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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

Hier hcrrfcht in erftet Linie der Gartenkünftler, der durch die 
Beherrfchung feines Materials in tecbnifcber wie in künftlerifcher 
Hinficht, außerdem von malerifcben Gefichtspunkten, eine äußerft 
intereffante künftlerifche Leiftung gefchaffen hat. □ 
Große Anziehung wird die Schwarzwaldlandfchaft ausüben, 
die nach Entwurf und unter Leitung des Gartenbauingenieurs 
F. Keerl ausgeführt wird. Hier bat nicht nur der feinfühlige 
Landfcbaftler ein poetifches Stimmungsbild von nacbbaltigfter 
Wirkung gefchaffen, fondern der bewährte Fachmann bat die 
technifchen Schwierigkeiten, die die Herftellung einer folcben Berg» 
landfchaft mit feinen Tannenwäldern, Wafferfällen und Bergab» 
hängen bereitet, mit ftaunenswerter Sicherheit überwunden. □ 
Schon die gärtnerifche Anlage, die in den vorderen Teilen 
durch Einzelausfteller bereichert ift, würde genügen, einen ganz 
hervorragenden Teil der Ausftellung hier zu zeigen, ja der Blick, 
wie der zwifchen und unter den prächtigen Fichtenzweigen ficb 
auf den Berg fcblängelnden Weg mit der Ausficht auf die kleine 
Bergkapelle und das ftrobgedeckte alte Schwarzwaldbaus dar 
bietet, ift wohl noch auf keiner Ausftellung mit folcber Natur» 
Wahrheit und Poefie geftaltet worden. □ 
Die intime, reichhaltige und verfchiedenartige Ausbildung der 
Gebäude trägt auch viel zu der Gefamtwirkung bei. Zur Rechten, 
hinter einer Felspartie mit einer reichhaltigen Alpenflora ein 
Blockbaus, auf der Höbe die Kapelle, deffen freundlich ernfte 
Stimmung in dem raufcbenden Wafferfall ein natürlicher Wider 
hall zu finden fcbeint, jenfeits des Tales das alte Schwarzwald- 
haus auf dem grünbemooften Sandfteinfockel und dem kleinen 
Pferch davor, im Hintergrund der Blick weit hinaus in die Matten 
und Berge des Schwarzwaldes. Kurz, ein Idyll intimfter und 
dabei großzügigfter Wirkung. □ 
Ein Scbwarzwälder Haus, daß durch fein Beifpiel zeigen foll, 
wie der moderne Land» und Wobnbausbau auch in die Schwarz 
waldlandfchaft eingefübrt werden kann und wie im Schwarz» 
wald auf Grund der alten Überlieferung den modernen Bedürf» 
niffen entfprecbend, in wirklicher ftimmungsvoller, der Landfchaft 
angepaßter Weife gebaut werden follte, ohne direkt fremde Bau 
formen in Anwendung zu bringen, zeigt es in feiner einfachen, 
fchlichten Facbwerkbauweife eine gefunde, bodenftändige Kraft. 
Hier foll außer dem Wirtfcbaftsbetrieb im Erdgefchoß die unter 
dem befonderen Protektorat der Großberzogin von Baden ftebende 
Scbwarzwaldinduftrie wieder in weiteften Kreifen bekannt ge 
macht und zu neuem Leben gebracht werden. □ 
Da felbft ein Garten für Reftaurationszwecke gewiffen künft- 
lerifcben Anfprüchen genügen muß, fo ift auch in diefer Beziehung 
auf der Ausftellung eine Anlage zu feben, deffen Entwurf von 
Herrn Stadtgartendirektor Heicke in Frankfurt berrübrt. Es ift 
febr zu wünfcben, daß auch in diefer Richtung von der Mann 
heimer Ausftellung reformatorifcher und neufcböpferifcber Ein 
fluß ausgebt. D 
Ein kurzer Blick fei noch in den Vergnügungspark getan, 
deffen Gefamtanlage ebenfalls von Herrn Gartenbauingenieur 
F. Keerl ausgebt, und der durch feine günftige Dispofition und 
Mannigfaltigkeit der Darbietung ganz außergewöhnliches Inter» 
effe erregen wird. An Gebäuden dürfte künftlerifcb am bedeu- 
tendften eine Weinballe am See werden, deren Entwurf und 
Ausführung von feiten des ftädtifcben Hochbauamtes, insbefon» 
dere Herr Stadtbaurat Perrey und Architekt Schaab, in deren 
Händen auch die Bauleitung der Ausftellungsballen ufw. liegt, 
berftammt. Aber auch in bezug auf die anderen zahlreichen 
Gebäude diefes Teils fällt eine gewiffe ruhige Gleichmäßigkeit 
und künftlerifche Auffaffung angenehm auf. Es ift der Aus- 
ftellungsleitung befonders hoch anzurecbnen, daß fie auch hier 
für ein gefundes, künftlerifcbes Beftreben in der Praxis durcb- 
geführt hat und durch Hilfeleiftung feitens des ftädtifcben Hoch 
bauamtes in bezug auf die äußere Geftaltung durch Vorfchläge 
und Skizzen fowobl den Einzelunternebmer unterftütjt, als auch 
das allgemeine künftlerifche Niveau der Ausftellung, fpeziell des 
Vergnügungsparkes, daß auf anderen Ausheilungen oft viel zu 
wünfcben übrig gelaffen, gehoben bat. □ 
Und fo wird Mannheim eine Ausftellung darbieten, die in jeder 
Beziehung, künftlerifcb, in allererfter Linie gärtnerifcb und 
kulturell, auf einer ganz bedeutenden Stufe ftebt und ein wür 
diger Ausdruck der Stadt, die ihr Jubiläum damit dokumen 
tieren will. Wenn die vielfeitigen neuen und vornehmen An 
regungen auf günftigen Boden fallen, fo wird das Jahr 1907 
nicht nur für Mannheim, fondern für ganz Deutfcbland der 
Ausgangspunkt einer bedeutenden, neuen künftlerifcb-gärtneri- 
fchen und induftriellen und damit kommerziellen Kultur fein. 
