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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

Wirkung  zu  erzielen.  Es  ift  die  Erkenntnis  (die  fich  dem  facbliehen
  Arbeiten  auch  wieder  leicht  und  ficher  ergibt),  daß  man
anfpruchslofen  Verhältniffen  auch  durch  die  anfpruchslofefte  Art
zu  arbeiten,  Ausdruck  geben  follte,  daß  es  gar  nicht  wichtig  ift,
mit  Schnüren  und  Latten  genau  gerade  Linien  herzuftellen,  gar
nicht  wichtig,  daß  der  rechte  Winkel  auch  ganz  genau  90  Grad  hat,
daß  am  beften  bei  folcbem  Bauen  fo  viel  als  nur  möglich  das
Augenmaß  feftfetjen  follte.  Im  Prachtbau  kann  ich  leicht  ein
reiches  Gefims  durch  feinen  Schmuck  dem  Auge  anziehend
machen,  im  Arbeiterhaus  muß  ich  dem  einfachften  Gefims,  das
nichts  koften  darf,  durch  diefe  leifen  Abweichungen  von  der
ftarren  Regelmäßigkeit  kleine  Reize  verleihen,  wie  fie  ein  geübtes ­
  Augenmaß,  das  eben  feinem  Abweichen  von  der  Regel
immer  einen  Sinn  mitgibt,  und  die  fühlende  Hand,  wenn  fie
das  Lineal  nicht  zwingt,  von  felber  macht.  Die  koften  nichts.
Wenn  der  Maurer  im  Hauptwohnraum  z.  B.  oben,  wo  die  Wand
mit  der  Decke  zufammenftößt,  eine  kleine  Hohlkehle  hinzieht,
dabei  fich  eines  Schlittens  bedient,  der  nur  auf  beiden  febon
gepulten  Flächen  hingleitet,  ohne  daß  eigens  Führungslatten
befeftigt  und  nachher  wieder  abgenommen  werden,  fo  er«
fpart  er  nicht  nur  eine  Reihe  von  Handgriffen,  wichtiger  ift,
daß  er  diefer  Hohlkehle  eben  von  jenem  feinen  Reiz  der  Unregelmäßigkeit ­
  etwas  gibt,  der  hier  die  anfprucbslofen  Ver»
hältniffe  bezeichnet,  zugleich  das  Auge  befchäftigt,  wo  es  fich,
weil  alle  andern  die  Wirkung  bereichernden  Mittel  fehlen  müffen,
langweilen  würde.  —  Wenn  der  Put}  felber  aufgetragen  werden
foll,  verwende  man  durchaus  nicht  zu  viel  Arbeit  aufs  Glätten,
man  verwende,  was  man  an  Arbeitszeit  erfpart,  auf  die  befte
Zufammenfetpmg  des  Mörtels,  begnüge  fich  mit  möglichft  wenig
Strichen,  die  Fläche  ordentlich  und  fauber  zu  decken.  Durch
eine  fchräge  Stellung  einer  Mauer,  durch  eine  Ausbauchung,  die
man  fie  machen  läßt,  da  wo’s  fachlich  gerechtfertigt  ift,  wo’s  die
Sache  verlangt,  und  wo’s  deshalb  felbftverftändlicb  wirkt,  läßt
fich  oft  viel  Raum  erfparen,  während  der  Grundfat),  rechtwinklig
zu  bleiben,  oft  zwingt,  den  Raum  da  zu  erweitern,  wo  er  wenig
oder  gar  nicht  benutzbar  ift,  wo  die  Erweiterung  eine  Verfchwendung
  ift.  Die  Balken  mögen  bleiben,  wie  fie  im  Wald
noch  bearbeitet  worden  find,  Steine,  wie  fie  im  Bruch  behauen
werden;  irgendwo  kann  einmal  eine  Holzftütje  gebraucht  werden,
fie  muß  nicht  vom  Drechfler  bearbeitet  fein,  ein  gefebälter  Stamm
könnte  da  feinen  Dienft  tun;  das  Gitterwerk  am  Stiegengeländer
