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Volltext: Schweden : Weltausstellung 1873 in Wien

GR. XX. GAS BAUERNHAUS. 
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sein Recht geltend gemacht, nämlich eine 
hinlängliche Höhe für die Gewichte, und 
Breite in der Mitte für die Schwingungen 
des Pendels. Diese Uhrenart, angefertigt 
von Messing und Eisen oder auch von Holz 
und Eisen, geht im Allgemeinen ausser 
ordentlich gut, und ihre selbstgelernten An 
fertiger haben es sogar verstanden, sie 
Viertelstunden schlagen zu lassen, das Da 
tum zu zeigen u. dgl. m. 
Zu dem Hausgeräth kann ferner noch 
eine kleine Bibliothek gerechnet werden, 
deren Hauptbestandteile die Bibel und 
das Gesangbuch in mehren Exemplaren, 
einige Postillen, sowie Andachtsbücher von 
Luther, Arndt und andern Vätern unserer 
Kirche bilden. Ausserdem kommen vor: 
das Gesetzbuch, irgend ein juridisches Hand- 
buch und die Communalgesetze, sowie klei 
nere Werke über die Ökonomie; ferner zu 
sammengeheftete Lieder und Sagen, Exem 
plare der billigen Auflage von der Frithjofs- 
sage und von Fähndrik St&l’s Sagen und 
geschichtliche Werke. Kaum trifft man 
jemals einen Roman. Diese kleine Biblio 
thek, deren oft abgenutzte Bestandteile 
von fleissiger Benutzung zeugen, hat ihren 
Platz bald auf einem Brette auf der Schenke, 
bald in einem eigenen kleinen Schranke 
mit gläsernen Thüren, bald auf einem hoch 
an der Wand angebrachten Brette. In den 
Fenstern fehlen selten einige Blumentöpfe: 
Balsaminen, Geranien, Aloen, Rosen. Die 
Erwähnung einiger Gemälde mag das Ver 
zeichniss des Hausgerätes abschliessen. 
Zu der Einrichtung gehören endlich 
noch einige von der Decke herabhangende 
eiserne Haken, in denen lange Stangen 
hangen, an denen zum Trocknen grobe 
Kuchen des gewöhnlichen schwedischen 
Brodes von geschrotetem (ungesichtetem) 
Roggenmehl aufgezogen sind. Rund um 
die Feuerstätte, ebenfalls unter der Decke, 
ist eine nach den Contouren des Herdes 
gebogene Stange angebracht, auf welcher 
die Familie beim Schlafengehen ihre 
Strümpfe u. dgl. zum Trocknen aufhängt. 
So ist das gemütliche, zweckmässige 
Meublement, und so sind die Hausgeräte 
in der mittelgrossen Bauernstube — welche 
zu nicht geringem Theile schon verschwun 
den sind und fortwährend verschwinden. 
Die Zeit, welche zwischen derjenigen, in 
welcher die Veränderung ihren Anfang 
Schweden. 
nahm, und der jetzigen liegt, könnte in 
zwei Perioden eingeteilt werden. 
In der ersten traf man hier und dort 
eingeflickte Hausgeräte, deren Anwesen 
heit von keiner sichtbaren Ursache motivirt 
wurde, und welche mit dem Uebrigen in 
keiner Harmonie stand: sie waren die 
Ueberbleibsel von einem vergangenen Wohl 
stände, die durch die Auctionen von den 
Edelhöfen den Weg in die Bauernhütten 
gefunden hatten. Als endlich Sammler von 
»Curiosa und Antiquitäten» entdeckten, 
welche Leckerbissen aus der Rococo- und 
' andern Zeiten sich in dieser Periode in die 
anspruchslosen Wohnungen der Bauern ge 
rettet hatten, begannen diese wiederum die 
Wanderung nach oben anzutreten and dort 
in den Hafen zu laufen, wo der Reichtum 
oder der Sammeleifer sie zurückhalten konnte: 
bei dem einen oder dem andern Aristokra 
ten mit aristokratischem Vermögen und bei 
der Bourgoisie, sowie auch wohl bei einem 
Liebhaber. Noch jetzt dürfte in den Bauern 
häusern ein Spiegel mit facettirtem Glase, 
eine Commode mit den bauchigen Contou 
ren des Rococo, ein precioser Schrank aus 
dem 17ten Jahrhundert u. a. m. angetroffen 
werden; der Bauer aber giebt sie so wohl 
feilen Kaufes nicht länger her, wie früher; 
im Gegenteil hegt er bisweilen übertriebene 
Vorstellungen von dem Werte, den der 
gleichen Dinge besitzen. 
In der zweiten Periode beginnt die 
Nachahmung, welche ihren Ausdruck findet 
in dem Austausch gewisser Möbeln, vorzugs 
weise des Schrankes und Speiseschrankes, 
gegen andere, z. B. Commoden und Chif 
fonniers, welche schlechte und geschmacklose 
Nachbildungen der keineswegen schönen 
Muster auf den Herrensitzen sind. Gleich 
zeitig trifft auch eine Veränderung des 
Farbengeschmackes ein, sodass der vorhin 
vorherrschende dunkelbraune Farbenton ge 
gen einen helleren, gelben, lichtbraunen 
oder rotbraunen vertauscht wird; die Blu 
men und die Sträusse auf hellblauem Grunde, 
welche man früher an den Schrank- und 
Speiseschrankthüren und an Uhrgehäusen 
so gerne sah, sind ganz ausser Mode ge 
kommen. 
Zu allem Glücke hat, vielleicht in der 
elften Stunde, die gebildete Kunst — wenn 
dieser Ausdruck gestattet wird — auf die 
naive Kunst, welche, unbekannt oder ver- 
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