Wirkung zu erzielen. Es ift die Erkenntnis (die fich dem facbliehen
Arbeiten auch wieder leicht und ficher ergibt), daß man
anfpruchslofen Verhältniffen auch durch die anfpruchslofefte Art
zu arbeiten, Ausdruck geben follte, daß es gar nicht wichtig ift,
mit Schnüren und Latten genau gerade Linien herzuftellen, gar
nicht wichtig, daß der rechte Winkel auch ganz genau 90 Grad hat,
daß am beften bei folcbem Bauen fo viel als nur möglich das
Augenmaß feftfetjen follte. Im Prachtbau kann ich leicht ein
reiches Gefims durch feinen Schmuck dem Auge anziehend
machen, im Arbeiterhaus muß ich dem einfachften Gefims, das
nichts koften darf, durch diefe leifen Abweichungen von der
ftarren Regelmäßigkeit kleine Reize verleihen, wie fie ein geübtes
Augenmaß, das eben feinem Abweichen von der Regel
immer einen Sinn mitgibt, und die fühlende Hand, wenn fie
das Lineal nicht zwingt, von felber macht. Die koften nichts.
Wenn der Maurer im Hauptwohnraum z. B. oben, wo die Wand
mit der Decke zufammenftößt, eine kleine Hohlkehle hinzieht,
dabei fich eines Schlittens bedient, der nur auf beiden febon
gepulten Flächen hingleitet, ohne daß eigens Führungslatten
befeftigt und nachher wieder abgenommen werden, fo er«
fpart er nicht nur eine Reihe von Handgriffen, wichtiger ift,
daß er diefer Hohlkehle eben von jenem feinen Reiz der Unregelmäßigkeit
etwas gibt, der hier die anfprucbslofen Ver»
hältniffe bezeichnet, zugleich das Auge befchäftigt, wo es fich,
weil alle andern die Wirkung bereichernden Mittel fehlen müffen,
langweilen würde. — Wenn der Put} felber aufgetragen werden
foll, verwende man durchaus nicht zu viel Arbeit aufs Glätten,
man verwende, was man an Arbeitszeit erfpart, auf die befte
Zufammenfetpmg des Mörtels, begnüge fich mit möglichft wenig
Strichen, die Fläche ordentlich und fauber zu decken. Durch
eine fchräge Stellung einer Mauer, durch eine Ausbauchung, die
man fie machen läßt, da wo’s fachlich gerechtfertigt ift, wo’s die
Sache verlangt, und wo’s deshalb felbftverftändlicb wirkt, läßt
fich oft viel Raum erfparen, während der Grundfat), rechtwinklig
zu bleiben, oft zwingt, den Raum da zu erweitern, wo er wenig
oder gar nicht benutzbar ift, wo die Erweiterung eine Verfchwendung
ift. Die Balken mögen bleiben, wie fie im Wald
noch bearbeitet worden find, Steine, wie fie im Bruch behauen
werden; irgendwo kann einmal eine Holzftütje gebraucht werden,
fie muß nicht vom Drechfler bearbeitet fein, ein gefebälter Stamm
könnte da feinen Dienft tun; das Gitterwerk am Stiegengeländer
könnte nur aus gefpaltenem Holz hergeftellt fein und mit Ölfarbe
geftrichen, fehr luftig und lebendig wirken; wenn am geeigneten
Plat} einmal die natürliche Gabelung eines Aftes ausgenutjt
ift, das kann auch ein wenig Arbeit fparen und kann
eine befcheidene, aber doch recht charakteriftifche Schönheit
zeigen. Es gibt ein Verfahren zur Bearbeitung von Heizflächen,
bei dem auf die einfaebfte Weife die weicheren Holzteile weggeholt
werden und die fchöne Schichtung unterer billigften Holzarten
aufs charakteriftifchfte und deutlichfte hervortritt, zugleich
eine leichte Färbung des Holzes fich einftellt und eine Glättung der
Fafern. Der Vorgang nimmt nur ein paar Minuten Zeit in Anfpruch,
koftet deshalb auch weniger als der billigfte Anftrich. Es ift
nur die Schönheit, die fchon im Material drin fteckt, herausgeholt,
und hoffentlich kann fie einmal auch diefe einfachften
Bauten fchmücken. - In den Fenftern das billigfte Glas, da etwas
bläulich, dort etwas grünlich gefärbt, wenn’s auch nicht frei ift
von kleinen Bläschen und von Zügen, es bezeichnet die Trennung
von draußen viel beffer als die gefchliffene Glasfcbeibe in der
Prachtvilla, und es läßt auch nicht viel weniger Licht durch. -
Überhaupt, es könnten eben auch hier gar nicht forgfältig genug
aus den Verhältniffen heraus, aus der Sache felber heraus
gerade die Reize gewonnen werden, welche die engen, armen,
daneben oft kräftigen, gefunden, heiteren Verhältniffe kennzeichnen.
