MAK

Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

aber auch diefer Kinderglaube bat beträchtlichen Schaden ge* 
nommen. Bismarck, ein naheliegendes Beifpiel, bat feine Hbficbten 
trotj des Parlaments durchgefetjt. Wenn etwas Gutes oder Großes 
gefdbeben ift, fo hat es weder die Hllgemeinbeit, noch die parla* 
mentarifche Mehrheit, fondem die Kraft der Perfönlichkeit, oder 
die Kraft der Idee, die Eigentum eines Einzelnen ift, bewirkt. 
Ein Werdender, oder ein kleiner Kreis Gleicbgefinnter. Eine 
Minorität. Die Beifpiele wollen nicht mehr befagen, als daß es 
auf alles andere eher ankommt, als auf das Syftem. Nicht das 
Syftem macht den Scbulmeifter. Es bat treffliche Syfteme ge* 
geben und miferable Scbulmeifter, und es bat miferable Syfteme 
gegeben und treffliche Lehrer. Das gleiche gilt in der Kunft; nur 
die Leute, die etwas ernftlicb wollen, bewirken etwas, wenn es 
nicht der Vernunft zuwider ift. Man kann es an werdenden 
Parteien feben; folangefie jung find, wirken fie fegensreich; wenn 
fie geworden find, im Befitje von Privilegien ufw. find fie genau 
fo gemein, wie die Individuen in ihrer Lage. Sie entwickeln 
keine Kräfte mehr, fie laften nur; fie find »fertig«, und reif, be* 
kämpft zu werden. □ 
Eine natürliche Gegnerfchaft klüftet die Generationen der Väter 
und Söhne. Es liegt im Geift der heutigen Zeit, wie jeder an* 
deren, die fich zum Fortfehritt befähigt fühlte, daß fie die un= 
mittelbar vorangehende väterliche Generation, die noch das Ruder 
in den ftarren Händen hält, zu unterjochen trachtet. Sie wird 
unterjocht werden, und die alten Dramen, die zabllofen Menfchen* 
fchickfale und die unaufhörlichen Entwicklungsprozeffe der Natur 
find voll von diefen Schauern, die felbftverftändlicb und von der 
Natur vorgefebrieben find. Erft wenn der Kampf entfehieden ift, 
ftellt fich ein feltfames Freundfcbaftsverhältnis wieder her, in dem 
die Jungen über die fUten berrfeben. Aus diefer vornehmen Ge* 
finnung erklärt fich die mitleidige Zärtlichkeit, mit der das neue 
Kraftgefcblecbt die hinfällige Paffivität der Großeltern=Kultur um* 
faßt. Was die Söhne, um ihrer Selbftberrfcbaft willen nieder» 
reißen, bauen die Enkel auf. Freilich auf ihre eigenwillige per* 
fönlicbe Art. Die poefievolle Gefchichte des Biedermeiers als Kunft* 
ereignis ift eine moderne Schöpfung. Die perfönlicbe Auffaffung 
eines einzelnen, wie alle Gefchichte. □ 
Es kann zuzeiten wohl durch unerhörten Zwang die Ent 
wicklung der werdenden Kraft gehemmt werden, fie kann aber 
niemals vertilgt werden. Sie ift elementar wie der Zeugungs 
trieb und diefem durchaus wurzelverwandt. Im Künftlerifeben 
ftellt fie die geiftige Veräftelung von im Grunde gefcblecbtlicben 
Antrieben dar. Nichts ift dekadent in einem Schaffen, das fein 
Eigenes behauptet. Dekadent find die Unfruchtbaren, die Nicht- 
zeugungsfähigen, die Epigonen. Von Natur wegen geht an jede 
Generation die Aufforderung, das Weltbild im eigenen Sinn 
umzufchaffen, oder eigentlich neu zu erfchaffen, wenn fie es 
wirklich befitjen foll. Webe der Generation, die vertagt. Die 
gewaltfamen Hemmungen rächen fich an der Gefundbeit des 
ganzen Gefchlechts oder einer Nation, und bedrohen den Körper 
mit Siechtum. Die moderne Kunftbewegung, die eine folcbe 
Kräfteentfaltung der Werdenden darftellt, kann nicht weggedacht 
werden, ohne daß alle Kräfte ftocken und die wirtfcbaftlichen 
und geiftigen Funktionen erlahmen. Es bedarf der lebendigen 
Kraft der Werdenden, die ihrer Natur nach auf was immer für 
Gebieten künftlerifcb ift, als Selbftdarftellung, Entfaltung des 
Perfönlicben. Noch ift nichts »abgeklärt« oder »fertig«, fondern 
alles Entwicklung und Fruchtbarkeit. Immer gilt es ein Abwerfen 
der Laftenden, der »Ganz-Fertigen« und »Abgeklärten«, der Nach 
treter und Syftembereiter. Wenn je die Werdenden fertig find, 
ganz fertig, und nichts mehr zu geben haben, dann ift hoffent 
lich auch dafür geforgt, daß eine neue Kraftwelle erfcheint und 
ihnen den Reft gibt. L. 
