Hier hcrrfcht in erftet Linie der Gartenkünftler, der durch die
Beherrfchung feines Materials in tecbnifcber wie in künftlerifcher
Hinficht, außerdem von malerifcben Gefichtspunkten, eine äußerft
intereffante künftlerifche Leiftung gefchaffen hat. □
Große Anziehung wird die Schwarzwaldlandfchaft ausüben,
die nach Entwurf und unter Leitung des Gartenbauingenieurs
F. Keerl ausgeführt wird. Hier bat nicht nur der feinfühlige
Landfcbaftler ein poetifches Stimmungsbild von nacbbaltigfter
Wirkung gefchaffen, fondern der bewährte Fachmann bat die
technifchen Schwierigkeiten, die die Herftellung einer folcben Berg»
landfchaft mit feinen Tannenwäldern, Wafferfällen und Bergab»
hängen bereitet, mit ftaunenswerter Sicherheit überwunden. □
Schon die gärtnerifche Anlage, die in den vorderen Teilen
durch Einzelausfteller bereichert ift, würde genügen, einen ganz
hervorragenden Teil der Ausftellung hier zu zeigen, ja der Blick,
wie der zwifchen und unter den prächtigen Fichtenzweigen ficb
auf den Berg fcblängelnden Weg mit der Ausficht auf die kleine
Bergkapelle und das ftrobgedeckte alte Schwarzwaldbaus dar
bietet, ift wohl noch auf keiner Ausftellung mit folcber Natur»
Wahrheit und Poefie geftaltet worden. □
Die intime, reichhaltige und verfchiedenartige Ausbildung der
Gebäude trägt auch viel zu der Gefamtwirkung bei. Zur Rechten,
hinter einer Felspartie mit einer reichhaltigen Alpenflora ein
Blockbaus, auf der Höbe die Kapelle, deffen freundlich ernfte
Stimmung in dem raufcbenden Wafferfall ein natürlicher Wider
hall zu finden fcbeint, jenfeits des Tales das alte Schwarzwald-
haus auf dem grünbemooften Sandfteinfockel und dem kleinen
Pferch davor, im Hintergrund der Blick weit hinaus in die Matten
und Berge des Schwarzwaldes. Kurz, ein Idyll intimfter und
dabei großzügigfter Wirkung. □
Ein Scbwarzwälder Haus, daß durch fein Beifpiel zeigen foll,
wie der moderne Land» und Wobnbausbau auch in die Schwarz
waldlandfchaft eingefübrt werden kann und wie im Schwarz»
wald auf Grund der alten Überlieferung den modernen Bedürf»
niffen entfprecbend, in wirklicher ftimmungsvoller, der Landfchaft
angepaßter Weife gebaut werden follte, ohne direkt fremde Bau
formen in Anwendung zu bringen, zeigt es in feiner einfachen,
fchlichten Facbwerkbauweife eine gefunde, bodenftändige Kraft.
Hier foll außer dem Wirtfcbaftsbetrieb im Erdgefchoß die unter
dem befonderen Protektorat der Großberzogin von Baden ftebende
Scbwarzwaldinduftrie wieder in weiteften Kreifen bekannt ge
macht und zu neuem Leben gebracht werden. □
Da felbft ein Garten für Reftaurationszwecke gewiffen künft-
lerifcben Anfprüchen genügen muß, fo ift auch in diefer Beziehung
auf der Ausftellung eine Anlage zu feben, deffen Entwurf von
Herrn Stadtgartendirektor Heicke in Frankfurt berrübrt. Es ift
febr zu wünfcben, daß auch in diefer Richtung von der Mann
heimer Ausftellung reformatorifcher und neufcböpferifcber Ein
fluß ausgebt. D
Ein kurzer Blick fei noch in den Vergnügungspark getan,
deffen Gefamtanlage ebenfalls von Herrn Gartenbauingenieur
F. Keerl ausgebt, und der durch feine günftige Dispofition und
Mannigfaltigkeit der Darbietung ganz außergewöhnliches Inter»
effe erregen wird. An Gebäuden dürfte künftlerifcb am bedeu-
tendften eine Weinballe am See werden, deren Entwurf und
Ausführung von feiten des ftädtifcben Hochbauamtes, insbefon»
dere Herr Stadtbaurat Perrey und Architekt Schaab, in deren
Händen auch die Bauleitung der Ausftellungsballen ufw. liegt,
berftammt. Aber auch in bezug auf die anderen zahlreichen
Gebäude diefes Teils fällt eine gewiffe ruhige Gleichmäßigkeit
und künftlerifche Auffaffung angenehm auf. Es ift der Aus-
ftellungsleitung befonders hoch anzurecbnen, daß fie auch hier
für ein gefundes, künftlerifcbes Beftreben in der Praxis durcb-
geführt hat und durch Hilfeleiftung feitens des ftädtifcben Hoch
bauamtes in bezug auf die äußere Geftaltung durch Vorfchläge
und Skizzen fowobl den Einzelunternebmer unterftütjt, als auch
das allgemeine künftlerifche Niveau der Ausftellung, fpeziell des
Vergnügungsparkes, daß auf anderen Ausheilungen oft viel zu
wünfcben übrig gelaffen, gehoben bat. □
Und fo wird Mannheim eine Ausftellung darbieten, die in jeder
Beziehung, künftlerifcb, in allererfter Linie gärtnerifcb und
kulturell, auf einer ganz bedeutenden Stufe ftebt und ein wür
diger Ausdruck der Stadt, die ihr Jubiläum damit dokumen
tieren will. Wenn die vielfeitigen neuen und vornehmen An
regungen auf günftigen Boden fallen, fo wird das Jahr 1907
nicht nur für Mannheim, fondern für ganz Deutfcbland der
Ausgangspunkt einer bedeutenden, neuen künftlerifcb-gärtneri-
fchen und induftriellen und damit kommerziellen Kultur fein.
