Grund räumt Lichtwark der Übung im Silbouettenfdmeiden
aucfr einen großen Einfluß auf Runges malerifcbe Tätigkeit ein.
Die Silhouetten gewähren kulturgefcbichtlich gar nicht bedeutungslofe
Einblicke in das Leben unterer Urgroßeltern. Da
ift etwa die hier abgebildete »Geburtstagsfeier« (Bef. Fr. Göllner,
Peterswaldau). Man erblickt eine völlig möblierte mit Familien»
bildern gefchmückte Stube, an deren Fenfter die fleißige Mutter
mit unförmlichem Kopfput) bei der Näharbeit fit)t. Links auf dem
Sofa thront der Vater, dem der jüngfte Knabe ein Gedicht auffagt
und das jüngfte Mädchen eine mit Blumen gezierte Pyramidentorte
bringt. Rechts feiern die drei älteren Kinder den Geburtstag des
Oberhauptes durch ein mufikalifches Trio, die Tochter amSpinett,
der erwachfene Sohn mit der Geige, ein Knabe fingend. Be»
hagliches Leben und kunftfrohe Erziehung fpricbt aus diefem
Bilde zu uns, befonders wenn man fich vorftellen darf, daß
einer der Dargeftellten vielleicht gar felbft zugleich der Silhouet»
teur gewefen ift. a
Die Medaillonbildniffe flammen von einem Wiener Silhouetteur.
Ein männliches Bruftbild in Hinterglasmalerei mit einem zarten
Zweig in Tufchzeidmung als eirunder Anhänger in einen Metall»
rahmen gefaßt (81 zu 67 mm) trägt die Bezeichnung »Fecit
Schmid Viennae 1795 März 12«. Ein zweites männliches Bruft»
bild in ähnlicher Ausführung und ebenfalls weiß hinterklebt
entftand zu derfelben Zeit: »Fecit Schmid Viennaae 1795 März« )
ift aber durch einen goldenen Lorbeetzweig und einen halbkreis»
förmigen Fries fcbwarzer weiblicher Geftalten ausgezeichnet, die
mit blauer Folie unterlegt, befonders reizvoll und zart wirken.
Auch diefe Silhouette (81 zu 67 mm) ift in Metallfaffung zum
Anhängen eingerichtet und befindet fich wie die erftgenannte
in der reichhaltigen Silhouettenfammtung Dr. Max Strauß
in Wien. D
Auch wagen fich die Silhouetteure an ganz große Wandglas»
bildet. Auf die Rückfeite von Glasplatten gemalte Heilige in
bunten Farben waren ja, freilich in meift derber Ausführung,
dem 18. Jahrhundert in Bürger» und Bauernhäufern etwas
ganz Geläufiges. Nun wird aber in diefer Hinterglasmalerei
(Églomisé) die heitere Farbe durch das ernfte Schwarz verdrängt.
Das Linzer Mufeum Franzisco»Catolinum befitjt in diefer Art, wie
das nebenftehende Bild zeigt, »Die Kapelle des grienen Pirget»Kor«,
echt uniformierte Mufikanten, in voller Geftalt. Sie flehen in
einem fchönen Saale um einen Tifch, auf der Wanduhr im Zopf«
ftil lieft man die Jahreszahl 1796 und auch der biedere Porträ»
tift hat fich ftolz genannt: »Gemacht von lg. Pfeilhauer, Mitglied
des grienen Pirger»Kor« (600 zu 460 mm). O
L.: HOLLÄNDISCHE REISESKIZZEN
VI.
