36
Großer Erfolg auf der Londoner Weltausstellung 1862.
wanden alle Schwierigkeiten. Strenge gegen sich selbst, milde
und nachsichtig in der Beurteilung anderer, gönnte sie sich
nur in ganz vereinzelten Fällen eine kleine Erholung. Sie
verließ ihre Häuslichkeit nur äußerst selten, um in Gesell
schaft ihres Gatten und der Kinder einen Spaziergang zu
machen. Es erinnert dies an vorbildliche Frauen der Antike:
Das höchste Lob, das die alten Römer einer edlen mater
familias geben konnten, lautete: »Sie saß zuhause und spann.«
(Dornum mansit, lanam fecit.)
In Freud und Leid maßvoll und nie die Fassung ver
lierend, übte sie durch ihr Beispiel einen wohltätigen Einfluß
auf ihren Gatten und ganz besonders aber auch auf ihre Kin
der aus.
Am 10. Januar 1862 machte ein sanfter Tod ihrem Leben
ein Ende. Tiefbetrauert von allen, die sie kannten, entschlum
merte sie, umgeben von ihren Angehörigen in Wien, im
Thonetschen Wohnhause (Kaiser Josefstraße Nr. 40).
Großer Erfolg auf der Londoner
Weltausstellung 1862.
„Großes laßt sich ohne Begeisterung
nicht schaffen. Großes gelingt nur, wenn
Führer und Mitarbeiter mit voller Ueber-
zeugung der Sache leben, in der Technik,
wie überall.“
Schaffung
einer Reihe
neuer
Artikel.
Michael Thonet, von seinem schweren Verluste tief
niedergedrückt, suchte Trost in unermüdlicher Arbeit, wozu
ihm die Einrichtung der Fabrik in Bystritz reichliche Gelegen
heit bot. Der Betrieb dieser Fabrik begann im Jahre 1862.
Zu Beginn nahm Bystritz hauptsächlich die Fabrikation des
bereits 1859 in Koritschan eingeführten Sessels Nr. 14 in
größerem Maßstabe in die Hand. Sodann wurde daselbst
jedoch eine große Anzahl anderer neuer Artikel geschaffen
(auch die Parkettenfabrikation wieder aufgegriffen) und wäh
rend die Fabrik in Koritschan bisher vorwiegend nur Sitz
garnituren erzeugte, befaßte sich die Bystritzer Fabrik nun
mit der Schaffung einer Reihe anderer Artikel und schuf
Gründung der dritten Thonet-Möbelfabrik in Groß-
Ugrocz.
37
die Grundtypen der verschiedenen Phantasiemöbel, aus wel
chen dann allmählig die heutige reichhaltige Kollektion der
selben entstanden ist.
*
Die von der Firma Gebrüder T honet reich beschickte
Londoner Ausstellung war die erste, auf welcher auch billige
Konsumware ausgestellt, und auf welcher die gebogenen Mö
bel in ihrer nunmehr erreichten Vollkommenheit als eminent
exportfähiger Artikel vorgeführt wurden. Die ausgestellten
Möbel fanden als ein in England noch neuer Artikel gerechte
Würdigung und großen Anwert, was namentlich im Vereine
mit der gleichzeitig eröffneten ersten Verkaufsniederlage in
London viel zur Einführung der gebogenen Möbel in England
beitrug. Auf der Ausstellung entwickelte sich bei den damals
noch empfänglicheren und kauflustigeren Ausstellungsbesu
chein ein recht lebhafter Verkauf, wie ein solcher auf keiner
der vielen darauffolgenden Ausstellungen mehr erreicht wurde.
Die weitere Entwicklung der Fabrik in Bystritz nahm
einen sehr günstigen Verlauf. Der Absatz steigerte sich von
Jahr zu Jahr, was eine stete Vergrößerung der Fabrik und
die notwendig gewordenen Anlage von Arbeitsfilialen (Flech
tereien und Rasplereien) in den benachbarten Ortschaften zur
Folge hatte.
Gründung der dritten Bugholzmöbel
fabrik in Groß-Ugrocz.
Als die Holzbezüge aus den in der Nähe von Bystritz ge
legenen Waldungen nicht mehr ausreichten, um dem gestei
gerten Bedarfe zu genügen, mußten wieder neue Holzquellen
beschafft werden.
Zu diesem Zwecke erwarb die Firma Thonet im Jahre
1865 vom Grafen Stefan Keglevich die im Barser Komitate
in Ungarn gelegene Waldherrschaft Groß-Ugrocz mit der Ab
sicht, dort eine größere Sägeanlage mit Biegerei zu schaffen,
und von dort aus die mährischen Fabriken mit Rohware zu
versorgen.
Eröffnung
der ersten
Verkaufs
niederlage
in London.