86
J. Steiger-Meyer in Herisau.
Reflexionen,
a) Allgemeiner Eindruck der Weltausstellung in Wien.
Die Ansichten Aber den practischen Nutzen der Weltausstellungenfür
den einzelnen Industriellen mögen sehr verschieden sein, allein darin
sind wohl alle einig, dass dieselben die grossartigste Schöpfung sind,
welche der menschliche Geist je geschaffen hat.
Wenn wir sehen wie bis in die allerneueste Zeit die Völker bis
an die Zähne bewaffnet einander gegenüber stehen; wenn wir betrachten
wie die Kriegslasten den Einzelnen drücken, die allgemeine Entwicklung
der Bildung und die Hebung des menschlichen Geistes hemmen,
so kann man mit Recht fragen: «Dürfen wir uns wirklich des Fortschrittes
in der Civilisation rühmen? Gab es bei den Alten grössern
Völkerhass als in der Neuzeit? Haben wir den wilden Völkerschaften,
welche sich fortwährend bekriegen, viel voraus?
Solchen demüthigenden Fragen gegenüber sind die Weltausstellungen
ein erhabenes Zeugniss, dass die Völker nach ihrem freien Willen
nicht den Krieg, sondern den Frieden wollen, dass trotz der Bajonette
die Verbrüderung aller Nationen fortschreitet.
Auch nicht ein einziges culturfähiges Volk hat sich geweigert an
dem ungeheuren Bau des Friedens Theil zu nehmen. Derselbe beherbergte
die Erzeugnisse von 35,000 Industriellen! Wie viele Hände mögen
an deren Erstellung gearbeitet haben? Ist eine Million zu hoch
gegriffen? Welcher Fleiss wurde daran verwendet, wie viele Millionen
Stunden daran gearbeitet!
Die Egypter, Syrier, Griechen und Römer mögen grössere Bauten
erstellt haben als die Neuzeit sie kennt, aber zu einem Werke wie die
Weltausstellung in Wien, woran alle Völker der Erde in friedlichem
Wetteifer arbeiteten, wo die sämmtlichen Erzeugnisse der menschlichen
Gultur zu einem Gänzen zusammengestellt wurden, waren sie nicht befähigt.
Die Betheiligung der Völker des Westens war bedeutend schwächer
als früher; namentlich England schien der Ausstellungen müde zu
sein; ganze Distriete sandten fast nichts; auch America ermangelte, uns
einen richtigen Begriff von seiner Industrie zu geben.
Im grossen Ganzen bot die europäische Abtheilung überhaupt
wenig Neues; man hatte den Eindruck, dass seit 1867 die Spannkraft
für neue Erfindungen ermattet und eine stark fühlbare Stagnation
eingetreten sei.
Dagegen waren die Völker des Ostens viel grossartiger vertreten
als je vorher, und gestatteten uns einen tiefen Einblick in die Mannigfaltigkeit
ihrer tausendjährigen Industrien.