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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

England  und  das  benachbarte  Niederfachfen  mit  Hamburg  und
Lübeck  batten  ihre  Herrfcbaft  empfunden,  und  felbft  Potsdam
verdankt  einer  Fürftenlaune  den  Niederfcblag  ihrer  gerühmten
Tätigkeit  als  etwas  fremdartig  anmutenden  Einfcbluß.  □
Leiden  war  niemals  Künftlerftadt,  wie  Haarlem  es  war,  obgleich
Lucas  van  Leyden,  Joris  van  Schooten,  Jakob  van  Swanenburgb,
der  große  Rembrandt  van  Rijn,  Jan  Steen,  Gérard  Dou,  Gabriel
Metfu  u.  v.  a.  aus  diefer  Stadt  ftammen.  Leiden  ift  Gelehrten«
ftadt.  Noch  ehe  fie  von  ihrem  wirtfcbaftlicben  Höhepunkt  als
Handels«  und  Tuchmacberftadt  berabfank,  hatte  fie  den  Grundftein
ihrer  neuen  Bedeutung  gelegt.  1575  wurde  die  berühmte  Uni«
verfität  gegründet,  kurz  nach  der  furchtbaren  Belagerung  durch
die  Spanier,  gegen  die  Wilhelm  der  Schweigfame  als  let}tes
verzweifeltes  Mittel  die  Deiche  durcbftecben  ließ,  um  das  Land
lieber  dem  Ozean  als  den  plündernden  Horden  zu  überlaffen.
Groß  war  der  Ruf  der  Hugo  de  Groote  (Grotius),  Boerhaave,
die  Urheber  des  großen  Tbeologengezänkes,  flrminius  und  Gomar,
find  die  hervorragendften  Erfcheinungen  in  der  glänzenden
Profefforenreihe,  deren  Bildniffe  den  Senatsfaal  zieren.  Eine
geheime  und  unerklärliche  Beziehung  zu  diefen  Hntlit^en  drückt
fich  in  dem  fchmalnafigen,  groß«  und  dunkeläugigen  Typus  der
hiefigen  Bevölkerung  aus;  vielleicht  fließt  noch  ein  Tropfen
fpanifches  Blut  in  ihren  Rdern;  Geflehter,  die  man  in  den  Straßen
Leidens  begegnet,  find  feltfam  verfchieden  von  der  breitknochigen,
blauäugigen  Raffe,  die  man  fonft  in  Holland  findet.  In  dem
kapellenartigen  Bau  der  Hochfcbule  ift  das  Senatszimmer  das
Sanktuarium;  Niebuhr  meinte  in  feiner  römifchen  Gefchichte,
daß  es  in  Europa  keinen  für  die  Wiffenfchaft  ehrwürdigeren
Raum  gebe,  als  diefen  Saal.  □
Er  ift  der  ftärkfte  künftlerifcbe  Eindruck,  der  in  Leiden  zu
holen  ift.  Seltfam  ift  die  Hrt,  wie  hier  das  Porträt  verwendet
wird.  Künftlerifch  ift  es  gleichgültig,  bemerkenswert  ift  die  fln«
Wendung,  die  ihm  faft  den  Sinn  einer  Architektur  gibt.  In
gleichen  Formaten  und  gleichen  dunklen  Rahmen,  mit  dunklem
indifferenten  Hintergrund  rücken  fie  an  den  vier  Wänden  dicht
gereiht  bis  zur  Decke  hinauf  und  wirken  als  einheitliche  Fläche,  quadratifch
  gegliedert,  und  die  Antlitze  darin,  in  regelmäßiger  Vielheit,
erfcheinen  als  Ornamente,  jedes  individualifiert,  in  der  Gefamt«
heit  aber  gleichartig  wie  die  Flächenmufter  der  Delfterkacbeln
einer  Kaminwand.  Obzwar  die  Porträts  eine  Zeitfpanne  von
Jahrhunderten  umfaffen,  folgten  die  Maler  in  der  Darftellung
ftets  der  herkömmlichen  Auffaffung,  gebunden  durch  die  Zucht
der  traditionellen  Vorfchrift,  die  diesmal  ein  Gutes  hervorgebracht
bat.  Der  Beginn  diefer  Galerie  von  Profefforenbildniffen  gehört
in  die  gute  Zeit  der  Porträtkunft.  Sie  war  freie  Bürgerkunft,
bervorgerufen  durch  das  Selbftbewußtfein  des  machtvollen  Patri«
ziertums  der  reichen  Handelsftädte.  Es  gehörte  zu  den  Her'
kömmlichkeiten,  daß  die  Regenten  der  verfebiedenen  bürgerlichen
und  ftädtifchen  Organifationen,  die  Offiziere  und  Mannfchaften
der  Scbütjengilden  eine  künftlerifcbe  Darftellung  ihrer  Perfönlicbkeiten
  und  ihrer  öffentlichen  Funktionen  binterließen.  Diefer
Stolz  ift  erlofcben  und  mit  ihm  die  volkstümliche  Kunft  des
Porträts.  Es  ift  nicht,  weil  die  Hals,  Helft,  Rembrandt  u.  v.  a.