IGNOTUS 
SYMMETRIE UND GLEICHGEWICHT 
er Katalog der Symmetrie-flusftellung, die Direktor Pazaurek im 
Stuttgarter Mufeum veranftaltete, beanfprucbt die Geltung einer 
felbftändigen Publikation, die ficb mit diefer »Kunft«-Frage eingebend 
befaßt. Die Unterfucbung ftebt im Rang nicht viel böber als eine wiffen- 
fcbaftlicbe Spielerei, die weder für das Verftändnis, noch für die Praxis 
der Kunft einen Wert befit>t. Meine Zweifel werden durch eine Schluß- 
betracbtung des Buches geradezu gefertigt, wo es beißt: »Symmetrie 
ift Rübe, Gleichgewicht, Beruhigung. Die gegenwärtige künftle 
rifche und kunftgewerblicbe Entwicklung ift alles andere eher als ruhig. 
Aber der Moft wird und muß fich klären, die boffnungsvollften Kunft- 
elemente werden fich mit der Zeit zufammenfcbließen, und mit der 
Beruhigung wird auch das Gleichgewicht im höheren Sinne die Re 
gierung angetreten haben«. — Was nütjt der weite Umweg durch die 
Kunftgefcbicbte und der faure Schweiß der angebäuften Argumente, 
wenn ficb als der Weisheit letzter Schluß nur diefe dürftige Erkenntnis 
berausftellt? Wer nicht künftlerifcb begabt ift und ficb dennoch zum 
Schaffen verurteilt, der mag fich der Symmetriegefetje bedienen als 
Krücken, damit er nicht falle, der Künftler aber drückt in feinem Werk 
Gleichmaß und Einheit aus, Rhythmus und Ordnung, die zahllos und 
verfcbiedenartig find, wie die künftlerifcben Temperamente und in keine 
Art von Regeltricbterei gefaßt werden können. Das Geheimnis ift 
glücklicberweife unlösbar und wird die Welt ewig mit neuen Über- 
rafchungen beglücken oder erfchrecken. Hätten wir alles fcbon fo ficher 
in Rezepten, dann gäbe es böcbftens nur mehr Quackfalber, Juriften und 
Gelehrte, aber keine Künftler mehr. L. 
KÜNSTLER UND FHBRIKHNTEN 
(ZUM STREIT IM WÜRTTEMBERGISCHEN KUNSTGEWERBE-VEREIN) 
E ine Flugfcbrift des ehemaligen Herausgebers der »Stuttgarter Mit 
teilungen über Kunft und Gewerbe«, Privatdozenten Dr. K. FRANCK- 
Oberaspach, bringt eine unerquickliche Streiterei, in deren Verlauf der 
Herausgeber jener Kunftzeitfcbrift ficb zum Rücktritt von feiner Redak» 
tionsftellung veranlaßt gefeben, zur allgemeinen Kenntnis. Die in der 
Hifie des Gefechts aufgetifcbten Einzelheiten geben die Öffentlichkeit 
nichts an; viel wichtiger ift die Tatfacbe, daß in diefem Streitfall die von 
Franck-Oberaspach verteidigten künftlerifcben Intereffen, gegen die im 
Württembergifcben Kunftgewerbe-Verein vorberrfcbenden Fabrikanten- 
intereffen den Kürzeren ziehen mußten, wie aus der Schrift bervorgebt. 
Das ift allerdings febr bedenklich; bedenklich nicht für die Kunft, aber 
für diefe Herren Fabrikanten. Das Publikum ift beute fcbon auf dem 
heften Wege mit künftlerifcbem Maßftab zu meffen, und es wird ficher« 
lieh dabin kommen, wohin es durch die Macht der künftlerifcben Bildung 
kommen muß. Wie werden dann diefe Herren Fabrikanten ausfeben? 
Das möchte ich dem Württembergifcben Kunftgewerbe-Verein zu be 
denken geben. L. 
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