England und das benachbarte Niederfachfen mit Hamburg und
Lübeck batten ihre Herrfcbaft empfunden, und felbft Potsdam
verdankt einer Fürftenlaune den Niederfcblag ihrer gerühmten
Tätigkeit als etwas fremdartig anmutenden Einfcbluß. □
Leiden war niemals Künftlerftadt, wie Haarlem es war, obgleich
Lucas van Leyden, Joris van Schooten, Jakob van Swanenburgb,
der große Rembrandt van Rijn, Jan Steen, Gérard Dou, Gabriel
Metfu u. v. a. aus diefer Stadt ftammen. Leiden ift Gelehrten«
ftadt. Noch ehe fie von ihrem wirtfcbaftlicben Höhepunkt als
Handels« und Tuchmacberftadt berabfank, hatte fie den Grundftein
ihrer neuen Bedeutung gelegt. 1575 wurde die berühmte Uni«
verfität gegründet, kurz nach der furchtbaren Belagerung durch
die Spanier, gegen die Wilhelm der Schweigfame als let}tes
verzweifeltes Mittel die Deiche durcbftecben ließ, um das Land
lieber dem Ozean als den plündernden Horden zu überlaffen.
Groß war der Ruf der Hugo de Groote (Grotius), Boerhaave,
die Urheber des großen Tbeologengezänkes, flrminius und Gomar,
find die hervorragendften Erfcheinungen in der glänzenden
Profefforenreihe, deren Bildniffe den Senatsfaal zieren. Eine
geheime und unerklärliche Beziehung zu diefen Hntlit^en drückt
fich in dem fchmalnafigen, groß« und dunkeläugigen Typus der
hiefigen Bevölkerung aus; vielleicht fließt noch ein Tropfen
fpanifches Blut in ihren Rdern; Geflehter, die man in den Straßen
Leidens begegnet, find feltfam verfchieden von der breitknochigen,
blauäugigen Raffe, die man fonft in Holland findet. In dem
kapellenartigen Bau der Hochfcbule ift das Senatszimmer das
Sanktuarium; Niebuhr meinte in feiner römifchen Gefchichte,
daß es in Europa keinen für die Wiffenfchaft ehrwürdigeren
Raum gebe, als diefen Saal. □
Er ift der ftärkfte künftlerifcbe Eindruck, der in Leiden zu
holen ift. Seltfam ift die Hrt, wie hier das Porträt verwendet
wird. Künftlerifch ift es gleichgültig, bemerkenswert ift die fln«
Wendung, die ihm faft den Sinn einer Architektur gibt. In
gleichen Formaten und gleichen dunklen Rahmen, mit dunklem
indifferenten Hintergrund rücken fie an den vier Wänden dicht
gereiht bis zur Decke hinauf und wirken als einheitliche Fläche, quadratifch
gegliedert, und die Antlitze darin, in regelmäßiger Vielheit,
erfcheinen als Ornamente, jedes individualifiert, in der Gefamt«
heit aber gleichartig wie die Flächenmufter der Delfterkacbeln
einer Kaminwand. Obzwar die Porträts eine Zeitfpanne von
Jahrhunderten umfaffen, folgten die Maler in der Darftellung
ftets der herkömmlichen Auffaffung, gebunden durch die Zucht
der traditionellen Vorfchrift, die diesmal ein Gutes hervorgebracht
bat. Der Beginn diefer Galerie von Profefforenbildniffen gehört
in die gute Zeit der Porträtkunft. Sie war freie Bürgerkunft,
bervorgerufen durch das Selbftbewußtfein des machtvollen Patri«
ziertums der reichen Handelsftädte. Es gehörte zu den Her'
kömmlichkeiten, daß die Regenten der verfebiedenen bürgerlichen
und ftädtifchen Organifationen, die Offiziere und Mannfchaften
der Scbütjengilden eine künftlerifcbe Darftellung ihrer Perfönlicbkeiten
und ihrer öffentlichen Funktionen binterließen. Diefer
Stolz ift erlofcben und mit ihm die volkstümliche Kunft des
Porträts. Es ift nicht, weil die Hals, Helft, Rembrandt u. v. a.
fehlen. Sie fehlen, aber würden im neuen Geifte erflehen, wenn
die Menfcbbeit will. Der Talente find ungeahnt viele; es bedarf
nur der Pflege und der befruchtenden Macht künftlerifcher Be«
dürfniffe, um fie im neuen Geifte wieder erflehen zu laffen.
Und ficher, auf die zabllofen Talente kommt ein Genie. Es ift
unberechenbar, welche Schäle auf dem Brachfeld liegen. □
An der Leidener Univerfität bat fleh die künftlerifcbe Über«
lieferung in der eigenartigen Form bis beute erhalten. Aber
es ift nur die Form, die das Intereffe waebbält. Der künftlerifcbe
Gehalt hält mit den niedergehenden Anfprüchen gleichen Schritt.
