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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

Sache felbet ins Huge faffen, klug und feinfühlig geftalten, 
ftatt fremde Formen herzuzutragen und zufammenzuftümpern, 
aus der Sache felber die Form herauswachfen laffen. Das 
Schlimmfte, was auf diefe Art der künftlerifcb ganz Unbegabte 
betvotbringen wird, ift eine ganz nüchterne Hrbeit, das 
Schlimmfte, was unfere Hrchitekten mit ihrer Künftlerfchaft 
hervorbringen, das verdient ganz andere Bezeichnungen. Wer 
einmal die entfcheidende Wichtigkeit erkannt hat, die in folchem 
rein fachlichen Arbeiten liegt, in folchem Arbeiten, das immer bei 
der Sache bleibt, dem wird klar, daß alle diefe Fragen, die 
uns feit Jahrzehnten faft ausfchließlich befchäftigt haben, diefe 
Fragen nach der tauglicbften Stilart, nach dem Punkt, wo wir 
wieder an die alte Überlieferung anknüpfen können oder follen, 
nach dem neuen Stil, nach unferm Stil, daß diefe Fragen nicht 
nur an Bedeutung verlieren, daß fie fleh ganz verflüchtigen, gar 
nicht mehr da find. Wird man nicht alles, was noch lebendig ift, an 
einer örtlichen Überlieferung am ficbcrften wieder aufgreifen, 
wenn man diefelben Ausgangspunkte auffucht, von dort aus, 
langfam vorfebreitend, wie es die Sache verlangt, feinem Ver- 
ftändnis wieder nabe bringt, was fleh früher ergeben bat, und 
wird man nicht — und das ift nun wichtiger, als alles andere — 
das erfrifchende und flehere Gefühl haben dürfen, daß man ficb 
nur Lebendiges, Natürliches gewonnen bat, deffen tieffter Sinn 
einem klar und vertraut ift? a 
Wo die Bedürfniffe und ihr Stärkegrad gleich geblieben find, 
werden den früheren gleiche oder ähnliche Formen wie von felbft 
erwaebfen, wo fie fleh oder wo fleh ihr Stärkegrad geändert bat, 
werden fleh veränderte, aber doch aus denfelben Bedingungen 
heraus fleh ergebende, verwandte Formen einftellen, die nicht 
ftören, die alte Einheit zerreißen, fondern als ein lebendiger 
Zuwachs das Ältere bereichern und verjüngen. Wo bleibt dann 
der Streit über die Stile und den Stil, über den Anknüpfungs 
punkt an die abgeriffene Überlieferung? Auch die klügften, fein- 
finnigften Worte werden ihn nie beenden, aber er wird ver 
gelten werden, wenn er überflüffig und gegenftandslos erfcheint. 
Wer wird fleh darüber aufregen, und unter Aufbietung alles 
Scbarffinns über die beften Methoden disputieren, einen Homun 
kulus in der Retorte fertig zu kriegen, wenn er darüber im 
klaren ift, daß es einen einfacheren, natürlicheren Weg gibt, ein 
lebenskräftiges Kind auf die Welt zu bringen. In einer Zeit, 
in der nach Stilart, nach Anknüpfungspunkten gefragt wird, ift 
folcbe fachliche Arbeit doppelt nötig; die Frage beweift ja eben, 
daß kein ficberes, entfebiedenes Gefühl lebendig ift, daß es erft 
wieder gefunden werden muß. Haben wir aber dann uns wieder 
durchgekämpft zur Sicherheit jeder Form gegenüber, fie mag 
bergekommen fein, woher fie will, ift uns jede verwendete Form 
etwas durchaus Vertrautes, von dem wir wiffen können, es 
verbirgt uns nichts, gar nichts, nun dann find wir wieder an 
gelangt bei jener verlorenen glücklichen Möglichkeit, der Vor 
bedingung für jeden höheren Zuftand, daß wir in lebendiger 
Arbeit einen gefieberten Befit* überliefern können. □ 
Diefe Erörterungen über das Allgemeine war mir nicht ent 
behrlich, um mich über den Begriff des fachlichen Arbeitens fo 
deutlich, als icb’s kann, auszufprechen; denn wenn’s mir gelingt, 
diefen Begriff klar aufzuzeichnen, glaube ich viel mehr zur Ge- 
ftaltung des Arbeiterbaufes getagt zu haben, als durch ein An 
einanderreiben vieler einzelner Möglichkeiten, die doch zu einem 
Papierdafein verdammt blieben. Nun kehre ich zum Befon- 
deren zurück. Die große Maffe der Arbeitenden ift je^t nicht in 
folcben gefieberten Verbältniffen gefchult worden; foll alfo eine 
Aufgabe glücklich gelöft werden, die fo viel Gefühl für das 
Natürliche, für das felbftverftändlicb ficb ergebende erfordert, 
wie die Anlage einer größeren Gruppe von Wobnftätten, die 
