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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

Grund  räumt  Lichtwark  der  Übung  im  Silbouettenfdmeiden
aucfr  einen  großen  Einfluß  auf  Runges  malerifcbe  Tätigkeit  ein.
Die  Silhouetten  gewähren  kulturgefcbichtlich  gar  nicht  bedeutungslofe
  Einblicke  in  das  Leben  unterer  Urgroßeltern.  Da
ift  etwa  die  hier  abgebildete  »Geburtstagsfeier«  (Bef.  Fr.  Göllner,
Peterswaldau).  Man  erblickt  eine  völlig  möblierte  mit  Familien»
bildern  gefchmückte  Stube,  an  deren  Fenfter  die  fleißige  Mutter
mit  unförmlichem  Kopfput)  bei  der  Näharbeit  fit)t.  Links  auf  dem
Sofa  thront  der  Vater,  dem  der  jüngfte  Knabe  ein  Gedicht  auffagt
und  das  jüngfte  Mädchen  eine  mit  Blumen  gezierte  Pyramidentorte
bringt.  Rechts  feiern  die  drei  älteren  Kinder  den  Geburtstag  des
Oberhauptes  durch  ein  mufikalifches  Trio,  die  Tochter  amSpinett,
der  erwachfene  Sohn  mit  der  Geige,  ein  Knabe  fingend.  Be»
hagliches  Leben  und  kunftfrohe  Erziehung  fpricbt  aus  diefem
Bilde  zu  uns,  befonders  wenn  man  fich  vorftellen  darf,  daß
einer  der  Dargeftellten  vielleicht  gar  felbft  zugleich  der  Silhouet»
teur  gewefen  ift.  a
Die  Medaillonbildniffe  flammen  von  einem  Wiener  Silhouetteur.
Ein  männliches  Bruftbild  in  Hinterglasmalerei  mit  einem  zarten
Zweig  in  Tufchzeidmung  als  eirunder  Anhänger  in  einen  Metall»

rahmen  gefaßt  (81  zu  67  mm)  trägt  die  Bezeichnung  »Fecit
Schmid  Viennae  1795  März  12«.  Ein  zweites  männliches  Bruft»
bild  in  ähnlicher  Ausführung  und  ebenfalls  weiß  hinterklebt
entftand  zu  derfelben  Zeit:  »Fecit  Schmid  Viennaae  1795  März« )
ift  aber  durch  einen  goldenen  Lorbeetzweig  und  einen  halbkreis»
förmigen  Fries  fcbwarzer  weiblicher  Geftalten  ausgezeichnet,  die
mit  blauer  Folie  unterlegt,  befonders  reizvoll  und  zart  wirken.
Auch  diefe  Silhouette  (81  zu  67  mm)  ift  in  Metallfaffung  zum
Anhängen  eingerichtet  und  befindet  fich  wie  die  erftgenannte
in  der  reichhaltigen  Silhouettenfammtung  Dr.  Max  Strauß
in  Wien.  D
Auch  wagen  fich  die  Silhouetteure  an  ganz  große  Wandglas»
bildet.  Auf  die  Rückfeite  von  Glasplatten  gemalte  Heilige  in
bunten  Farben  waren  ja,  freilich  in  meift  derber  Ausführung,
dem  18.  Jahrhundert  in  Bürger»  und  Bauernhäufern  etwas
ganz  Geläufiges.  Nun  wird  aber  in  diefer  Hinterglasmalerei
(Églomisé)  die  heitere  Farbe  durch  das  ernfte  Schwarz  verdrängt.
Das  Linzer  Mufeum  Franzisco»Catolinum  befitjt  in  diefer  Art,  wie
das  nebenftehende  Bild  zeigt,  »Die  Kapelle  des  grienen  Pirget»Kor«,
echt  uniformierte  Mufikanten,  in  voller  Geftalt.  Sie  flehen  in
einem  fchönen  Saale  um  einen  Tifch,  auf  der  Wanduhr  im  Zopf«
ftil  lieft  man  die  Jahreszahl  1796  und  auch  der  biedere  Porträ»
tift  hat  fich  ftolz  genannt:  »Gemacht  von  lg.  Pfeilhauer,  Mitglied
des  grienen  Pirger»Kor«  (600  zu  460  mm).  O