FHSSHDENMHLEREI IN MITTENWHLD 
□ (OBERBHYERN) □ 
W enn man fich von Garmifcb aus durch die Partnacbklamm 
über Wiefen und Waldpfade zu Fuß nach Mittenwald be 
gibt, glaubt man trot) des beilichten Tages zu träumen 
oder in ein Märchen verfemt zu fein, wenn der kleine Ort unten 
aufzutauchen beginnt und man an einzelnen Gehöften vorbei auf 
die Hauptftraße gelangt. Und diefe Märchenftimmung hält an, 
denn man denke fich nur: Haus für Haus ift in echt kindlicher 
Farbenfreudigkeit von oben bis unten mit bunten Fresken be 
deckt und diefer Schmuck wirkt ganz überrafchend! Das naive 
Luftgefübl, das der Maler beim Herftellen der Bilder empfunden 
haben mag, überträgt fich auf den Zufchauer und der ganze an 
mutige, verträumte, weltabgefcbiedene Ort gewinnt durch feine 
Faffaden ein böcbft individuelles Gepräge. Es find durchwegs 
religiöfe Bilder, Darftellungen aus dem Leben Marias und ver» 
febiedener Heiliger: des Feuerpatrons Florian, der Peft- und 
Seuchenpatrone Sebaftian und Rochus, des Pferdepatrons Sankt 
Georg, des Flöfferpatrons Johannes Nepomuk ufw. Die Fresken 
find in Rot, Blau, Braun und Grün gehalten und breiten fich über 
die ganze Faffade aus, indem fie die Eingangstür einrabmen. 
Die Bilder ftammen aus der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhun 
derts, und zwar aus der Zeit, als die Erbfolgekriege vorüber 
waren, das Land fich zu erholen begann und die Bauernfchaft 
es zu einem gewiffen Woblftand brachte. Die Fresken wurden 
da um fehr billiges Geld von Malern bergeftellt, die meift noch 
einen andern Beruf ausübten. So ift der größte Teil der Bilder 
zu Mittenwald von Franz Karner gemalt, der Kohlenbrenner von 
Beruf war und den Beinamen »der Rußer« trug. Seine Bilder 
find tadellos erhalten und zeichnen fich durch eine wunderbare 
Frifche aus, was darauf zurückzufübren ift, daß er feine Fresken, 
wie es bei der alten Technik üblich war, auf feuchten Kalkmörtel 
bewurf in Erdfarben auftrug und die Farben mit dem Bewurf 
zugleich eintrocknen ließ. Leider find viele diefer Bilder durch 
Brände, Häuferumbau und letztens auch durch verftändnislofes 
Übertünchen zugrunde gegangen und damit ein gutes Stück 
Volkskunft und alter Kultur, der ja leider überall die gleiche 
Lieblofigkeit und das gleiche Unverftändnis entgegengebracht 
wird und die überall dem Banalen und »Modernen« weichen muß. 
Soviel des Tatfäcblichen auf Grundlage des Berichtes. Es ift 
binzuzufügen, daß ein guter künftlerifcber Inftinkt in diefen 
Werken des volksmäßigen Schaffenstriebes vorwaltet. Die Ver» 
putjfläcbe zu beleben, ftellt fich dem primitiven Künftler kein 
anderes Mittel dar, als die malerifcbe Behandlung der Fläche. 
Er durfte, was vielfach vorkommt, auch Säulenarchitekturen an 
die Verputjwand malen, die den Eindruck von plaftifcher Er- 
febeinung machte, ohne notwendigerweife über das Ziel zu 
febießen. Wandverput) mit Skulptur zu verbinden, was an neuen 
Werken häufig vorkommt, kam dem richtig empfindenden Bauern- 
künftler nicht in den Sinn. Skulptur ift eine Ausdrucksform, die 
dem Steinwerk eignet, und nur in Verbindung mit unbedecktem 
Steingewände berechtigt ift. Innerhalb der durch die Materiallogik 
gezogenen Grenzen erfcheint nun die Hauswand als Spiegelbild 
der Träume und Vorftellungen des Volkes und feines Künftlers. 
Wir find diefen naiven Zeugniffen gegenüber vollends machtlos 
und zu keiner Kritik berechtigt, felbft wenn wir Fehler wahr» 
zunebmen meinen. Es bleibt diefen Dingen gegenüber kein 
anderer Entfchluß übrig, als fie wie ein künftlerifcber Phänomen 
gläubig und bewundernd binzunebmen. Gerade deshalb muß 
vor dem Verfucb gewarnt werden, fie neuerdings nachzuabmen. 
Es wäre geradezu Unfinn. Allzu häufig gefebiebt in unterer 
Zeit folcher Unfinn. □ 
2
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.