könnte  nur  aus  gefpaltenem  Holz  hergeftellt  fein  und  mit  Ölfarbe ­
  geftrichen,  fehr  luftig  und  lebendig  wirken;  wenn  am  geeigneten ­
  Plat}  einmal  die  natürliche  Gabelung  eines  Aftes  ausgenutjt
  ift,  das  kann  auch  ein  wenig  Arbeit  fparen  und  kann
eine  befcheidene,  aber  doch  recht  charakteriftifche  Schönheit
zeigen.  Es  gibt  ein  Verfahren  zur  Bearbeitung  von  Heizflächen,
bei  dem  auf  die  einfaebfte  Weife  die  weicheren  Holzteile  weggeholt ­
  werden  und  die  fchöne  Schichtung  unterer  billigften  Holzarten ­
  aufs  charakteriftifchfte  und  deutlichfte  hervortritt,  zugleich
eine  leichte  Färbung  des  Holzes  fich  einftellt  und  eine  Glättung  der
Fafern.  Der  Vorgang  nimmt  nur  ein  paar  Minuten  Zeit  in  Anfpruch,
koftet  deshalb  auch  weniger  als  der  billigfte  Anftrich.  Es  ift
nur  die  Schönheit,  die  fchon  im  Material  drin  fteckt,  herausgeholt, ­
  und  hoffentlich  kann  fie  einmal  auch  diefe  einfachften
Bauten  fchmücken.  -  In  den  Fenftern  das  billigfte  Glas,  da  etwas
bläulich,  dort  etwas  grünlich  gefärbt,  wenn’s  auch  nicht  frei  ift
von  kleinen  Bläschen  und  von  Zügen,  es  bezeichnet  die  Trennung
von  draußen  viel  beffer  als  die  gefchliffene  Glasfcbeibe  in  der
Prachtvilla,  und  es  läßt  auch  nicht  viel  weniger  Licht  durch.  -
Überhaupt,  es  könnten  eben  auch  hier  gar  nicht  forgfältig  genug
aus  den  Verhältniffen  heraus,  aus  der  Sache  felber  heraus
gerade  die  Reize  gewonnen  werden,  welche  die  engen,  armen,

daneben  oft  kräftigen,  gefunden,  heiteren  Verhältniffe  kennzeichnen. ­
  □
Soll  es  gelingen,  fo  müffen  freilich  alle,  die  daran  arbeiten,
vom  entwerfenden  Architekten  bis  zum  letjten  Handwerker,  ein
wenig  Liebe  zu  ihrer  Arbeit  mitbringen,  nur  wenn  fie  die  haben,
kann’s  möglich  fein,  darüber  weg  zu  kommen,  daß  aus  der  freien,
anfpruchslofen  Arbeitsweife  keine  rohe,  nachläffige,  gemeine
Arbeitsweife  wird.  □
Wenn  der  Plan  der  Gefamtlage  feftgeftellt  ift  mit  guter  und
feiner  Empfindung,  dann  ift  auch  dadurch  viel  gewonnen,  daß
nun  nicht  das  einzelne  Haus  wirken  muß,  daß  man  fich  nicht
bemühen  muß,  unter  Anftrengung  der  geringen  verfügbaren
Mittel,  jedes  einzelne  irgendwie  berauszupuijen,  im  Gegenteil:
befcheiden  eingeordnet  in  das  erfreuliche  Gefamtbild  tut  jedes
feine  befte  Wirkung.  Am  rechten  Platj  mag  eins  einzeln  fteben,
das  Aneinanderreiben  wird  aber  oft  eine  Erfparnis  und  auch
ein  gefälligeres  Zufammenwirken  ermöglichen;  wo  die  Bodengeftaltung
  oder  befondere  Bedürfniffe  dazu  auffordern,  kann
einmal  ein  ftattlicberer  Giebel  die  Reibe  unterbrechen,  vielleicht
darf  auch  einmal  damit  gerechnet  werden,  daß  die  Wohnung
eines  beffergeftellten  Arbeiters  fich  irgendwie  vor  den  andern