fehlen.  Sie  fehlen,  aber  würden  im  neuen  Geifte  erflehen,  wenn
die  Menfcbbeit  will.  Der  Talente  find  ungeahnt  viele;  es  bedarf
nur  der  Pflege  und  der  befruchtenden  Macht  künftlerifcher  Be«
dürfniffe,  um  fie  im  neuen  Geifte  wieder  erflehen  zu  laffen.
Und  ficher,  auf  die  zabllofen  Talente  kommt  ein  Genie.  Es  ift
unberechenbar,  welche  Schäle  auf  dem  Brachfeld  liegen.  □
An  der  Leidener  Univerfität  bat  fleh  die  künftlerifcbe  Über«
lieferung  in  der  eigenartigen  Form  bis  beute  erhalten.  Aber
es  ift  nur  die  Form,  die  das  Intereffe  waebbält.  Der  künftlerifcbe
Gehalt  hält  mit  den  niedergehenden  Anfprüchen  gleichen  Schritt.

DIE  BODENREFORM  UND  DIE  STÄDTE
VON  ZIVIL«INGENIEUR  OTTO  GEISSLER,  GR.-LICHTERFELDE
ach  der  Wirtfcbaftslebre  der  Bodenreformer  find  zu  jener
produktiven  Tätigkeit  drei  Faktoren  nötig:  Boden,  Arbeit
und  Kapital.  Boden  umfaßt  die  ganze  Achtbare  Schöpfung
mit  Ausnahme  der  Menfcben:  alle  natürlichen  Stoffe,  Kräfte  und
Vorteile.  Wie  es  der  Wortführer  der  Bodenreformer,  Damafchke,
ausdrückt:  »Es  ift  das  Feld,  auf  dem  fleh  der  Menfcb  betätigen,
das  Vorratshaus,  aus  der  er  feine  Bedürfniffe  befriedigen,  das
Rohmaterial  mit  und  an  dem  er  Arbeit  verrichten  kann.«  Arbeit
ift  jede  menfchlicbe  Anftrengung,  die  Werte  erzeugen  foll,  und
Kapital  fcbließt  alles  ein,  was  weder  Boden  noch  Arbeit  ift,  aber
durch  die  Vereinigung  beider  bervorgebraebt  wurde,  und  als
Vorrat  oder  als  Werkzeug  wieder  der  Produktion  dient.  »Boden
und  Arbeit  find  die  Vorausfetjung  jeder  menfchlicben  Tätigkeit,
und  in  der  modernen  Volkswirtfchaft  tritt  in  der  Regel  das
Produktionswerkzeug,  das  Kapital,  als  dritter  Faktor  hinzu.«  □
Boden,  Arbeit  und  Kapital  teilen  ficb  in  den  Ertrag  jeder
menfcblicben  Tätigkeit.  Für  die  Benu^ung  des  Bodens  oder
anderer  Naturvorteile  wird  eine  Grundrente  gewährt,  die  Arbeit
bekommt  den  Lohn  und  das  Kapital  Zins.  Die  Begriffe  find
febarf  zu  febeiden.  Zur  Grundrente  gehört  z.  B.  keineswegs  eine
Vergütung  für  Verbefferungen  des  Landes,  für  aufgefübrte
Bauten  und  dergl.  -  fie  ift  nur  die  Bezahlung  für  Benu^ung
der  Rohmaterialien,  des  Bodens  oder  feiner  Erzeugniffe.  Lohn
ift  jede  Vergütung  für  körperliche  oder  geiftige  Bemühung,  und
