Gruppe XXV. Die bildenden Künste der Gegenwart. 15
oder ob ihm eine durchaus freie Bewegung seiner Gedanken gestattet
wird. Jedenfalls ist die Summe des technischen Könnens und der for
mellen Geschicklichkeit bei den französischen Architekten beneidenswerth
gross. Diese Vorzüge sind übrigens nicht bloss auf die Baukunst
beschränkt, sondern auch in den anderen Kunstgattungen wahrnehmbar.
Das Zwiespältige des modernen Kunstlebens offenbart sich nirgends
so deutlich, als im Kreise der französischen Sculptur. Die Schulbildung
weist hier noch immer auf das antike Muster zurück. Der Unterricht
an der Akademie, die Preisaufgaben, die Studien in Rom, mit welchen
die Lehrzeit gewöhnlich abgeschlossen wird, Alles führt den Künstler
in den Kreis der classischen Kunst. Natürlich, dass einzelne Künstler
dieser Richtung auch ferner treu bleihen. Aber wie im Inhalte, so
suchen sie auch in den Formen der Vorliebe der Gegenwart für das
derb Leidenschaftliche, hastig Bewegte, die Sinne Packende entgegen
zukommen. Der ruhige Fluss der Linien wird weniger beachtet, der
malerische Aufbau der Gruppen leichter verziehen. Ein Werk von
hervorragender Bedeutung ist in dieser Gruppe nicht vorhanden. Will
man den Abstand gegen die frühere Zeit recht scharf vor die Augen
sich halten, so braucht man nur Montagne’s Mercur als Argustödter
mit dem gleichnamigen Werke von Thorwaldsen zu vergleichen. Die
Anwesenheit des Gypsabgnsses von Thorwaldsen’s Werke in dem öster
reichischen Museum gab dazu einen bequemen Anlass. Die französische
Plastik hat freilich auch zuPradier’s Zeiten auf dem Gebiete der anti-
kisirenden Kunst keine Lorbeeren errungen. Rüde und Dur et waren
es, welche den Ruhm der französischen Sculptur begründeten und ihr
ein wohlverdientes Ansehen verschafften. In ihre Erbschaft theilte sich
eine grosse Zahl von Schülern, von welchen zwar keiner die Meister
erreicht, welche aber mit Erfolg bemüht sind, die technischen Errun
genschaften derselben festzuhalten und den Gedankenkreis, in welchem
Rude und Duret sich bewegten, weiterzubilden. Schon die Bearbeitung
des Marmors in der französischen Bildhauerschule zeigt die Gediegenheit
des plastischen Handwerkes. Ohne sich in gesuchte künstliche Effecte
zu verlieren oder kleinlich zu werden, verstehen sie doch den spröden
Stoff sowohl den weichen runden, wie den markigen, scharfen Formen
gefügig zu machen. Namentlich verdient die Behandlung nackter
männlicher Körper grosses Lob. Vollends im Bronzeguss bewahren die
Pariser Künstler auch immer ihren Vorrang, ebenso sehr in der reinen
Technik, wie in der Wahl der Gegenstände der Darstellung. Denn
dass die verschiedene Natur des Materials auch eine Verschiedenheit
der Formen und des Inhalts bedinge, steht schon durch das Beispiel der
Alten fest. Manches gehört mehr dem Kreise der Kunstindustrie an,
und ist wahrscheinlich auf massenhafte Reproduction berechnet; auch
die zahlreichen Thierfiguren haben nur die Bestimmung eleganter Zim-
merdecoration. Doch auch viele Werke tiefem Gehaltes und reiferer