DIE BODENREFORM UND DIE STÄDTE
VON ZIVIL«INGENIEUR OTTO GEISSLER, GR.-LICHTERFELDE
ach der Wirtfcbaftslebre der Bodenreformer find zu jener
produktiven Tätigkeit drei Faktoren nötig: Boden, Arbeit
und Kapital. Boden umfaßt die ganze Achtbare Schöpfung
mit Ausnahme der Menfcben: alle natürlichen Stoffe, Kräfte und
Vorteile. Wie es der Wortführer der Bodenreformer, Damafchke,
ausdrückt: »Es ift das Feld, auf dem fleh der Menfcb betätigen,
das Vorratshaus, aus der er feine Bedürfniffe befriedigen, das
Rohmaterial mit und an dem er Arbeit verrichten kann.« Arbeit
ift jede menfchlicbe Anftrengung, die Werte erzeugen foll, und
Kapital fcbließt alles ein, was weder Boden noch Arbeit ift, aber
durch die Vereinigung beider bervorgebraebt wurde, und als
Vorrat oder als Werkzeug wieder der Produktion dient. »Boden
und Arbeit find die Vorausfetjung jeder menfchlicben Tätigkeit,
und in der modernen Volkswirtfchaft tritt in der Regel das
Produktionswerkzeug, das Kapital, als dritter Faktor hinzu.« □
Boden, Arbeit und Kapital teilen ficb in den Ertrag jeder
menfcblicben Tätigkeit. Für die Benu^ung des Bodens oder
anderer Naturvorteile wird eine Grundrente gewährt, die Arbeit
bekommt den Lohn und das Kapital Zins. Die Begriffe find
febarf zu febeiden. Zur Grundrente gehört z. B. keineswegs eine
Vergütung für Verbefferungen des Landes, für aufgefübrte
Bauten und dergl. - fie ift nur die Bezahlung für Benu^ung
der Rohmaterialien, des Bodens oder feiner Erzeugniffe. Lohn
ift jede Vergütung für körperliche oder geiftige Bemühung, und
Zins die Entfchädigung für Benutjung des Kapitals, der Wobnund
Werkftätten, Vorräte, Werkzeuge, Mafchinen ufw. □
Die Bodenreformer meinen nun, daß die eingetretene Entwicklung
diefe drei Werte in gefahrbringender Weife verfchoben
bat, und lehren das an folgendem Beifpiel: Wo beute Berlins
Häufer find, ftanden vor taufend Jahren zwei arme wendifebe Dör«
fer. Die Arbeit ihrer Bewohner war zu fifchen, oder die mageren
Äcker zu beftellen. Kapital waren Boot, Holz, Pflug, Haus und
Vorräte; die Grundrente wird als eine Abgabe an den Schutjberrn
geleiftet. Die Arbeit nährte, der Wende konnte in ruhigen
Zeiten ohne allzu bittere Sorgen leben. Das Kapital trug ausreichend
Zins, denn jede Verbefferung an Ne^ und Pflug, an
Boot und Haus erleichterte die Arbeit und machte die Erträge
reichlicher. Die Grundrente wurde in Naturalien entrichtet und
ftand wohl im Verhältnis zu den Erträgen von Lohn und Zins,
denn niemand konnte mehr geben als er batte (was oft wohl
wenig genug war). - Je$t find taufend Jahre voll Mühe und Arbeit
dabingegangen - der Menfcbbeit Streben batte Erfolge, die kein
noch fo kühner Traum erhofft hatte: Erfindungen und Entdeckungen,
Mafcbinen und Verkehrsmittel bringen der Arbeit
die unerhörteften Erleichterungen .... Und das Ergebnis von
alledem? - Die Arbeit ringt noch heut im barten Kampfe gegen
Sorgen und Entbehrungen und auch das Kapital muß ficb, von
feltenen Ausnahmen abgefehen, immer noch mit verhältnismäßig
geringem Ertrage begnügen. Aber die guadratmeile armfeligen
Sandbodens, auf dem Berlin fteht, gilt beute vier Milliarden
Mark - und an jedem Arbeitstage müffen Berlins Bewohner
500 000 Mark allein für die Bodenbefitjer verdienen. »Das ift
nun Bodenreformlebre: Diefe Grundrente foll das foziale Eigentum
und durch irgend welche Reformarbeit der Gefamtheit zurück
errungen werden.« Denn nur die Gefamtbeit bat das
Steigen der Bodenpreife verurfaebt, — verlaffen beute Berlins Bewohner
ihre Scholle, ift der Boden wieder wertlos, wie der jet^t
von Troja, Babylon oder Karthago. □
Es ift viel ehrliche Arbeit aufgewendet worden, wie folcbe
Bodenreform möglich gemacht werden kann. Auch die
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