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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

wieder  an  den  unverletzten  Altären,  anmutreicb  und  züchtig,
Bürgerfrauen  vom  Heiligenfehein  umfloffen  und  fromm  im  Ausdruck ­
  und  in  6eberde,  altholländifches  Leben  erwacht  in  bib«
lifeber  Verherrlichung  und  ftellt  fein  Dafein  im  Gotteshaufe  dar.
Aber  dann  gefchieht  jene  ungewöhnliche  Begebenheit,  die  dem
menfchlichen  Empfinden  furchtbarer  erfcheint  als  das  Wüten  des
Orkans  oder  der  Meeresfluten.  Eine  Schar  von  einigen  Hundert
Menfchen  zwängt  fich  mit  unehrerbietigem  Lärm  zur  fpäten
Stunde  durch  die  Pforte.  Männer  und  Weiber  in  aufgeregter,
trunkener  Luftigkeit.  Sie  ftürzen  lärmend  auf  die  Altäre,  reißen
die  Marienbilder  zu  Boden,  die  in  Trümmer  noch  mit  gerungenen
Händen  zu  Füßen  der  Altäre  liegen,  Huren  erfteigen  die  heiligen
Throne  mit  unzüchtigen  Geberden,  einige  Trunkenbolde  celebrieren
  die  Meffe  mit  Flüchen  und  unflätigen  Liedern,  begleitet
von  der  ganzen  gröblenden  Horde,  die  das  gefcbnit}te  Chorgeftühle
ftürmt  und  nicht  ruht,  bis  es  ächzend  und  zerfplitternd  zufammenfinkt.
  Nun  tritt  einer  der  Anführer  unter  den  Kreis  der  Apoftel
und  ladet  fie  mit  höhnifchen  Worten  ein,  herunterzufteigen  und
fich  unter  das  Volk  zu  begeben.  Wie  es  doch  komme,  daß  die
Apoftel,  armfelige  Schiffer  und  Handwerker,  in  folchen  Prachtgewändern ­
  über  ihnen  thronten?  Ob  fie  von  Hochmut  befeffen
feien,  daß  fie  es  wagten,  fich  dem  hungernden,  wegen  ihres
reinen  Glaubens  vertriebenen  Volke  in  folchem  eitlen  Aufzuge
zu  zeigen?  Ob  fie  es  wohl  vergeffen  hätten,  daß  auch  fie  unter
der  Verfolgung  der  üppigen  Machthaber  und  einer  unduldfamen
verhaßten  Religion  zu  dulden  hatten?  Ob  fie  auf  diefe  Weife
den  Geift  der  Liebe,  das  Gebot  der  Barmherzigkeit  und  der
Duldung,  die  Religion  der  Armut  zu  erfüllen  vermeinten?  Abtrünnige ­
  feien  fie,  die  fich  der  Sache  des  Volkes  entfremden,  in
den  prachtvollen  goldftrotjenden  Kirchen  fich  der  Üppigkeit  ergeben ­
  und  dem  Volke  den  Zutritt  verwehren,  die  Übung  ihres
gereinigten  Glaubens,  es  zwingen,  fern  von  den  menfchlichen
Wohnungen,  in  der  Verborgenheit  des  Elends  ihrem  Gott  zu
dienen,  verfolgt,  vertrieben,  mißachtet  und  ohne  Schutj,  als  den
des  nächtlichen  Himmel.  Und  warum,  warum  mußte  alles  Elend
über  fie,  das  arme  Volk,  kommen?  Weil  fie  Abtrünnige  feien,
Verräter  an  dem  Wort  ihres  Herrn,  das  Nächftenliebe  und  Duldfamkeit
  predigte,  Abtrünnige,  Abtrünnige,  Abtrünnige!  Eben
begann  die  Turmuhr  zu  fcblagen.  Da  fchrie  der  Redner  in  feiner
Exftafe:  »Abtrünnige  feid  Ihr,  Abtrünnige!  Oder  nicht?  Steigt
herab  und  leugnet  es,  ehe  die  Uhr  zum  letjten  Male  feblägt,  fteigt
herab  zum  Volke,  fteigt  herab!«  Und  in  der  folgenden  Stille,
