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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

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KUNST UND GEWERBE 
VON K. SCHMIDT 
s wird behauptet, daß durch das Hervortreten der Künft= 
ler auf der Dresdner Kunftgewerbeausftellung eine Scbädi» 
gung der kunftgewerblichen Firmen herbeigeführt würde. 
Diefer Behauptung kann nur ein Denkfehler zugrunde liegen. 
Denn dadurch, daß neuerdings Künftler als Entwerfer von kunft* 
gewerblichen Gegenftänden genannt werden, ift doch nicht etwa 
eine Verminderung des kunftgewerblichen Hbfatjes her» 
beigeführt worden. Nur, wenn dies der Fall fein follte, könnte 
eine Schädigung der kunftgewerblichen Firmen, das heißt der 
materiellen Produzenten, feftgeftellt werden. Es läßt fich aber 
gerade im Gegenteil behaupten, daß durch das Huftreten von 
Künftlern im Kunftgewerbe das öffentliche Intereffe an diefem 
in hohem Maße gewachfen ift und dadurch höchftens der Bedarf 
und die Nachfrage eine Vermehrung erfahren hat. Die Künft-- 
ler haben den materiellen Produzenten nie Konkurrenz gemacht, 
denn fie führen nicht felbft aus und find genötigt, ihre Ent» 
würfe den kunftgewerblichen Firmen zur Herftellung zu über» 
weifen. □ 
Eine Schädigung der Firmen kann alfo keinesfalls durch das 
neuerliche Huftreten von Künftlern im Kunftgewerbe konftatiert 
werden. Es ift nur eine etwas andere Organifation eingetreten, 
ähnlich wie fie in der Architektur bereits fefte Wurzel gefaßt 
bat, wo auch keine Schädigung der Bauunternehmer dadurch 
eingetreten ift, daß Architekten die Entwürfe machen. □ 
Die Befchwerden der Eingabe können fich verfteckt nur darauf 
beziehen, daß ein Teil des Publikums anfängt, fein Vertrauen 
in künftlerifcben Dingen nicht mehr ausfcbließlicb Firmen, fondern 
Künftlern zuzuwenden. Die Eingabe ift alfo gewiffermaßen 
einem gekränkten künftlerifcben Ehrgeiz der Firmen zuzufchreiben. 
Was diefen Punkt anbetrifft, fo ift zunäcbft feftzuftellen, daß 
eine Kunftleiftung ftets etwas Perfönliches ift und nur von einer 
Perfönlichkeit ausgeben kann. Eine Firma, das beißt eine kauf» 
männifche Inftitution, ift nie in der Lage, fich als Firma einen 
künftlerifcben Gedanken zuzufchreiben, fondern ein folcher ift 
ftets auf eine einzelne Perfönlichkeit im Getriebe der Firma 
zurückzufübren. n 
Es muß nun als ein böcbft erfreuliches Zeichen der Zeit be» 
trachtet werden, daß neuerdings das Verlangen vorliegt, einen 
Kunftgegenftand mit dem Namen des künftlerifcben Erfinders 
zu verknüpfen. Erft dadurch wird der künftlerifcbe Wert ge 
kennzeichnet und die künftlerifcbe Qualität ins rechte Licht ge 
rückt. Daß die Dresdner Kunftgewerbeausftellung diefen Grund» 
fat) anerkannt bat, beweift nur, daß fie dem Zuge der Zeit 
gefolgt ift. Übrigens ift in allen allgemeinen Kunftausftellungen, 
in denen in den letjten Jahren das Kunftgewerbe zugeiaffen 
wurde, derfelbe Grundfat* befolgt worden. □ 
Wenn das Wort Kunft in dem Begriff Kunftgewerbe einen 
Sinn haben foll, fo ift eine Kunftgewerbeausftellung nur nach 
diefem Prinzip möglich. Verzichtet man auf die Feftbaltung 
des Begriffes Kunftgewerbe und macht eine Gewerbeausftellung, 
fo wird eine Anordnung nach den Namen von Künftlern von 
felbft hinfällig und niemand wird fie beanfpruchen. 
