NSU
Als die Räder
Der NSU/Wankel Spider.
Das erste Serienauto der
Welt mit Kreiskolbenmotor
fahren lernten
Wankel-
Mut
Durch die Entwicklung des Wankelmotors gelang
NSU der Aufstieg vom Motorradhersteller zum
Hightech-Autoproduzenten.
Text: Christian Kornherr
I n den Sechzigern wurde die Auto
welt von einer Welle der Unsicher
heit erfaßt. NSU hatte dem Wankelmotor
das Laufen beigebracht, und das war
damals eine wirklich große Sache. Denn
an der Erfindung von Felix Wankel roch
alles nach Zukunft. Der vibrationsarme,
turbinenartige Lauf. Die kompakte Bau
weise. Die geringe Anzahl an bewegli
chen Teilen versprach Einsparungen bei
den Produktionskosten. Mehr noch: Das
Ding hatte durch den harmonisch-run
den Verbrennungsablauf in derTrochoide
auch eine wunderbare philosophische
Ebene. Felix Wankel sprach von einem
Motor, in dem etwas Schönes geschieht
„... eine ausgeglichene, natürliche Bewe
gung", den Hubkolbenmotor nannte er
dagegen bloß noch „Schüttelhuber". Die
Nachteile des Wankelprinzips (Hauptpro
blem: die Abdichtung der bewegten
Arbeitskammern) bekamen die NSU-
Ingenieure langsam in den Griff. Mit viel
Hirn und Herz. Und Kapital. Der NSU-
Technikchef Frankenberger sagte mal:
„Wir haben in zehn Jahren die Geschichte
des Automobilbaus durchlaufen."
1957 liefen die ersten Motoren auf
dem Prüfstand, 1963 wurde der Wankel-
Spider mit dem Einscheibenmotor (50 PS)
vorgestellt, 1967 folgte das Meisterstück:
Der RO 80, das erste rund um einen
Wankel konstruierte Serienauto. Nicht
schlecht für ein Unternehmen, das 1873
als Strickmaschinen-Fabrik in Riedlingen
gegründet wurde, und sich im Lauf der
Jahrzehnte eher als Zweiradhersteiler
hervorgetan hatte - 1954 war NSU der
größte Motorradhersteller der Welt. Die
Autoproduktion wurde 1905 begonnen,
aber 1928 an Fiat verkauft. Erst 1958
wagte man mit dem Prinz wieder einen
Neuanfang - einem eher konventionel
len Kleinwagen mit Heckmotor, der über
mehrere Modellwechsel bis zum Quasi-
GTI-Vorläufer NSU TTS heranwuchs.
Beim RO 80 war von Anfang an klar,
daß er etwas ganz Besonderes darstellte.
Auto, Motor und Sport schrieb in Heft
3/68: „Es wird nicht oft soviel Mut in ein
neues Auto investiert. Selbst beim
Citroen DS 19 stammte der Motor aus
dem Vorgänger-Typ, so revolutionär der
Wagen im übrigen auch war." Beim
RO 80 war dagegen alles neu: Das
Antriebsprinzip, die aerodynamische, bis
heute zeitlos-schöne Karosserie, dazu
gab's ein Dreiganggetriebe mit automa
tischer Kupplung und eine für damalige
Verhältnisse überlegene Fahrsicherheit.
Die Fachwelt kriegte sich gar nicht ein
vor lauter Lob. Da verglich man die Lauf
kultur mit einem Achtzylinder und in
einem zeitgenössischen Vergleichstest
wurde derNSU nurganz knapp vom Mer
cedes 230 geschlagen. Auf den Plätzen
BMW, Opel, Ford. Prompt wurde der
RO 80 zum „Auto des Jahres 1968"
gewählt. Spätestens damit war für alie
namhaften Autohersteller klar, daß sie
einen Fuß in der Tür zu dieser zukunfts
trächtigen Technologie haben mußten.
Bei Toyo Kogyo (Mazda) und Daimler-
Benz waren die Entwicklungen weit
vorangeschritten, Rolls-Royce arbeitete
AUDI | 8
NSU TTS im
Renneinsatz 11968)
Der NSU RO 80 war in
der Formgebung seiner
Zeit voraus
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an einem Diesel-Wankel, aber auch
Giganten wie Ford, Nissan oder Toyota
hielten Lizenzen, insgesamt waren es
28 Unternehmen. Am Höhepunkt der
Wankel-Welle zahlte General Motors
50 Millionen Dollarfürdie Mitgliedschaft
im Trochoiden-Klub und der Dollar war
damals noch um einiges mehrwert. NSU
geriet trotzdem in finanzielle Turbulen
zen, weil man die Kunden durchaus an
den Abenteuern der Entdeckung eines
neuen Technik-Kontinents teilhaben ließ.
Den Motorenproblemen der ersten
Generation begegnete man in Neckars
ulm mit dem großzügigen, aber teuren
„Prinzip der totalen Kulanz". Und obwohl
der RO 80 durch die ständigen Verbesse
rungen zu Beginn der Siebziger ein sehr
ausgereiftes und zuverlässiges Auto
mobil war, hatte er einen schlechteren
Ruf, als er eigentlich verdiente. Dank
einer unglaublich treuen Fangemeinde
wurde er bis 1977 gebaut. Doch die Zeit
hatte sich inzwischen gegen das Wankel-
NSU 1,75 PS (1903):
Eines der ersten mit
Motor angetriebenen
Zweiräder
prinzip gewendet, die Hersteller scheu
ten die Kosten für die Entwicklung, die
neuen Produktionsanlagen und Proble
me mit härteren Abgasgesetzen. Auch
bei Audi NSU wurde ein bereits fertiger
170-PS-Motor nicht mehr gebaut, der
RO 80 war das letzte NSU-Modell.
Der VW-Konzern hatte das Unterneh
men am 1.1.1969 übernommen und in die
neugegründete AUDI NSU AUTOUNION
AG eingebracht. Eine wertvolle Mitgift
war die praktisch fertig entwickelte
Limousine K 70, die als erster VW mit
Frontantrieb in die Konzerngeschichte
eingehen sollte, und so die Weichen in
die richtige Richtung stellte. Heute läuft
in Neckarsulm der Audi A6 vom Band.
AUDI 9