DER KfiMPF GEGEN DIE MODERNE KUNST*
BEWEGUNG
DIE BESCHWERDE DER POSHMENTRIEFHBRIKflNTEN, TAPEZIERER,
STUKKATEURE USW.
er gute und anftändige Arbeit liebt und die Scbund=
Produktion haßt, wer lebendigen Anteil an dem Auf*
fcbwung des deutfcben Kunftgewerbes nimmt und auf
die Hebung der Volkswirtfcnaft als einer Wirtfcbaft des Volkes
hofft, fleht mit Betrübnis das Schaufpiel diefer Tage, da fleh
gewiffe Zweige des Gewerbes und der Induftrie, die Pofamenten*
fabrikanten und die Tapezierer, gegen den Fortfcbritt des Kunft*
gewerbes auflebnen und den Staat anrufen, diefen Fortfehritt
zu unterdrücken, weil angeblich durch ihn die Intereffen diefer
Gewerbe* und Induftriezweige gefährdet feien. In dem ganzen
Verlauf der Debatten, der Unterfuchungen, Feftftellungen und
Befferungsvorfcblägen war nicht ein einziges Mal das erlöfende
Wort gefprochen worden, das die Menge von Anklagen gegen
die Kunft und das Kunftgewerbe und die Forderungen um
Scbutjmaßregeln gerechtfertigt hätte. Es fcheint den Herren noch
nicht klar zu fein, daß die Fabrikation auch Pflichten hat hin*
flchtlich einer guten Arbeit nach beftem Wiffen und Können, und
daß die Urfachen einer wirtfcbaftlicben Bedrängnis nicht in dem
Fortfehritt der anderen kunftgewerblichen Zweige, fondern in
dem Rückftand der nun bedrängten Produktionszweige zu fuchen
find. Es liegt geradezu eine gewiffe Frivolität in dem Verlangen,
der Staat müffe die Entwicklung der Qualität und der Gefchmacks*
bildung durch Gewaltmaßregeln zurückfchrauben, damit einige
zurückgebliebene Produktionszweige nicht das Brot verlieren.
Es gibt kein Recht auf wirtfcbaftliche Exiftenz, wenn diefe nicht
auf Qualität gegründet ift, auf die fittliche Pflicht, aus der Arbeit
das Befte zu machen und das böchfte Maß in bezug auf Material
und folide, zweckmäßige Arbeit zu fuchen. Das fächfifche Minifte*
rium hat mit gutem Inftinkt den Befchwerdeführenden empfohlen,
fleh den Künftlern anzufddießen. Es ift in der Tat das Befte, das
zunächft diefen Leuten empfohlen werden kann. Wenn in diefen
fraglichen Produktionszweigen ein einziger Menfcb ift, der von
der fittliehen Kraft und der klaren Erkenntnis der Pflichten
der modernen Fabrikation geleitet ift, dann wird ein folcber es
nicht nötig haben, den Staat um Polizeimaßregeln anzuflehen,
fondern er wird den einzigen Weg geben, den die produktive
Kraft geben muß, er wird alle Fähigkeiten zur Steigerung der
Leiftung und Entwicklung feiner Produktion beranzieben müffen.
Der wirtfcbaftliche Erfolg kann fleh immer nur als die Prämie
der beften Leiftung einftellen. Diefe Leute febeinen fleh niemals
die Frage vorgelegt zu haben, welchem Umftand das deutfehe
Kunftgewerbe feinen Auffchwung verdankt. Sie febeinen der
Meinung zu fein, daß der Erfolg des deutfehen Kunftgewerbes
auf irgend eine minifterielle Verordnung, auf eine Aktion des
Staates oder der Regierung oder auf den Aufruf einer Ver*
einigung bin zuftande gekommen ift. Der Erfolg des deutfehen
Kunftgewerbes beruht lediglich auf der Pflege der Qualität, die
verlangt, daß die edelften Kräfte eingefe^t werden. Und nur
dem Einfat} der beften menfchlicben Kräfte ift es zu danken,
daß das deutfehe Kunftgewerbe feinen Rang auf dem Weltmarkt
behauptet und möglicherweife zur Fübrerrolle beftimmt ift.
Zugunften jener Fabrikationszweige, die ficb durch diefen allge*
meinen Qualitätsfortfcbritt bedroht fühlen, wird geltend gemacht,
daß der Händler und das Publikum geradezu diefe fcblechten
Produkte verlangen, die der Künftler verfebmäbt, und daß der
Fabrikant und der Gewerbetreibende von dem Gefcbmack des
Publikums abbänge. Es mag fein, daß der Händler, der feiner
Aufgabe nicht gewachten ift, die fcblechten Erzeugniffe, die ihm
perfönlich näher liegen, begehrt; wenn er es tut, dann verdient
auch er als Schädling allgemeiner Intereffen bekämpft zu werden.