DELFT
er Name ift weltberühmt: Die feinen blau bemalten Ge«
fchirre mit nachgeahmten chinefifchen Zeichnungen haben
ihn in alle Länder getragen. Ganz Holland fpeift auf
diefen Gefchirren. Hier haben fie auch eine andere Zeichnung:
in regelmäßigen Feldern ftilvoll angeordnetes Blattwerk, ab«
wecbfelnd mit japanifdvfiguralen Darftellungen. Es ift das Peter»
filienmufter der alten Gefchirre, in neuer Nachahmung. Die
künftlerifcbe Bedeutung der alten Zeit hat aufgehört, feit die
Erfindung erlahmte; damit ift der Abfat), der Reichtümer fcbuf,
im gleichen Schritt zurückgegangen. An Stelle der zweihundert
Kleinbetriebe mit je 20 bis 40 Arbeitern bat Delft nur mehr eine
Fabrik, die 100 Arbeiter befchäftigt. Die Alt=Delfter Keramiker
waren Kunfthandwerker; die heutigen find Werkzeuge der
Arbeitsfcbablone. □
Das ftille Delft: Die Straßen find dunkel von den Erlen und
Linden, und von Sonnenlichtern gefprenkelt, die in den Schatten
an den Käufern und auf den Spiegeln der alten Grachten
liegen. Die fcbwärzlicb roten Backfteinbäufer find mit fchönen
weißen Portalen gefcbmückt, an denen bocberbabene Blumen»
feftons niederbängen; faft biedermeierlicb find die Oberlicht»
fenfter mit den geometrifcben Sproffenteilungen anzufeben; die
Hausflure find mit weißem und fcbwarzem Marmor getäfelt, am
Ende diefer Flure ift Gartengrün in den vornehmen Patrizier«
häufern. Die klaren, feinen Bilder Vermeers van Delft leben
auf, in den Häufern und an den Waffern: Die Spiegelbilder
in den Grachten gehören mit zu den ftillen Schönheiten der
Stadt. Das Rot der Dächer, das Grün der Bäume, dazwifchen
an bellen Tagen die wunderbare Bläue des Himmels verbinden
fich im Wafferbild zu einer entzückenden Harmonie. Stunden«
lang kann man zwifcben den fteinernen Brücken durch diefe
einzigartigen Wirkungen genießen. Es ift kein Ermüden. Ver«
meer bat feine Vaterftadt in diefer Farbigkeit gefeben. Noch
immer liegt das Licht Vermeers auf Delft. □
Die Stadt bat kein Bild von ihm bewahrt. Vor Jahrzehnten
gingen von hier zwei Schiffe nach Amfterdam, voll bepackt mit
alten Bildern, die den Trödlern verkauft werden follten. Die
Kleinigkeit von 10000 Gulden war der Erlös der koftbaren
Fracht. Mit Mühe konnte in den lebten Jahren ein Heemskerk
um den Preis von 1000 Gulden zurückerworben werden. Die
Kunft ift keine Angelegenheit der Regierung, war der Ausfprucb
eines früheren Minifters. Heute fleht feft, daß ein Millionen»
fchat) mit jenen Schiffen aus der Stadt geführt wurde, um an
obfkure Händler verfcbleudert zu werden. Dabei ift nicht ge»
rechnet, was ein folcber Beftand für die Stadt als vielfaches,
nie vertagendes und fortlaufendes Erträgnis hätte bedeuten
können. In den lebten Jahren bat, wie überall, die Politik ihren
Kurs geändert. □
Das cbinefifcbe Vorbild des Delfter Porzellan ift am beften in
Dresden zu ftudieren. Delft bat keine Sammlung ihres lokalen
Erzeugniffes, von der kleinen Mufterkollektion in der Fabrik
abgefeben. Eine große Privatfammlung an Ort und Stelle kam
unter den Hammer und zerftob in alle Winde; die Stadt zeigte
keine Luft, das Werk des Sammeleifers zu erwerben, und mühe»
los ein Gut zu erhalten, das beute nicht mehr zuftande zu
bringen ift. D
Was die Stadt nicht befifjt, nennt Herr Scheuten in Delft fein
eigen: eine Sammlung von mehreren Taufend Stück von bunten
Delfter Fliefen, die da und dort in altbolländifcben Häufern als
Wandbekleidung und Kaminbelag zu finden find. Schoutens
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