Beiträge zur Kenntnis alter Stoffe und Stickereien.
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tion von Franz Bock (Abb. 4) 1 ), die sich auf ein zweites wenig abgeändertes Stück
in weißem Seidendamast stützt 2 ). Bei dem hier (Abb. 3) dargestellten Stücke
ist der Grund der Schauseite sowohl in der Kette als im Schüsse aus roter Seide
gebildet; das (in diesem Falle „cyprische“) Gold wird jedoch durch eine schüttere
feine lichte Seidenkette gebunden, die aber nirgends den roten Grund vorne
durchdringt; es treten dazu noch stellenweise grüne und violette Schüsse, die
sonst im hinteren Gewebe verschwinden. Im ganzen ist die Scheidung der Farben
(besonders wegen des rein roten Grundes) hier fast noch klarer als in dem
früheren Beispiele.
Zur Nachahmung dieses reizvollen Stoffes hat seinerzeit schon Bock aufge
fordert. Tatsächlich gibt es eine, Seide in Seide gearbeitete, Kopie von Karl
Giani (in Wien) schon aus dem Jahre 1860; eine andere Kopie mit größeren
Rapporten soll Lehmann in Wien angefertigt haben. Seit etwa zwanzig (oder
mehr) Jahren findet sich im Kunsthandel auch ein ganz ähnlicher Stoff, Metallgold
auf weißer Seide, bei dem die Sechsecke, die sonst überhöht erscheinen, regel
mäßig gebildet sind. Auffällig ist bei ihm auch die Schlankheit der Hirsche;
manche Formen wirken fast unverstanden, so die „Lichttropfen“, die über dem
Rücken der Hirsche eine ganz unbegreifliche Richtung haben, oder die aus
stilisierten Lilien und Monden gebildeten Umsäumungen der Sechsecke, die ebenso
wie die Innenzeichnungen der Sechseckseiten, kaum zu erkennen sind. Bemer
kenswert ist auch die, wenigstens bei alten Stoffen, ganz ungewöhnliche Feinheit
des Metallgespinstes.
Bei diesem Gewebe ist nun merkwürdigerweise das Gold vorne als eine
eigene Schicht gebildet und außerordentlich dicht mit der weißen Kette abgebunden,
so daß der Metallglanz ganz gebrochen erscheint. Da andrerseits das Gold auch
in dem nur aus einer einzigen Schicht bestehenden und wieder auffällig dicht ab
gebundenen, weißen Grunde überall hindurchschimmert, so werden die Farben
töne sehr ausgeglichen, ganz im Gegensatz zu den früher erwähnten Beispielen.
Doch macht der Stoff vielleicht gerade dadurch den besonderen Eindruck des
Alten, wozu dann noch — außer gewissen Beschädigungen — verschiedene
ziemlich auffällige Webefehler beitragen; denn solche ist man ja bei alten Arbeiten
gewohnt. Wenn man diese Webefehler aber verfolgt, so wird es ganz klar, daß
es sich hier um einen auf der Jacquardmaschine hergestellten Stoff handelt;
denn man erkennt — es sei nun gesagt, trotz der Beschädigungen —, daß sich die
Fehler rapportweise genau wiederholen, was beim alten Handzugstuhle ganz un
möglich wäre. Wir haben hier offenbar eine Kopie vor uns und anscheinend
eine französische aus den 70er oder 80er Jahren des 19. Jahrhunderts; es ist die
Bindung der damals in der Damenmode gebräuchlichen „Glasstoffe“. Vermutlich
ist die Kopie auch nicht bei einem der bekannten Paramentstofferzeuger, sondern
bei einem Fabrikanten von Damenkleiderstoffen, der seinen Geschmack und seine
Technik hier — wohl unbeabsichtigt — zur Geltung brachte, ausgeführt worden.
') »Liturgische Gewänder« I. Tafel IX.
s ) Ein verwandtes Beispiel in des Verfassers Werk über die „Künstlerische Entwicklung der
europäischen Weberei und Stickerei“ Tafel 107; größer in dem genannten Textilwerke Lessings.