L.:  HOLLÄNDISCHE  REISESKIZZEN
VI.
DELFT
er  Name  ift  weltberühmt:  Die  feinen  blau  bemalten  Ge«
fchirre  mit  nachgeahmten  chinefifchen  Zeichnungen  haben
ihn  in  alle  Länder  getragen.  Ganz  Holland  fpeift  auf
diefen  Gefchirren.  Hier  haben  fie  auch  eine  andere  Zeichnung:
in  regelmäßigen  Feldern  ftilvoll  angeordnetes  Blattwerk,  ab«
wecbfelnd  mit  japanifdvfiguralen  Darftellungen.  Es  ift  das  Peter»
filienmufter  der  alten  Gefchirre,  in  neuer  Nachahmung.  Die
künftlerifcbe  Bedeutung  der  alten  Zeit  hat  aufgehört,  feit  die
Erfindung  erlahmte;  damit  ift  der  Abfat),  der  Reichtümer  fcbuf,
im  gleichen  Schritt  zurückgegangen.  An  Stelle  der  zweihundert
Kleinbetriebe  mit  je  20  bis  40  Arbeitern  bat  Delft  nur  mehr  eine
Fabrik,  die  100  Arbeiter  befchäftigt.  Die  Alt=Delfter  Keramiker
waren  Kunfthandwerker;  die  heutigen  find  Werkzeuge  der
Arbeitsfcbablone.  □
Das  ftille  Delft:  Die  Straßen  find  dunkel  von  den  Erlen  und
Linden,  und  von  Sonnenlichtern  gefprenkelt,  die  in  den  Schatten
an  den  Käufern  und  auf  den  Spiegeln  der  alten  Grachten
liegen.  Die  fcbwärzlicb  roten  Backfteinbäufer  find  mit  fchönen
weißen  Portalen  gefcbmückt,  an  denen  bocberbabene  Blumen»
feftons  niederbängen;  faft  biedermeierlicb  find  die  Oberlicht»
fenfter  mit  den  geometrifcben  Sproffenteilungen  anzufeben;  die
Hausflure  find  mit  weißem  und  fcbwarzem  Marmor  getäfelt,  am
Ende  diefer  Flure  ift  Gartengrün  in  den  vornehmen  Patrizier«
häufern.  Die  klaren,  feinen  Bilder  Vermeers  van  Delft  leben
auf,  in  den  Häufern  und  an  den  Waffern:  Die  Spiegelbilder
in  den  Grachten  gehören  mit  zu  den  ftillen  Schönheiten  der
Stadt.  Das  Rot  der  Dächer,  das  Grün  der  Bäume,  dazwifchen
an  bellen  Tagen  die  wunderbare  Bläue  des  Himmels  verbinden
fich  im  Wafferbild  zu  einer  entzückenden  Harmonie.  Stunden«
lang  kann  man  zwifcben  den  fteinernen  Brücken  durch  diefe
einzigartigen  Wirkungen  genießen.  Es  ift  kein  Ermüden.  Ver«
meer  bat  feine  Vaterftadt  in  diefer  Farbigkeit  gefeben.  Noch
immer  liegt  das  Licht  Vermeers  auf  Delft.  □
Die  Stadt  bat  kein  Bild  von  ihm  bewahrt.  Vor  Jahrzehnten
gingen  von  hier  zwei  Schiffe  nach  Amfterdam,  voll  bepackt  mit
alten  Bildern,  die  den  Trödlern  verkauft  werden  follten.  Die
Kleinigkeit  von  10000  Gulden  war  der  Erlös  der  koftbaren
Fracht.  Mit  Mühe  konnte  in  den  lebten  Jahren  ein  Heemskerk
um  den  Preis  von  1000  Gulden  zurückerworben  werden.  Die
Kunft  ift  keine  Angelegenheit  der  Regierung,  war  der  Ausfprucb
eines  früheren  Minifters.  Heute  fleht  feft,  daß  ein  Millionen»
fchat)  mit  jenen  Schiffen  aus  der  Stadt  geführt  wurde,  um  an
obfkure  Händler  verfcbleudert  zu  werden.  Dabei  ift  nicht  ge»
rechnet,  was  ein  folcber  Beftand  für  die  Stadt  als  vielfaches,
nie  vertagendes  und  fortlaufendes  Erträgnis  hätte  bedeuten
können.  In  den  lebten  Jahren  bat,  wie  überall,  die  Politik  ihren
Kurs  geändert.  □
Das  cbinefifcbe  Vorbild  des  Delfter  Porzellan  ift  am  beften  in
Dresden  zu  ftudieren.  Delft  bat  keine  Sammlung  ihres  lokalen
Erzeugniffes,  von  der  kleinen  Mufterkollektion  in  der  Fabrik
abgefeben.  Eine  große  Privatfammlung  an  Ort  und  Stelle  kam
unter  den  Hammer  und  zerftob  in  alle  Winde;  die  Stadt  zeigte
keine  Luft,  das  Werk  des  Sammeleifers  zu  erwerben,  und  mühe»
los  ein  Gut  zu  erhalten,  das  beute  nicht  mehr  zuftande  zu
bringen  ift.  D
Was  die  Stadt  nicht  befifjt,  nennt  Herr  Scheuten  in  Delft  fein
eigen:  eine  Sammlung  von  mehreren  Taufend  Stück  von  bunten
Delfter  Fliefen,  die  da  und  dort  in  altbolländifcben  Häufern  als
Wandbekleidung  und  Kaminbelag  zu  finden  find.  Schoutens

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