während  alles  gefpannt  oder  ängftlichen  Gemütes  auf  das  Ungewöhnliche
  wartete,  fchlug  die  Turmuhr  fort.  Der  letzte  Schlag
erzitterte  in  der  atemlofen  Stille.  Es  war,  als  wäre  keine  Seele
in  der  Kirche.  Da  fchrie  einer:  »Sie  fteigen  nicht  herab,  alfo
holen  wir  fie  herunter!«  Das  war  nun,  als  ob  in  der  fchweigenden
  Dunkelheit  taufend  Teufel  lebendig  würden.  Mit  Gefchrei
und  Gepolter  wurden  Leitern  angelegt,  mit  Äxten  und  Hämmern
zugefchlagen,  und  krachend  ftürzten  die  Statuen  herunter.  Nichts
blieb  vor  der  Wut  des  Pöbels  verfebont.  Die  Grabmäler  fanken
in  Trümmer,  koftbare  Kircbenfcbätze  wurden  eilig  zufammengerafft,
  was  fich  nicht  forttragen  ließ,  wurde  vernichtet.  Keine
Vernunft  erleuchtete  die  wabnfinnigen  Gehirne  in  diefer  dunklen
Stunde.  Kein  Gott  erfchien,  die  aufgeregten  Wogen  zu  be»
fänftigen.  Kein  Wunder  gefebab,  kein  Gemüt  ftand  dem  Wunder
offen.  In  wenigen  Stunden  war  das  gottgefällige  Werk  gefcheben,
  die  Größe  des  Verderbens  machte  es  felbft  zum  Wunder.
Alle  Kunftfcbätze  der  reichen  Dome  von  Brabant  bis  Nordboi«
land  waren  ihm  zum  Opfer  gefallen.  Unermeßlich  ift  der  Verhüt, ­
  den  diefe  unerhörte  Tat  nach  fich  gezogen.  Das  Wunder
des  Verderbens  zeitigte  das  Wunder  der  Rache,  diefes  wieder
das  Wunder  der  Heldengröße.  Die  Gefcbicbte  Hollands  ftrablt

von  diefen  Wundern.  Wir  können  nicht  ermeffen,  was  dem
Lande  erfpart  geblieben  wäre,  wenn  die  Tat  nicht  gefcheben
fein  würde.  Man  könnte  leicht  erweifen,  daß  die  fpätere  Weltmacht ­
  Hollands  eine  Frucht  der  Not  war,  die  fich  aus  diefem
unerhörten  Gefchebnis  ergeben  mußte.  »Es  war  die  Not,  die
das  Genie  erfchuf,  die  Zufälle  machten  Helden.«  Aber  ein  Gang
durch  die  verwüfteten  Denkmäler  alter  Kunft  belehrt,  daß  die
Wunde  bis  beute  noch  nicht  ausgeblutet  hat.  Die  Hand  der
Reftauratoren  wird  fie  nicht  zum  Verbarfdben  bringen,  fie  wird
vielmehr  dem  Körper  der  alten  Kunft  die  letzte  Koftbarkeit
rauben,  die  heiligen  Wundmale,  die  dem  verftümmelten  Körper
die  Weibe  eines  fchickfalreichen  Erlebens  geben.  Der  gefälfehten
Echtheit  fehlt  diefe  und  noch  viel  mehr.  a

NATURPRODUKT  UND  KUNSTWERK
(MIT  FOLGENDEN  BILDERN  AUS  VOLKMANNS:  NATURPRODUKT
UND  KUNSTWERK)
D ie  vergleichenden  Bildet,  die  LUDWIG  VOLKMANN  zum  Verftändnis
des  künftlerifcben  Schaffens  im  Verlag  Gerhard  Kübtmann-Dresden
herausgibt,  enthalten  einige  treffliche  Beifpiele,  die  den  Unterfchied
zwifchen  dem  Naturbild  und  dem  Kunftwerk  fichtbar  machen.  Wie  fie
hier  in  der  Photographie  vorliegen,  können  fie  auch  zur  Vergleichung
zwifchen  der  photographifchen  Treue  oder  Untreue  und  der  künftle»
rifchen  Eigenart  der  Darftellung  dienen.  Hier  wird  die  ganze  Unzulänglichkeit ­
  der  Photographie  offenbar.  Man  halte  etwa  das  photographifche
  Abbild  einer  Föbrenlandfcbaft  neben  ein  Bild  von  Leiftikow.