□
Soll es gelingen, fo müffen freilich alle, die daran arbeiten,
vom entwerfenden Architekten bis zum letjten Handwerker, ein
wenig Liebe zu ihrer Arbeit mitbringen, nur wenn fie die haben,
kann’s möglich fein, darüber weg zu kommen, daß aus der freien,
anfpruchslofen Arbeitsweife keine rohe, nachläffige, gemeine
Arbeitsweife wird. □
Wenn der Plan der Gefamtlage feftgeftellt ift mit guter und
feiner Empfindung, dann ift auch dadurch viel gewonnen, daß
nun nicht das einzelne Haus wirken muß, daß man fich nicht
bemühen muß, unter Anftrengung der geringen verfügbaren
Mittel, jedes einzelne irgendwie berauszupuijen, im Gegenteil:
befcheiden eingeordnet in das erfreuliche Gefamtbild tut jedes
feine befte Wirkung. Am rechten Platj mag eins einzeln fteben,
das Aneinanderreiben wird aber oft eine Erfparnis und auch
ein gefälligeres Zufammenwirken ermöglichen; wo die Bodengeftaltung
oder befondere Bedürfniffe dazu auffordern, kann
einmal ein ftattlicberer Giebel die Reibe unterbrechen, vielleicht
darf auch einmal damit gerechnet werden, daß die Wohnung
eines beffergeftellten Arbeiters fich irgendwie vor den andern
auszeichnet, etwa durch einen kleinen Erkerfit), der dann etwas
zu tagen bat: mein Befitjer bat’s um ein paar Schritte weiter
gebracht, die Frau gebt natürlich nicht in die Fabrik, kann ein
freundliches, lichtes Plätjl brauchen zum Nähen und Flicken, fie
kann’s am Sonntag auch einmal dem Mann abtreten, der an fo
einem Plat) mit gefteigerter Behaglichkeit fich einer Liebhaberei
bingibt oder ein Buch vornimmt. — Reiche Abwechflung in
der Gefamterfcbeinung bei größter Schlichtheit und Einfachheit
der Einzelheiten fchließt nicht aus, daß man fich den Vorteil
verfchaflrt und, um die Koften zu verringern, dasfelbe
Fenfter, diefelbe Tür in einer Häufergruppe auch hundertmal
verwendet; fünf oder fechs verfchiedene Fenfterformen, drei
oder vier Türformen werden ausreichen, um allen Bedürfniffen
überall genügen zu können; durch ähnliche Wiederholungen
wird’s möglich fein, bei den geringften Koften mit einfachen
Schablonenmalereien oder mit einem meffingnen Griff oder
Schild befcheiden zu fchmücken. Freilich der befte Schmuck —
der auch alle Vorteile bat: er koftet faft nichts, er ift ausdrucksvoll
und bezeichnend und beiter — ift der, welchen ein unverdorbener
Gefcbmack in feinen Mußeftunden fpielend und mit
Luft fich hingehend zuftande bringt. Vielleicht bringt eine nähere
oder fernere Zukunft mit fich, daß auch der Arbeiter mit ausreichenden
Mußeftunden jeden Tag rechnen kann, die feiner
Umgebung, - der Familie aber auch der Wohnung gewidmet
werden können. Dann wird manchem, wenn er noch nicht zur
Nachahmung und zur Vorliebe für den Schein verdorben ift,
die Gefcbicklicbkeit einer geübten Hand gute Dinge gelingen
laffen, den rechten Schmuck für feine Wohnung. - Und das wirkfamfte
Mittel, um einen heitern oder ruhigen oder kräftigen
Eindruck zu kriegen, es bat auch den großen Vorzug, daß es
gar nichts koftet: gefcbmackvolle, der Wirkung fiebere Farbenauswabl
und Zufammenftellung. Wie man’s dabei zu machen
bat? — Ja, das läßt fich, wie überall das Befte, nicht fagen. Einer
der’s kann, der kann’s zeigen. - Gibt’s noch einen Schmuck, auf
den man rechnen darf? Ja, und er braucht auch wieder nichts
zu koften: Blumen. So wird der Architekt gut dran tun, auch
feinerfeits durch feine Vorforge zur Blumenpflege zu reizen. —
Nun möchte ich noch einige Einzelheiten aneinanderreihen, die
vielleicht beim Arbeiterwobnhaus Beachtung verdienen. Ein
niedriger Keller follte nicht fehlen. Er muß Raum bieten für
Vorräte, und fo ermöglichen, daß der Vorforgliche auch in großem
Mengen einkaufen kann. Im Erdgefcboß wird meift ein kleiner
140