth von 2 1 /, Milk thlr. in 1862 auf 
7 'li in 1867 und mindestens 10 Milk in 1872 bei gleichzeitiger 
40facher Productionsvermehrung stieg, jetzt mit ungefähr der Hälfte 
der Production, indem sie nach allen europäischen Staaten, dann 
nach Amerika und dein Orient, und selbst nach den einzig concurri- 
renden Ländern England, Frankreich und der Schweiz in bedeutender 
Menge exportiren. Dagegen ist, wesentlich in Folge der Patent 
beschränkungen, die französische Production bis auf ungefähr 10 Ctr. 
Farbstoff täglich herabgegangen. Unter den Veränderungen des letzten 
Quinquenniums sind für Deutschland namentlich bemerkenswerth: 
1) die Steigerung der einheimischen Anilinölproduction von circa 
10,000 Ctr. in 1867 auf jetzt ungefähr 25,(XX) Ctr., zu welchen zur 
Deckung des deutschen Farbenfabricationsbedarfs noch 10,000 Ctr. 
vom Ausland bezogen werden müssen; 2) die Ausdehnung der deut 
schen Fabriken, deren jetzt viele eine Tagesproduction von 10 Ctr. 
Fuchsin und darüber (neben andern Farbstoffen) liefern; 3) die gegen 
wärtig in Deutschland stattfmdende Einführung der bisher nur in
	        
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