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Vorarlberg bildet, wie bekannt, ein eigenes Ländchen, von Deutschtirol
getrennt durch einen mächtigen Gebirgsstock; es gehört erst seit
1780 zu Tirol. Die Ebenen dieses Landes berühren den Rhein und
den Bodensee; die dortigen Productionsverhältnisse haben Aehnlichkeiten
mit der benachbarten Schweiz, die Haupt-Verkehrsstrassen gehen nach
der Schweiz, nach Baiern und Würtemberg. So lange die Verbindung
Vorarlbergs mit Nordtirol durch die Arlbahn nicht hergestellt ist, wird
immer die industrielle und militärische Verbindung dieser Landtheile
eine etwas lockere bleiben. Es ist bekannt, dass Vorarlberg eine industriöse
Bevölkerung beherbergt, deren Hauptproduction die Stickerei ist;
in Bregenz speciell wird auch Goldschmiedekunst betrieben. Tirol selbst
ist theils von Deutschen, theils von Wälschen bewohnt, die ihrer gewerblichen
Production eine entschieden nationale Färbung geben. Man erkennt
bei jedem Producte entweder den Einfluss des deutschen oder des romanischen
Stammes. Die Bevölkerung beider Stämme in Tirol ist ausserordentlich
begabt für alle Arten von künstlerischen Leistungen und diese
Befähigung ist nicht erst ein Ergebniss der neueren Zeit, sondern im Gegentheil,
je weiter man auf frühere Jahrhunderte zurückgreift, desto bedeutendere
Leistungen treten hervor. Wenige Länder spielen in der Kunstgeschichte
der österreichischen Monarchie eine so hervorragende Rolle als
Tirol; die künstlerischen Fähigkeiten vererben sich dort häufig vom Vater
auf den Sohn und durch ganze Generationen hindurch, so dass in der
Kunstgeschichte Tirols vielfach dieselben Namen wiederkehren, wie Bergler,
Unterberger, Schöpf, Pichler, Moll, Defregger, Gasser, Huber u. s. f. *).
Die Haupt-Verkehrswege gehen nach Norden, Süden und Osten.
Sie setzen das Land in Verbindung mit dem deutschen Reich, mit Italien
und den übrigen Österreichischen Kronländern. Kein Land ist auf den
Export von Industrieartikeln so angewiesen als Tirol. Von jeher ist der
Sinn des Tirolers auf das Auswandern gerichtet und es müssen neben
der künstlerischen Begabung der Bevölkerung auch deren hervorragende
kaufmännische Eigenschaften in Betracht gezogen werden. Fast in der
ganzen Welt begegnet man Künstlern aus Tirol, insbesondere Bildhauern
und Malern; die Händler, namentlich aus bestimmten Gegenden, wie dem
*) Bei dem reichen Kunstleben, welches in Tirol zu allen Zeiten herrschte und das
eigentliche Gebiet der Kunst als auch jenes der Kunstgewerbe gleichmässig umfasste, ist
das Land ein interessantes Object für Kunstforscher gewesen. Es haben sich auch zu
allen Zeiten Männer gefunden, die mit Liebe und Intelligenz sich der Geschichte der einheimischen
Kunst gewidmet haben, wie Primisser, Bergmann u. A. Bei diesem Anlasse
kann ich nicht umhin, den Wunsch auszusprechen, dass mein hochverehrter Freund, Archivar
Dr. Schönherr in Innsbruck, sich bestimmt finden möchte, seine zahlreichen archivalischen
Forschungen, welche in vielen Einzelarbeiten veröffentlicht wurden, in einem
Sammelwerke zu vereinigen. Er würde mit diesem Werk nicht blos seinem Lande einen
grossen Dienst erweisen, sondern sich auch alle Kunstforscher zu Dank verpflichten, denen
es kaum möglich ist, diese Aufsätze aus so bewährter Feder in allen den verschiedenen
Zeitschriften aufzusuchen.