wieder an den unverletzten Altären, anmutreicb und züchtig,
Bürgerfrauen vom Heiligenfehein umfloffen und fromm im Ausdruck
und in 6eberde, altholländifches Leben erwacht in bib«
lifeber Verherrlichung und ftellt fein Dafein im Gotteshaufe dar.
Aber dann gefchieht jene ungewöhnliche Begebenheit, die dem
menfchlichen Empfinden furchtbarer erfcheint als das Wüten des
Orkans oder der Meeresfluten. Eine Schar von einigen Hundert
Menfchen zwängt fich mit unehrerbietigem Lärm zur fpäten
Stunde durch die Pforte. Männer und Weiber in aufgeregter,
trunkener Luftigkeit. Sie ftürzen lärmend auf die Altäre, reißen
die Marienbilder zu Boden, die in Trümmer noch mit gerungenen
Händen zu Füßen der Altäre liegen, Huren erfteigen die heiligen
Throne mit unzüchtigen Geberden, einige Trunkenbolde celebrieren
die Meffe mit Flüchen und unflätigen Liedern, begleitet
von der ganzen gröblenden Horde, die das gefcbnit}te Chorgeftühle
ftürmt und nicht ruht, bis es ächzend und zerfplitternd zufammenfinkt.
Nun tritt einer der Anführer unter den Kreis der Apoftel
und ladet fie mit höhnifchen Worten ein, herunterzufteigen und
fich unter das Volk zu begeben. Wie es doch komme, daß die
Apoftel, armfelige Schiffer und Handwerker, in folchen Prachtgewändern
über ihnen thronten? Ob fie von Hochmut befeffen
feien, daß fie es wagten, fich dem hungernden, wegen ihres
reinen Glaubens vertriebenen Volke in folchem eitlen Aufzuge
zu zeigen? Ob fie es wohl vergeffen hätten, daß auch fie unter
der Verfolgung der üppigen Machthaber und einer unduldfamen
verhaßten Religion zu dulden hatten? Ob fie auf diefe Weife
den Geift der Liebe, das Gebot der Barmherzigkeit und der
Duldung, die Religion der Armut zu erfüllen vermeinten? Abtrünnige
feien fie, die fich der Sache des Volkes entfremden, in
den prachtvollen goldftrotjenden Kirchen fich der Üppigkeit ergeben
und dem Volke den Zutritt verwehren, die Übung ihres
gereinigten Glaubens, es zwingen, fern von den menfchlichen
Wohnungen, in der Verborgenheit des Elends ihrem Gott zu
dienen, verfolgt, vertrieben, mißachtet und ohne Schutj, als den
des nächtlichen Himmel. Und warum, warum mußte alles Elend
über fie, das arme Volk, kommen? Weil fie Abtrünnige feien,
Verräter an dem Wort ihres Herrn, das Nächftenliebe und Duldfamkeit
predigte, Abtrünnige, Abtrünnige, Abtrünnige! Eben
begann die Turmuhr zu fcblagen. Da fchrie der Redner in feiner
Exftafe: »Abtrünnige feid Ihr, Abtrünnige! Oder nicht? Steigt
herab und leugnet es, ehe die Uhr zum letjten Male feblägt, fteigt
herab zum Volke, fteigt herab!« Und in der folgenden Stille,
während alles gefpannt oder ängftlichen Gemütes auf das Ungewöhnliche
wartete, fchlug die Turmuhr fort. Der letzte Schlag
erzitterte in der atemlofen Stille. Es war, als wäre keine Seele
in der Kirche. Da fchrie einer: »Sie fteigen nicht herab, alfo
holen wir fie herunter!« Das war nun, als ob in der fchweigenden
Dunkelheit taufend Teufel lebendig würden. Mit Gefchrei
und Gepolter wurden Leitern angelegt, mit Äxten und Hämmern
zugefchlagen, und krachend ftürzten die Statuen herunter. Nichts
blieb vor der Wut des Pöbels verfebont. Die Grabmäler fanken
in Trümmer, koftbare Kircbenfcbätze wurden eilig zufammengerafft,
was fich nicht forttragen ließ, wurde vernichtet. Keine
Vernunft erleuchtete die wabnfinnigen Gehirne in diefer dunklen
Stunde. Kein Gott erfchien, die aufgeregten Wogen zu be»
fänftigen. Kein Wunder gefebab, kein Gemüt ftand dem Wunder
offen. In wenigen Stunden war das gottgefällige Werk gefcheben,
die Größe des Verderbens machte es felbft zum Wunder.