Die von den Firmen angeführten Gründe enthalten viel 
unzutreffende Behauptungen. Dazu gehört die, daß die kunft 
gewerblichen Firmen den guten Ruf des deutfcben Kunftgewerbes 
begründet und aller Welt bewiefen hätten. Diefe Behauptung 
ift geradezu ungeheuerlich. Denn erftens ift der Ruf des deut» 
fchen Kunftgewerbes überhaupt noch nicht aller Welt bewiefen, 
und zweitens find die Gedanken, welche das heutige deutfcbe 
Kunftgewerbe cbarakterifieren, allein und ausfcbließlicb von 
Künftlern und nicht im entfernteften von Firmen ausgegangen. 
Die meiften Firmen haben fich im Gegenteil anfänglich gefträubt, 
der neuen Richtung zu folgen, und nachdem fie fich ihr fchließ- 
lieb angepaßt haben, find fie mit derfelben Oberflächlichkeit ver» 
fahren, mit der fie vorher die Moden der biftorifchen Stile mit 
gemacht haben. Dadurch haben fie bis jet)t eher dazu beigetragen, 
die ganze Bewegung in Mißkredit zu bringen. □ 
Gerade durch die gefcbäftlicbe Praxis der kunftgewerblichen 
Firmen find die jet}t fich berausbildenden neuen Organifations» 
verbältniffe des Kunftgewerbes bedingt worden. Gerade weil 
die kunftgewerblichen Produzenten lediglich das blanke Gefcbäfts» 
prinzip hatten, Geld zu verdienen und jede künftlerifcbe Moral 
verleugneten, wurde das Bedürfnis bervorgerufen, das Künft 
lerifcbe im Kunftgewerbe mit größerer Schärfe zu betonen und 
gewiffe etbifebe Grundfätje aufzuftellen und zu verfechten, die 
fich direkt gegen das Gebabren der Fabrikanten richteten. Die 
kunftgewerblichen Produzenten find in den letjten 20 jabren 
hinter jedem Unfinn hergerannt, wenn er nur verfprach, ihnen 
eine neue Chance des Verkaufs zu bieten. Und fie pflegen noch 
beute den Leitfatj aufzuftellen, daß fie lediglich dem Gefcbmack 
des Publikums folgten. Etwas Dauerndes, Edles und Großes 
zu febaflfen, liegt ihnen beute fo fern wie früher. Das, was fie 
in fogenannter Anpaffung an die moderne Bewegung auf den 
Markt gebracht haben, find meiftens verwäfferte Gedanken von 
irgendwo gefebenen künftlerifcben Entwürfen gewefen. Ohne 
fie den Künftlern abzugucken, wären fie nie imftande gewefen, 
fogenannte moderne Möbel zu liefern. Aber felbft diefe meift 
mißverftandenen modernen Möbel gelten bei ihnen beute bereits 
wieder als überwunden, und fie behauptet aus derfelben feichten 
und frivolen Auffaffung heraus, der fie feit zwanzig Jahren 
gehuldigt haben, daß der moderne Stil bereits außer Mode fei, 
und daß das Publikum heute Empire- und Biedermeierftil ver 
lange. Wer es mit künftlerifcben Gedanken ernft meint, für den 
kann es keine größere Entweihung des künftlerifcben Empfindens 
geben, als die Gefinnung, die fich darin bekundet. Das ganze 
kunftgewerblicbe Getriebe ift durch diefe Gefinnung zur Äußer 
lichkeit geworden. Die gefunden Grundfätje des alten Hand 
werks find verfchwunden. Die moralifche Verantwortlichkeit 
der gewerblichen Erzeuger ift mit dem Anwachfen des Beftrebens, 
vor allem viel zu verkaufen und billig zu liefern, auf einen 
Tiefftand gefunken, den fie noch nie gehabt bat. Der Grundfat} 
des Gewerbes in früherer Zeit war der der Gediegenheit und 
Kunftfertigkeit, der Grundfat) der jetjigen Produktion ift die 
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