aber auch diefer Kinderglaube bat beträchtlichen Schaden ge*
nommen. Bismarck, ein naheliegendes Beifpiel, bat feine Hbficbten
trotj des Parlaments durchgefetjt. Wenn etwas Gutes oder Großes
gefdbeben ift, fo hat es weder die Hllgemeinbeit, noch die parla*
mentarifche Mehrheit, fondem die Kraft der Perfönlichkeit, oder
die Kraft der Idee, die Eigentum eines Einzelnen ift, bewirkt.
Ein Werdender, oder ein kleiner Kreis Gleicbgefinnter. Eine
Minorität. Die Beifpiele wollen nicht mehr befagen, als daß es
auf alles andere eher ankommt, als auf das Syftem. Nicht das
Syftem macht den Scbulmeifter. Es bat treffliche Syfteme ge*
geben und miferable Scbulmeifter, und es bat miferable Syfteme
gegeben und treffliche Lehrer. Das gleiche gilt in der Kunft; nur
die Leute, die etwas ernftlicb wollen, bewirken etwas, wenn es
nicht der Vernunft zuwider ift. Man kann es an werdenden
Parteien feben; folangefie jung find, wirken fie fegensreich; wenn
fie geworden find, im Befitje von Privilegien ufw. find fie genau
fo gemein, wie die Individuen in ihrer Lage. Sie entwickeln
keine Kräfte mehr, fie laften nur; fie find »fertig«, und reif, be*
kämpft zu werden. □
Eine natürliche Gegnerfchaft klüftet die Generationen der Väter
und Söhne. Es liegt im Geift der heutigen Zeit, wie jeder an*
deren, die fich zum Fortfehritt befähigt fühlte, daß fie die un=
mittelbar vorangehende väterliche Generation, die noch das Ruder
in den ftarren Händen hält, zu unterjochen trachtet. Sie wird
unterjocht werden, und die alten Dramen, die zabllofen Menfchen*
fchickfale und die unaufhörlichen Entwicklungsprozeffe der Natur
find voll von diefen Schauern, die felbftverftändlicb und von der
Natur vorgefebrieben find. Erft wenn der Kampf entfehieden ift,
ftellt fich ein feltfames Freundfcbaftsverhältnis wieder her, in dem
die Jungen über die fUten berrfeben. Aus diefer vornehmen Ge*
finnung erklärt fich die mitleidige Zärtlichkeit, mit der das neue
Kraftgefcblecbt die hinfällige Paffivität der Großeltern=Kultur um*
faßt. Was die Söhne, um ihrer Selbftberrfcbaft willen nieder»
reißen, bauen die Enkel auf. Freilich auf ihre eigenwillige per*
fönlicbe Art. Die poefievolle Gefchichte des Biedermeiers als Kunft*
ereignis ift eine moderne Schöpfung. Die perfönlicbe Auffaffung
eines einzelnen, wie alle Gefchichte. □
Es kann zuzeiten wohl durch unerhörten Zwang die Ent
wicklung der werdenden Kraft gehemmt werden, fie kann aber
niemals vertilgt werden. Sie ift elementar wie der Zeugungs
trieb und diefem durchaus wurzelverwandt. Im Künftlerifeben
ftellt fie die geiftige Veräftelung von im Grunde gefcblecbtlicben
Antrieben dar. Nichts ift dekadent in einem Schaffen, das fein
Eigenes behauptet. Dekadent find die Unfruchtbaren, die Nicht-
zeugungsfähigen, die Epigonen. Von Natur wegen geht an jede
Generation die Aufforderung, das Weltbild im eigenen Sinn
umzufchaffen, oder eigentlich neu zu erfchaffen, wenn fie es
wirklich befitjen foll. Webe der Generation, die vertagt. Die
gewaltfamen Hemmungen rächen fich an der Gefundbeit des
ganzen Gefchlechts oder einer Nation, und bedrohen den Körper
mit Siechtum. Die moderne Kunftbewegung, die eine folcbe
Kräfteentfaltung der Werdenden darftellt, kann nicht weggedacht
werden, ohne daß alle Kräfte ftocken und die wirtfcbaftlichen
und geiftigen Funktionen erlahmen. Es bedarf der lebendigen
Kraft der Werdenden, die ihrer Natur nach auf was immer für
Gebieten künftlerifcb ift, als Selbftdarftellung, Entfaltung des
Perfönlicben. Noch ift nichts »abgeklärt« oder »fertig«, fondern
alles Entwicklung und Fruchtbarkeit. Immer gilt es ein Abwerfen
der Laftenden, der »Ganz-Fertigen« und »Abgeklärten«, der Nach
treter und Syftembereiter. Wenn je die Werdenden fertig find,
ganz fertig, und nichts mehr zu geben haben, dann ift hoffent
lich auch dafür geforgt, daß eine neue Kraftwelle erfcheint und
ihnen den Reft gibt. L.