fleh nicht zeigen foll wie ein kläglicher Notbehelf, fondern 
wie ein durch feinen Zweck und durch feine Umgebung be- 
ftimmtes Zufammengeböriges und doch wieder nur wie ein 
Teil eines großem Ganzen, fo muß die Aufgabe je^t einem 
übertragen werden, den die glücklicbfte Begabung feiner Zeit 
vorausgeben läßt. Er wird dann nicht damit anfangen, mit 
Lineal und Winkelmaß auf dem Papier abzuteilen, er wird nicht 
einem vermeintlichen Scbönbeitsgefübl — das in Wirklichkeit nur 
eine Verwecbflung ift zwifchen ordnungsmäßig, auch dem ftumpfen 
Sinn einleuchtend und febön - Opfer bringen durch Einebnen, 
durch Befeitigen jeder Unregelmäßigkeit, die fleh dem Lineal 
ftörend in den Weg ftellt, er wird jede kleine Bodenerhebung 
benütjen, jeden grünen Baum, er wird auch die Befi^grenzen, 
er wird den Fußweg, der nicht angelegt, fondern entftanden 
ift, benütjen zu einer lebendigen Geftaltung, er wird allen Ver- 
bältniffen nichts abzwingen, alles abfchmeicbeln. Und er wird 
bauen, wie die erfte Lebrmeifterin, die Natur, baut, überall 
einem lebendigen Bedürfnis entgegenbildend, durch kein Hinder 
nis irregemacht mit immer neuen Auswegen immer neue Reize 
febaffend. Solchen Arbeiten fleht freilich zunäcbft noch manche 
Schwierigkeit entgegen: verdorbenen, auf einen unwahren Schein 
gerichteten Gefchmack haben nicht nur die meiften Auftraggeber, 
die Arbeiter, die in den Häufern wohnen und ficb behaglich 
fühlen follen, haben ihn nicht beffer. Immerhin wird’s etwas 
leichter fein, diefe zum Natürlichen zurückzufübren, weil, wo 
nicht Roheit und Lafter in diefer Richtung getrieben haben, 
befebränktere und einfachere Verbältniffe fie verhindert haben, 
fleh vom Natürlichen allzuweit zu entfernen. Aber für manchen 
gemeinnützigen Verein, für manchen volkstümlichen Vortrag 
böte fleh hier ein weites Feld zur Arbeit, und ich glaube, es 
würde ficb bald als ein guter ertragsfäbiger Boden erweifen. 
Sie würden’s verfteben können, vertraut mit dem Material, 
gleichviel welchem, das fie mit ihren Händen bearbeiten, daß 
im Cbarakteriftifchen eine Schönheit flecken kann, welche die 
geglättete Form oft verwifebt, fie würden, recht darauf bin- 
gewiefen, an ihrem Handwerkszeug, zu dem fie oft eine faft 
verliebte Zuneigung haben, erfeben können, daß ftark abgenü^t, 
aber doch gut gehalten, kein Fehler, oft ein gar nicht zu er 
lebender Vorzug ift. Ein neuer Griff an der Säge, und wenn 
er auch voll Sorgfalt dem verlorengegangenen nachgebildet ift, 
er fitzt lange nicht fo gut in der Hand, er fleht auch lange nicht 
fo vertraut, fo notwendig aus, fo ehrlich und freundlich und — 
fo fchön. Der Arbeiter würde verfteben können, daß ein Arbeits- 
rock, von der fleißigen und forgenden Frau immer wieder, 
wenn’s notwendig wird, mit einem neuen Fleck ausgebeffert, 
fauber und forgfältig ausgebeffert - fie bat für folche Fälle Vor 
räte gefammelt und bat immer was da, womit fie helfen kann, 
paßt’s nicht ganz, fo paßt’s doch annähernd - daß fo ein Arbeits 
rock, wenn er dazu noch reinlich gehalten ift, eine Schönheit 
an ficb tragen kann, die kein edles und feines und neues Material 
erfeben kann; das ftarke Verbraucbtfein und die gute Erhaltung, 
die beiden nebeneinander, erzählen Gefchicbten; wer fie ver 
fteben kann, der freut ficb dran. Dazu kommt noch häufig bei 
abgenübten Gegenftänden farbige Schönheit, freilich den un 
gebildeten, den verbildeten Augen oft nicht erkennbar. Die 
Arbeiter könnten leichter als die fogenannte »Gefellfchaft« lernen, 
diefe richtigen und natürlichen Empfindungen auf ihre ganze 
Umgebung übertragen. Sie würden damit dem Baumeifter, der 
mit wirklich künftlerifcher Gefinnung an die Arbeit ginge, kräftig 
helfen, denn fie würden dadurch auch eine weitere Erkenntnis 
ficb gewinnen, vielleicht die wichtigfte, wenn es ficb darum ban 
delt, mit den geringften, mit kaum ausreichenden Mitteln eine 
behagliche, auch im Einfachften, im Ärmlichen noch reizende 
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