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Volltext: Der Welthandel : (Additionelle Ausstellung Nr. 6), officieller Ausstellungs-Bericht

Dr. Carl Thomas Richter. 
Arbeit und in feiner Induftrie ungebrochen fei? Dafs die fünf Milliarden Kriegs- 
fchuld gezahlt feien, ohne den Reichthum des Volkes zu fchwächen, feine Bedürf- 
niffe herabzudrücken? Und ficher wird Frankreich aus feiner Weltftellung nicht 
verdrängt werden, fo lange nicht die Induftrie des übrigen Europa zur gleichen 
allgemeinen Bliithe gelangt ift, die Frankreich eben dann gleich denAndern, nicht 
mächtiger, fchöpferifcher, reicher als alle andern zeigt. Wir werden in der weiteren 
Entwicklung unferer Aufgabe diefs in den einzelnen Zweigen des Handels und 
der Induftrie öfter gar deutlich hervortreten fehen. Das XIX. Jahrhundert 
hat übrigens den Völkern Europas zum Bewufstfein gebracht, was frühere Jahr 
hunderte trugen und tragen mufsten, weil fie eben nur nehmen konnten, ohne zu 
geben im Stande zu fein, und hat den Muth, die Kraft gereift mit den reichen 
Quellen, die die Zeit für die Entwicklung der Arbeit gefchaffen, um gleichfalls durch 
die Entwicklung der Induftrie und des Handels reich, grofs und mächtig zu werden. 
Diefs gilt zumeift von Deutfchland und Oefterreich. 
Am längften hatte fich aus der mittelalterlichen Bliithe des deutfchen 
Lebens der Handel der deutfchen Städte an der Nord- und Oftfee durch die 
entwickelte Fifcherei und die Schifffahrt erhalten, die Städte am Rhein, der Elbe 
und Donau durch den Weinhandel, die Landwirthfchaft und die Flufs-Schifffahrt 
und das Leben in Mittel-Deutfchland durch den Zwifchenhandel. Aber die Ent 
deckung Amerikas und des neuen Weges nach Indien, zerftörte bald, was fich 
aus den fortgefetzten inneren Kämpfen und den Kriegen Europas, die auf deutfcher 
Erde ausgefochten wurden, noch erhalten hatte, die Huffitenkriege, dgr dreifsigjäh- 
rige Krieg verheerten das Land und nährten die Zerbröckelung der Einheit, der Kraft 
und Freiheit des deutfchen Reiches. Die Landwirthfchaft verfiel, die Induftrie ging 
zu Grunde, der Welthandel hatte andere Bahnen eingefchlagen; der Handel im 
Innern hatte keine Wege und Strafsen und wo er fie fand, da hemmte die poli- 
tifche Spaltung feine Bahn und Entwicklung durch Zollfchranken, Mauthen und 
taufendfältige Belüftigung. Während im XVIII. Jahrhundert Frankreich und England 
auf eine mächtige Induftrie, einen grofsen Handel, eine entwickelte Verwaltung 
blickten, herrfchte in Deutfchland Barbarei der Gefetzgebung, der Reichs- und 
Landes^erwaltung; der Handel, die Induftrie und felbft die Sprache verfallen, 
nur wenige Regenten fuchten in ihren Territorien mit Macht dem Verfall zu 
fteuern, und die Namen des grofsen Kurfürften, Friedrich II. in Preufsen, Maria 
Therefia und Jofef II. in Oefterreich ragen aus diefer armfeligen Lage ruhmvoll 
empor. 
Nur eines hatte Deutfchland in aller Noth bewahrt. Sein fliehendes und 
forfchendes Leben des Geiftes. Und das konnte und mufste es retten, den Staat, 
die Nation, den Handel und die Induftrie wieder beleben. „Anftatt“, fagt 
Fr. Lifst fo treffend, wie man es nicht beffer fagen kann, „anftatt, dafs anderswo 
die Geiftesbildung mehr aus der Entwicklung der materiellen Produdtivkraft 
erwuchs, ift in Deutfchland die Entwicklung der materiellen Produktivkräfte 
hauptfächlich aus der ihr vorangegangenen Geiftesbildung erwachfen.“ Da alles 
Uebel, wie Plato fagt, nur aus der Unwiffenheit entfpringt, fo wäre ficher diefs 
hohe geiftige Leben Deutfchlands vom grofsen, auch auf den wirthfchaftlichen 
Boden von nachwirkenden Erfolgen begleitet gewefen, wenn nicht die politifche 
Abgrenzung eine gleich vielfältige Abgrenzung der Märkte für Handel und Induftrie 
Gewefen wäre. Und wie fie den Markt zerfchnitt, zerfchnitt_fie die Wege und 
Strafsen, die ohnediefs in arger Vernachläffigung nirgends eine Entwicklung und 
Ausbildung erfahren konnten. Was dem grofsen Ganzen fehlte, wurde keines 
wegs durch die Tüchtigkeit im einzelnen Theile erfetzt. Kaum dafs Oefterreichs- 
und Preufsens Zoll- und Verwaltungspolitik die wirthfchaftlichen Kräfte etwas 
hervorgezogen! Kaum dafs die alte, in Deutfchland heimifche Lein- und Wollmanu- 
factur, von ihren alten fremden Märkten längft durch die Uebermacht Englands- 
verdrängt, wenigftens für den heimifchen Markt erhalten und in ihren Intereffen
	        
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