Man behaupte aber nicht, daß das Publikum das Schlechte aus
Notwendigkeit und Inftinkt fordere. Wenn das Publikum beute
noch zum Teil nicht imftande ift, ausdrücklich die gute Qualität
und anftändige Arbeit zu verlangen, fo liegt es einfach darin,
weil eine fcblecbte Fabrikation es durch allzulange Zeit an
Schunderzeugniffe gewöhnt bat. Wir dürfen uns nun gar nicht
wundern, wenn beute noch ein gewiffer Teil des Publikums
unferen lebendigen nationalen Intereffen, die in der Arbeit liegen
und vornehmlich in der guten Arbeit, ziemlich gleichgültig gegen*
überftebt. Aber eigentlich hat ficb doch febon der Gefcbmack
des Publikums fo bedeutend gebeffert, daß es ganz entfehieden
die guten Erzeugniffe der Schundproduktion verzieht, wofern
ihm nur überhaupt gute Erzeugniffe geboten werden. Nicht
nur aus wirtfcbaftlicben und vielen anderen Gründen und im
Intereffe der nationalen Kultur erwäcbft für die gefamte Fabri»
kation und für das gefamte Gewerbe die moralifebe Pflicht, dem
Publikum Schunderzeugniffe oder mindere, nicht nach beftem
Wiffen und Können ausgefübrte Arbeit vorzuentbalten und den
Markt mit ausnahmslos vorzüglichen Gütern zu verforgen, Gütern,
die wieder als Wertmaß für die produktive Kraft und Fähigkeit
des Volkes und feiner Arbeitsfreude gelten kann. Daß fleh im
Publikum nun die Wünfche nach einer edleren Achtbaren Kultur
regen, und daß wir von dorther febon ein Echo empfangen, ift das
Verdienft der modernen Kunftbewegung und einer auf Qualität
gegründeten Arbeit. Der wirtfcbaftliche Erfolg bängt wefentlicb
davon ab, daß wir im eigenen Lande ein Publikum finden, das
über erzogene Augen verfügt, gebildete Bedürfniffe befitjt und
imftande ift, zwifeben Gut und Schlecht zu unterfcheiden. Wenn ( ^
nun Fabrikationszweige fleh über den wirtfcbaftlicben Rückgang
beklagen und dafür den allgemeinen Fortfcbritt der Qualität
verantwortlich machen, fo ftellen fie ficb nur das traurige Zeugnis
aus, daß fie ihre Pflichten binficbtlicb der Arbeitsveredlung ver*
kannt oder zumindeft leichtfertig behandelt haben. In diefem
Falle tragen fie durch ihre notwendig eintretende wirtfcbaftliche
Bedrängnis die Folgen einer ungerechten Handlungsweife, die
niemals ausbleiben können. Diefe Fabrikationszweige haben
kein Recht, ficb auf die überftürzten Neuheiten zu berufen, auf
die atemlofe Haft der Muftererfindung, auf den fauren Schweiß
ihrer Mufterzeicbner, die das traurigfte Los auf der Erde tragen,
indem fie ficb unaufhörlich neue Erfindungen abquälen müffen,
die beftenfalls auf eine Variation und Verfcblecbterung guter
künftlerifcber Ideen binauslaufen. Gerade die wabnflnnige
Sucht nach Neuheiten, die den Markt überfebwemmen und die
Waren der Saifon vorher mit künftlicben Mitteln verdrängen, ift
das bedenkliche Merkmal von im Grunde ganz ungefunder,
fchlecbter moralifcber Verfaffung in der Induftrie und im Gewerbe.
Wer wirklich gute und anftändige Arbeit liefern will, wer bin*
flchtlich des Materials, der Bearbeitung und der Zweckmäßig*
keit das Befte bieten will und unabläffig nach Verbefferung der
Mittel und Methoden, nach Steigerung der Qualität forfcht, ift
gar nicht imftande, diefe atemlofe Mufterbe^e mitzumachen. Im
Gegenteil. Er fühlt fleh alsbald in feinem befferen künftlerifcben
Wollen von jener Neubeitsgier, die auf Koften der Qualität
arbeitet, in feinen gefunden Beftrebungen empfindlich gefchädigt.
Aber immerhin bat eine fokbe, auf gefunder Bafls gegründete
Erzeugung die Kraft und Hoffnung, von den Fieberzuckungen
einer folchen kranken Produktionsweife unberührt zu bleiben
und die Epidemie zu überdauern. Es ift wahrhaft betrübend,
einzelne Produktionsmächte auftreten zu feben, die für ihre
eigenen Schwächen die Künftler verantwortlich machen wollen,
die zum beften der nationalen Arbeit gewirkt haben. So
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