Alle Kunftfcbätze der reichen Dome von Brabant bis Nordboi«
land waren ihm zum Opfer gefallen. Unermeßlich ift der Verhüt,
den diefe unerhörte Tat nach fich gezogen. Das Wunder
des Verderbens zeitigte das Wunder der Rache, diefes wieder
das Wunder der Heldengröße. Die Gefcbicbte Hollands ftrablt
von diefen Wundern. Wir können nicht ermeffen, was dem
Lande erfpart geblieben wäre, wenn die Tat nicht gefcheben
fein würde. Man könnte leicht erweifen, daß die fpätere Weltmacht
Hollands eine Frucht der Not war, die fich aus diefem
unerhörten Gefchebnis ergeben mußte. »Es war die Not, die
das Genie erfchuf, die Zufälle machten Helden.« Aber ein Gang
durch die verwüfteten Denkmäler alter Kunft belehrt, daß die
Wunde bis beute noch nicht ausgeblutet hat. Die Hand der
Reftauratoren wird fie nicht zum Verbarfdben bringen, fie wird
vielmehr dem Körper der alten Kunft die letzte Koftbarkeit
rauben, die heiligen Wundmale, die dem verftümmelten Körper
die Weibe eines fchickfalreichen Erlebens geben. Der gefälfehten
Echtheit fehlt diefe und noch viel mehr. a
NATURPRODUKT UND KUNSTWERK
(MIT FOLGENDEN BILDERN AUS VOLKMANNS: NATURPRODUKT
UND KUNSTWERK)
D ie vergleichenden Bildet, die LUDWIG VOLKMANN zum Verftändnis
des künftlerifcben Schaffens im Verlag Gerhard Kübtmann-Dresden
herausgibt, enthalten einige treffliche Beifpiele, die den Unterfchied
zwifchen dem Naturbild und dem Kunftwerk fichtbar machen. Wie fie
hier in der Photographie vorliegen, können fie auch zur Vergleichung
zwifchen der photographifchen Treue oder Untreue und der künftle»
rifchen Eigenart der Darftellung dienen. Hier wird die ganze Unzulänglichkeit
der Photographie offenbar. Man halte etwa das photographifche
Abbild einer Föbrenlandfcbaft neben ein Bild von Leiftikow.
Man darf vorausfetzen, daß es das gleiche Motiv ift. Die Photographie
vertagt uns kein Detail; die Kamera behält alles und reproduziert
alles. Der Künftler gibt weniger und unendlich mehr; er gibt von
dem Naturbild, was ihm bedeutfam febien, einfach und großzügig, ein
Produkt feiner Seelenkraft. Das Stück Natur ift perfönlicbes Erlebnis
geworden für ihn und vielleicht auch für die Kenner des Kunftwerks.
Ganz ähnlich ift das Verhältnis in der Porträtkunft, davon Frit) Erlers
Porträt von Richard Strauß und eine Photographie des Tonkünftlers
ein bübfebes Vergleichsmaterial bietet. Ein Wort OSKAR WILDES lagt
alles: »Jedes Bild, das mit Empfindung gemalt wurde, ift ein Porträt
des Künftlers, nicht des Modells. Der Gemalte ift nur der Anlaß, die
Gelegenheit. Nicht er wird vom Maler entfchleiert. Vielmehr der Maler
entfcbleiert fich auf der Leinwand.« □
Auch einige treffende Sätze von MAX LIEBERMANN verbreiten Licht
über die Sache: »Was jeder Künftler aus der Natur berausfiebt, ift das
Werk feiner Pbantafie. Setze zwanzig Maler vor dasfelbe Modell und
es werden zwanzig verfebiedene Bilder auf der Leinwand entftehen,
obgleich alle Zwanzig gleichermaßen beftrebt waren, die Natur, die fie
vor fich haben, wiederzugeben wie fich die Welt im Kopf des Künftlers
widerfpiegelt, gerade das macht feine Künftlerfcbaft aus.« □
Oder: □
»Das Unfterblicbe an den Werken der Kunft ift ihr Geift, der Geift,.
welcher dem inneren Auge des Malers, bevor er den erften Pinfelftricb
auf die Leinwand gefetzt bat, das Werk vollendet zeigt.« □
Oder: □
»Und wie der Geift ift die Kunft unbegrenzt, foweit die Ausdrucks«
fäbigkeit ihrer teebnifeben Mittel reicht. Ihre Ausdrucksfäbigkeit vergrößern,
beißt das Bereich der Kunft erweitern, das Bereich der allein
wahren Kunft, die von der Hand geboren, aber von der Pbantafie
gezeugt ift.« o
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