FHSSHDENMHLEREI IN MITTENWHLD
□ (OBERBHYERN) □
W enn man fich von Garmifcb aus durch die Partnacbklamm
über Wiefen und Waldpfade zu Fuß nach Mittenwald be
gibt, glaubt man trot) des beilichten Tages zu träumen
oder in ein Märchen verfemt zu fein, wenn der kleine Ort unten
aufzutauchen beginnt und man an einzelnen Gehöften vorbei auf
die Hauptftraße gelangt. Und diefe Märchenftimmung hält an,
denn man denke fich nur: Haus für Haus ift in echt kindlicher
Farbenfreudigkeit von oben bis unten mit bunten Fresken be
deckt und diefer Schmuck wirkt ganz überrafchend! Das naive
Luftgefübl, das der Maler beim Herftellen der Bilder empfunden
haben mag, überträgt fich auf den Zufchauer und der ganze an
mutige, verträumte, weltabgefcbiedene Ort gewinnt durch feine
Faffaden ein böcbft individuelles Gepräge. Es find durchwegs
religiöfe Bilder, Darftellungen aus dem Leben Marias und ver»
febiedener Heiliger: des Feuerpatrons Florian, der Peft- und
Seuchenpatrone Sebaftian und Rochus, des Pferdepatrons Sankt
Georg, des Flöfferpatrons Johannes Nepomuk ufw. Die Fresken
find in Rot, Blau, Braun und Grün gehalten und breiten fich über
die ganze Faffade aus, indem fie die Eingangstür einrabmen.
Die Bilder ftammen aus der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhun
derts, und zwar aus der Zeit, als die Erbfolgekriege vorüber
waren, das Land fich zu erholen begann und die Bauernfchaft
es zu einem gewiffen Woblftand brachte. Die Fresken wurden
da um fehr billiges Geld von Malern bergeftellt, die meift noch
einen andern Beruf ausübten. So ift der größte Teil der Bilder
zu Mittenwald von Franz Karner gemalt, der Kohlenbrenner von
Beruf war und den Beinamen »der Rußer« trug. Seine Bilder
find tadellos erhalten und zeichnen fich durch eine wunderbare
Frifche aus, was darauf zurückzufübren ift, daß er feine Fresken,
wie es bei der alten Technik üblich war, auf feuchten Kalkmörtel
bewurf in Erdfarben auftrug und die Farben mit dem Bewurf
zugleich eintrocknen ließ. Leider find viele diefer Bilder durch
Brände, Häuferumbau und letztens auch durch verftändnislofes
Übertünchen zugrunde gegangen und damit ein gutes Stück
Volkskunft und alter Kultur, der ja leider überall die gleiche
Lieblofigkeit und das gleiche Unverftändnis entgegengebracht
wird und die überall dem Banalen und »Modernen« weichen muß.
Soviel des Tatfäcblichen auf Grundlage des Berichtes. Es ift
binzuzufügen, daß ein guter künftlerifcber Inftinkt in diefen
Werken des volksmäßigen Schaffenstriebes vorwaltet. Die Ver»
putjfläcbe zu beleben, ftellt fich dem primitiven Künftler kein
anderes Mittel dar, als die malerifcbe Behandlung der Fläche.
Er durfte, was vielfach vorkommt, auch Säulenarchitekturen an
die Verputjwand malen, die den Eindruck von plaftifcher Er-
febeinung machte, ohne notwendigerweife über das Ziel zu
febießen. Wandverput) mit Skulptur zu verbinden, was an neuen
Werken häufig vorkommt, kam dem richtig empfindenden Bauern-
künftler nicht in den Sinn. Skulptur ift eine Ausdrucksform, die
dem Steinwerk eignet, und nur in Verbindung mit unbedecktem
Steingewände berechtigt ift. Innerhalb der durch die Materiallogik
gezogenen Grenzen erfcheint nun die Hauswand als Spiegelbild
der Träume und Vorftellungen des Volkes und feines Künftlers.
Wir find diefen naiven Zeugniffen gegenüber vollends machtlos
und zu keiner Kritik berechtigt, felbft wenn wir Fehler wahr»
zunebmen meinen. Es bleibt diefen Dingen gegenüber kein
anderer Entfchluß übrig, als fie wie ein künftlerifcber Phänomen
gläubig und bewundernd binzunebmen. Gerade deshalb muß
vor dem Verfucb gewarnt werden, fie neuerdings nachzuabmen.
Es wäre geradezu Unfinn. Allzu häufig gefebiebt in unterer
Zeit folcher Unfinn. □
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