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Dieses erst seit anderthalb Jahren bestehende Institut bietet
nun Unterricht in allen drei Zweigen der bildenden Kunst und
es fällt ihm in weiterer Entwicklung die überaus wichtige Auf
gabe zu, auch für das kunstgewerbliche Fach tüchtige, auf dem
Niveau der Gegenwart stehende Zeichenlehrer heranzubilden,
an welchen es bisher in Ungarn mangelte. Auf diesen Mangel
lässt sich auch grösstentheils das in Ungarn bemerkbare geringe
Kunstverständnis und der hier fehlende Kuntsinn zurückfüluen.
Was die Cultivirung der einzelnen Zweige der bildenden Kunst
anbelangt, sind unter den heimischen Künstlern bisher die
M a 1 e r am zahlreichsten vertreten und zugleich diejenigen, wel
che vor dem Auslande am meisten Anerkennung fanden. Die
Aelteren unter diesen Malern sind theils Anhänger der Schule des
Wieners W a 1 d m U11 e r, theils des eben dort seiner Zeit an
der Academie wirkenden Professors der Historien-Malerei Karl
Kahl. Die der jüngern Generation gehören in hervorragender
Anzahl entweder zu den Schülern des Professors an der Münch
ner Academie Karl Pilot y, oder sind doch mehr oder weniger
Nachahmer der Methode und Richtung desselben. Es bilden sich
in neuester Zeit in den Ateliers und Academien von Wien,
München, Paris und Düsseldorf zahlreiche ungarische Kunstjünger
aus, von denen mehrere mit schönem Erfolge die auf sie gesetzten
Hoffnungen zu verwirklichen beginnen. Eine viel kleinere Zahl
zeigen die Bildhauer, und die jetzigen Verhältnisse des
Landes gewähren noch weniger Antrieb für dieses Fach schon
wegen Mangel an grössern Aufträgen. Kaum einer oder zwei
Derselben dürfen sich rühmen, als würdige Repräsentanten
von Canova’s und Rietschel’s Kunstart hervorgehoben
zu werden. Endlich ist in unserem Vaterlande die monumen
tale Baukunst nicht eben reichlich vertreten, und muss das Hin
derniss der reichern Entfaltung dieses Kunstzweiges ebenfalls
in der Geschichte der politischen und staatswirthschaftlichen
Vergangenheit unsers Vaterlandes gesucht werden. Wo die
Lust zu Bauunternehmungen durch nationalen Handel und Ge
werbe als die unversiegbaren Quellen des Wohlstandes nicht im
mer neue Nahrung erhält, ist die Rolle des Architekten, sei
derselbe ein noch so genialer und productiver Künstler, auf die
Grenzen eines bescheidenen Wirkungskreises beschränkt, über
welche hinaus sich zu erheben, beinahe unmöglich ist. Zwar
können wir uns nicht Uber einen Mangel an tüchtigen Archi
tekten beklagen, aber ebensowenig ist in Abrede zu stellen, dass
Weltausstellmigs-Catalog.