Man  darf  vorausfetzen,  daß  es  das  gleiche  Motiv  ift.  Die  Photographie
vertagt  uns  kein  Detail;  die  Kamera  behält  alles  und  reproduziert
alles.  Der  Künftler  gibt  weniger  und  unendlich  mehr;  er  gibt  von
dem  Naturbild,  was  ihm  bedeutfam  febien,  einfach  und  großzügig,  ein
Produkt  feiner  Seelenkraft.  Das  Stück  Natur  ift  perfönlicbes  Erlebnis
geworden  für  ihn  und  vielleicht  auch  für  die  Kenner  des  Kunftwerks.
Ganz  ähnlich  ift  das  Verhältnis  in  der  Porträtkunft,  davon  Frit)  Erlers
Porträt  von  Richard  Strauß  und  eine  Photographie  des  Tonkünftlers
ein  bübfebes  Vergleichsmaterial  bietet.  Ein  Wort  OSKAR  WILDES  lagt
alles:  »Jedes  Bild,  das  mit  Empfindung  gemalt  wurde,  ift  ein  Porträt
des  Künftlers,  nicht  des  Modells.  Der  Gemalte  ift  nur  der  Anlaß,  die
Gelegenheit.  Nicht  er  wird  vom  Maler  entfchleiert.  Vielmehr  der  Maler
entfcbleiert  fich  auf  der  Leinwand.«  □
Auch  einige  treffende  Sätze  von  MAX  LIEBERMANN  verbreiten  Licht
über  die  Sache:  »Was  jeder  Künftler  aus  der  Natur  berausfiebt,  ift  das
Werk  feiner  Pbantafie.  Setze  zwanzig  Maler  vor  dasfelbe  Modell  und
es  werden  zwanzig  verfebiedene  Bilder  auf  der  Leinwand  entftehen,
obgleich  alle  Zwanzig  gleichermaßen  beftrebt  waren,  die  Natur,  die  fie
vor  fich  haben,  wiederzugeben  wie  fich  die  Welt  im  Kopf  des  Künftlers
widerfpiegelt,  gerade  das  macht  feine  Künftlerfcbaft  aus.«  □
Oder:  □
»Das  Unfterblicbe  an  den  Werken  der  Kunft  ift  ihr  Geift,  der  Geift,.
welcher  dem  inneren  Auge  des  Malers,  bevor  er  den  erften  Pinfelftricb
auf  die  Leinwand  gefetzt  bat,  das  Werk  vollendet  zeigt.«  □
Oder:  □
»Und  wie  der  Geift  ift  die  Kunft  unbegrenzt,  foweit  die  Ausdrucks«
fäbigkeit  ihrer  teebnifeben  Mittel  reicht.  Ihre  Ausdrucksfäbigkeit  vergrößern, ­
  beißt  das  Bereich  der  Kunft  erweitern,  das  Bereich  der  allein
wahren  Kunft,  die  von  der  Hand  geboren,  aber  von  der  Pbantafie
gezeugt  ift.«  o

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