Gruppe X.
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Nord- imd Südamerika und dem Orient verführt. Der deutsche Ex
porthandel in Kurzwaaren zieht ausserdem noch grosse Mengen eng
lischer und französischer Erzeugnisse in sein Geschäft.
Einen Maassstab für den Umfang dieses Industriezweiges geben
die jährlich verwendeten Verpackungsbehälter, wie Schachteln, Käst
chen, Kästchen u. dergl. von Holz und Pappe. Mehr wie 50,000
Menschen (Männer, Frauen und Kinder) sind mit der Herstellung
derselben beschäftigt und der Werth dieser Erzeugnisse beträgt mehr
als 15 Millionen Mark. Namentlich Sachsen, Thüringen, Bayern
und Württemberg haben Sitze dieser Fabrication, die zumeist als
Hausarbeit betrieben wird.
Frankreich, besonders Paris, und England sind auf dem Welt
markt die Hauptconeurrenten für die deutsche Kurzwaare; beide be
ziehen auch für ihren Export deutsche Arbeiten. Ersteres hat den
Vorzug der grösseren Eleganz und der reizvollen Formen in den
Galanterie - und Spielwaaren; letzteres hat den Ruf der exacten Aus
führung und der Billigkeit in den Metallwaaren.
Oesterreich tritt jetzt zum Theil an die Stelle von Frankreich
mit den Galanteriearbeiten von Leder und Bronce; seine Meerschaum
arbeiten sind schon mehr als ein Jahrhundert berühmt und nur
Bayern (Nürnberg) und Thüringen (Ruhla) machen in Deutschland
und im Export diesen Arbeiten Concurrenz. Die übrigen Länder
Europa’s haben, mit Ausnahme von Italien, welches in Stein-, Glas-
und Metallgalanterie-Arbeiten Einiges leistet, und der Schweiz, deren
Musikwerke für Spielzeuge und deren Holzschnitzereien gesucht sind,
keine grosse Bedeutung mit ihren Kurzwaaren auf dem Weltmarkt.
Der Hauptsitz des deutschen Handels, namentlich Exporthandels,
für Kurzwaaren ist Nürnberg und seine Nachbarstadt Fürth ; es giebt
daselbst eine grosse Zahl Exporthäuser, deren jedes jährlich im
Werth von einigen Millionen Mark exportiren. Namentlich in den
letzten 10 Jahren hat sich der directe Export nach Amerika und
dem Orient, der früher zum Theil über England ging, bedeutend ge
steigert. Aber auch die deutsche Kurzwaaren-Production hat hier
ihren Hauptsitz. Schon im Mittelalter und besonders im 16. Jahr
hundert war Nürnberg durch seine Arbeiten berühmt und die heutige
Industrie stützt sich noch auf Traditionen aus jener Zeit.
Obgleich die Kurzwaaren - Industrie in verschiedenen Ländern
und Gegenden des Deutschen Reiches heimisch ist und in einzelnen
derselben bestimmte Zweige vorherrschen, so lässt sich doch keine
strenge Scheidung nach der geographischen Lage geben. Bald sind
es die Bevölkerungsverhältnisse, bald das häufige Vorkommen von
Naturerzeugnissen, in einzelnen Fällen auch die Tradition und end
lich auch politische Ereignisse, welche die Existenz dieser Industrie
bedingen. (Beispielsweise sei angeführt, dass die Fabrication der
Bruyerepfeifen durch den deutsch - französischen Krieg nach Fürth
gekommen ist und jetzt schon der jährliche Productionswerth über
V 4 Million Mark beträgt, wozu das Rohmaterial, sogenanntes Bruyere-
holz, im Werth von circa 60,000 Mark aus Frankreich bezogen wird.)
Für Spielwaaren sind Bayern, Sachsen und Thüringen die Haupt
sitze; in letzter Zeit hat auch Württemberg diese Fabrication an
gefangen und sich bereits einigen Export" gesichert. In Bayern