IGNOTUS
SYMMETRIE UND GLEICHGEWICHT
er Katalog der Symmetrie-flusftellung, die Direktor Pazaurek im
Stuttgarter Mufeum veranftaltete, beanfprucbt die Geltung einer
felbftändigen Publikation, die ficb mit diefer »Kunft«-Frage eingebend
befaßt. Die Unterfucbung ftebt im Rang nicht viel böber als eine wiffen-
fcbaftlicbe Spielerei, die weder für das Verftändnis, noch für die Praxis
der Kunft einen Wert befit>t. Meine Zweifel werden durch eine Schluß-
betracbtung des Buches geradezu gefertigt, wo es beißt: »Symmetrie
ift Rübe, Gleichgewicht, Beruhigung. Die gegenwärtige künftle
rifche und kunftgewerblicbe Entwicklung ift alles andere eher als ruhig.
Aber der Moft wird und muß fich klären, die boffnungsvollften Kunft-
elemente werden fich mit der Zeit zufammenfcbließen, und mit der
Beruhigung wird auch das Gleichgewicht im höheren Sinne die Re
gierung angetreten haben«. — Was nütjt der weite Umweg durch die
Kunftgefcbicbte und der faure Schweiß der angebäuften Argumente,
wenn ficb als der Weisheit letzter Schluß nur diefe dürftige Erkenntnis
berausftellt? Wer nicht künftlerifcb begabt ift und ficb dennoch zum
Schaffen verurteilt, der mag fich der Symmetriegefetje bedienen als
Krücken, damit er nicht falle, der Künftler aber drückt in feinem Werk
Gleichmaß und Einheit aus, Rhythmus und Ordnung, die zahllos und
verfcbiedenartig find, wie die künftlerifcben Temperamente und in keine
Art von Regeltricbterei gefaßt werden können. Das Geheimnis ift
glücklicberweife unlösbar und wird die Welt ewig mit neuen Über-
rafchungen beglücken oder erfchrecken. Hätten wir alles fcbon fo ficher
in Rezepten, dann gäbe es böcbftens nur mehr Quackfalber, Juriften und
Gelehrte, aber keine Künftler mehr. L.
KÜNSTLER UND FHBRIKHNTEN
(ZUM STREIT IM WÜRTTEMBERGISCHEN KUNSTGEWERBE-VEREIN)
E ine Flugfcbrift des ehemaligen Herausgebers der »Stuttgarter Mit
teilungen über Kunft und Gewerbe«, Privatdozenten Dr. K. FRANCK-
Oberaspach, bringt eine unerquickliche Streiterei, in deren Verlauf der
Herausgeber jener Kunftzeitfcbrift ficb zum Rücktritt von feiner Redak»
tionsftellung veranlaßt gefeben, zur allgemeinen Kenntnis. Die in der
Hifie des Gefechts aufgetifcbten Einzelheiten geben die Öffentlichkeit
nichts an; viel wichtiger ift die Tatfacbe, daß in diefem Streitfall die von
Franck-Oberaspach verteidigten künftlerifcben Intereffen, gegen die im
Württembergifcben Kunftgewerbe-Verein vorberrfcbenden Fabrikanten-
intereffen den Kürzeren ziehen mußten, wie aus der Schrift bervorgebt.
Das ift allerdings febr bedenklich; bedenklich nicht für die Kunft, aber
für diefe Herren Fabrikanten. Das Publikum ift beute fcbon auf dem
heften Wege mit künftlerifcbem Maßftab zu meffen, und es wird ficher«
lieh dabin kommen, wohin es durch die Macht der künftlerifcben Bildung
kommen muß. Wie werden dann diefe Herren Fabrikanten ausfeben?
Das möchte ich dem Württembergifcben Kunftgewerbe-Verein zu be
denken geben. L.
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