auszeichnet,  etwa  durch  einen  kleinen  Erkerfit),  der  dann  etwas
zu  tagen  bat:  mein  Befitjer  bat’s  um  ein  paar  Schritte  weiter
gebracht,  die  Frau  gebt  natürlich  nicht  in  die  Fabrik,  kann  ein
freundliches,  lichtes  Plätjl  brauchen  zum  Nähen  und  Flicken,  fie
kann’s  am  Sonntag  auch  einmal  dem  Mann  abtreten,  der  an  fo
einem  Plat)  mit  gefteigerter  Behaglichkeit  fich  einer  Liebhaberei
bingibt  oder  ein  Buch  vornimmt.  —  Reiche  Abwechflung  in
der  Gefamterfcbeinung  bei  größter  Schlichtheit  und  Einfachheit ­
  der  Einzelheiten  fchließt  nicht  aus,  daß  man  fich  den  Vorteil ­
  verfchaflrt  und,  um  die  Koften  zu  verringern,  dasfelbe
Fenfter,  diefelbe  Tür  in  einer  Häufergruppe  auch  hundertmal ­
  verwendet;  fünf  oder  fechs  verfchiedene  Fenfterformen,  drei
oder  vier  Türformen  werden  ausreichen,  um  allen  Bedürfniffen
überall  genügen  zu  können;  durch  ähnliche  Wiederholungen
wird’s  möglich  fein,  bei  den  geringften  Koften  mit  einfachen
Schablonenmalereien  oder  mit  einem  meffingnen  Griff  oder
Schild  befcheiden  zu  fchmücken.  Freilich  der  befte  Schmuck  —
der  auch  alle  Vorteile  bat:  er  koftet  faft  nichts,  er  ift  ausdrucksvoll ­
  und  bezeichnend  und  beiter  —  ift  der,  welchen  ein  unverdorbener ­
  Gefcbmack  in  feinen  Mußeftunden  fpielend  und  mit
Luft  fich  hingehend  zuftande  bringt.  Vielleicht  bringt  eine  nähere
oder  fernere  Zukunft  mit  fich,  daß  auch  der  Arbeiter  mit  ausreichenden ­
  Mußeftunden  jeden  Tag  rechnen  kann,  die  feiner
Umgebung,  -  der  Familie  aber  auch  der  Wohnung  gewidmet
werden  können.  Dann  wird  manchem,  wenn  er  noch  nicht  zur
Nachahmung  und  zur  Vorliebe  für  den  Schein  verdorben  ift,
die  Gefcbicklicbkeit  einer  geübten  Hand  gute  Dinge  gelingen
laffen,  den  rechten  Schmuck  für  feine  Wohnung.  -  Und  das  wirkfamfte
  Mittel,  um  einen  heitern  oder  ruhigen  oder  kräftigen
Eindruck  zu  kriegen,  es  bat  auch  den  großen  Vorzug,  daß  es
gar  nichts  koftet:  gefcbmackvolle,  der  Wirkung  fiebere  Farbenauswabl
  und  Zufammenftellung.  Wie  man’s  dabei  zu  machen
bat?  —  Ja,  das  läßt  fich,  wie  überall  das  Befte,  nicht  fagen.  Einer
der’s  kann,  der  kann’s  zeigen.  -  Gibt’s  noch  einen  Schmuck,  auf
den  man  rechnen  darf?  Ja,  und  er  braucht  auch  wieder  nichts
zu  koften:  Blumen.  So  wird  der  Architekt  gut  dran  tun,  auch
feinerfeits  durch  feine  Vorforge  zur  Blumenpflege  zu  reizen.  —
Nun  möchte  ich  noch  einige  Einzelheiten  aneinanderreihen,  die
vielleicht  beim  Arbeiterwobnhaus  Beachtung  verdienen.  Ein
niedriger  Keller  follte  nicht  fehlen.  Er  muß  Raum  bieten  für
Vorräte,  und  fo  ermöglichen,  daß  der  Vorforgliche  auch  in  großem
Mengen  einkaufen  kann.  Im  Erdgefcboß  wird  meift  ein  kleiner

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