Zins  die  Entfchädigung  für  Benutjung  des  Kapitals,  der  Wobnund
  Werkftätten,  Vorräte,  Werkzeuge,  Mafchinen  ufw.  □
Die  Bodenreformer  meinen  nun,  daß  die  eingetretene  Entwicklung ­
  diefe  drei  Werte  in  gefahrbringender  Weife  verfchoben
bat,  und  lehren  das  an  folgendem  Beifpiel:  Wo  beute  Berlins
Häufer  find,  ftanden  vor  taufend  Jahren  zwei  arme  wendifebe  Dör«
fer.  Die  Arbeit  ihrer  Bewohner  war  zu  fifchen,  oder  die  mageren
Äcker  zu  beftellen.  Kapital  waren  Boot,  Holz,  Pflug,  Haus  und
Vorräte;  die  Grundrente  wird  als  eine  Abgabe  an  den  Schutjberrn
  geleiftet.  Die  Arbeit  nährte,  der  Wende  konnte  in  ruhigen
Zeiten  ohne  allzu  bittere  Sorgen  leben.  Das  Kapital  trug  ausreichend ­
  Zins,  denn  jede  Verbefferung  an  Ne^  und  Pflug,  an
Boot  und  Haus  erleichterte  die  Arbeit  und  machte  die  Erträge
reichlicher.  Die  Grundrente  wurde  in  Naturalien  entrichtet  und
ftand  wohl  im  Verhältnis  zu  den  Erträgen  von  Lohn  und  Zins,
denn  niemand  konnte  mehr  geben  als  er  batte  (was  oft  wohl
wenig  genug  war).  -  Je$t  find  taufend  Jahre  voll  Mühe  und  Arbeit
dabingegangen  -  der  Menfcbbeit  Streben  batte  Erfolge,  die  kein
noch  fo  kühner  Traum  erhofft  hatte:  Erfindungen  und  Entdeckungen, ­
  Mafcbinen  und  Verkehrsmittel  bringen  der  Arbeit
die  unerhörteften  Erleichterungen  ....  Und  das  Ergebnis  von
alledem?  -  Die  Arbeit  ringt  noch  heut  im  barten  Kampfe  gegen
Sorgen  und  Entbehrungen  und  auch  das  Kapital  muß  ficb,  von
feltenen  Ausnahmen  abgefehen,  immer  noch  mit  verhältnismäßig
geringem  Ertrage  begnügen.  Aber  die  guadratmeile  armfeligen
Sandbodens,  auf  dem  Berlin  fteht,  gilt  beute  vier  Milliarden
Mark  -  und  an  jedem  Arbeitstage  müffen  Berlins  Bewohner
500  000  Mark  allein  für  die  Bodenbefitjer  verdienen.  »Das  ift
nun  Bodenreformlebre:  Diefe  Grundrente  foll  das  foziale  Eigentum ­
  und  durch  irgend  welche  Reformarbeit  der  Gefamtheit  zurück ­
  errungen  werden.«  Denn  nur  die  Gefamtbeit  bat  das
Steigen  der  Bodenpreife  verurfaebt,  —  verlaffen  beute  Berlins  Bewohner ­
  ihre  Scholle,  ift  der  Boden  wieder  wertlos,  wie  der  jet^t
von  Troja,  Babylon  oder  Karthago.  □
Es  ift  viel  ehrliche  Arbeit  aufgewendet  worden,  wie  folcbe
Bodenreform  möglich  gemacht  werden  kann.  Auch  die

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