TECHNIK UND KUNST IM GEWERBE
AUS TÖPFERBRIEFEN
VON HERMHNN SEIDLER
cnn ich bei der Arbeit Befuch bekomme, fo ift gewiß die
erfte Frage: »Wie kommen Sie auf diefes Fach?« und
ich antworte meiftens: »Weil ich dafür eine ganz be«
fondere Vorliebe habe, und käme ich zehnmal auf die Welt, ich
würde eben wieder Töpfer.« □
Was aber nicht jedermann zu wiffen brauchte, das fei hier fo
nebenbei bemerkt: ich fand als religiöfer Maler ein recht langes
Haar in der frommen Kunftfuppe — nämlich, fo wie ich die Heiligen,
hohe und niedere, weibliche und männliche darftellte, gefielen
fie den meiften der geiftlichen Auftraggeber nicht, und wie die
Auftraggeber diefe, nach meiner Anficht immer luftige, glück«
ftrahlende und forgenfreie Schar wünfchten, gefiel fie mir nicht.
Weil ich aber von Kindheit an die Töpferei bewundert batte, in
welcher ich eine Art von Unabhängigkeit Menfcben gegenüber
erblickte (wie folcbe, glaube ich, keine andere Kunft aufweifen
kann), fo fand meine Liebe zur Farbe, die mir von der Heiligen»
darftellung immer noch geblieben war, gerade hierin ein ge
eignetes Gebiet der Betätigung. □
Ich ging alfo, fcbon dem Scbwabenalter nabe, nochmals in die
Lehre; und das war kein dummer Streich, denn noch nie habe
ich diefen Berufswechfel bereut. □
Mein Lebrmeifter war in der Ausübung des fcbönen Handwerks
ein alter Herr geworden, der trotj feiner fiebzig Jahre mit Leib und
Seele beim Beruf war, und wir vertrugen uns immer recht gut.
Nur in einem Punkte mußte ich vorfichtig fein — ich durfte fo
wenig als möglich über Modernifierung der Töpferkunft (das
Wort Keramik war ihm zuwider) reden. Dagegen erzählte mir
der gute Meifter aus feiner Zeit, und zwar aus der Zeit, da er
noch ftolz die Nelke hinter dem Ohr trug, da das prächtige Hand
werk blühte und da noch jeder tüchtige, brave Meifter mit Stolz
ob feiner Werkftattüre gefchrieben batte: »Gott, der Schöpfer,
war der erfte Töpfer.« □
Er erzählte mir natürlich auch von den »Meiftern«, die es heute
bei uns fo reichlich gibt, den Pfufchern, welche noch feiten auf
einen grünen Zweig gekommen find. □
Auch erzählte er mir, wie diefes Handwerk durch die Blech»
und Emailgefcbirr-Induftrie febr viel verlor. Solche Fabrikate
konnten auch einen Fall riskieren, auch konnte der forgfame
Hausgeift feine Plauderftunden verlängern, diefes Gefchirr ver
trug Unglaubliches, es konnte im fchlimmften Fall flott geflickt
werden und was lag daran, wenn fich zwei Drittel des Emailauf
trages mit der Zeit im Magen der Brotberrfchaft einquartierte.
Diefes Gefcbirr verdrängte für einige Zeit die Töpferware. Dazu
kamen noch die Fabriken, welche das einfacbfte Nutjgefcbirr, wie
Blumentöpfe ufw., zu Preifen berftellten, mit denen der Klein-
meifter nicht mehr konkurrieren konnte, und fo ging es auch mit
der Ofenberftellung, bei der nur der Fabrikant noch feine Rechnung
findet. □
»Unfer Handwerk ftirbt aus, und ich bin froh, ein alter Mann
zu fein,« meinte der gute Meifter. □
In folcben Stunden durfte ich freilich nicht über den unbegreif
lichen Eigenfinn, die Starrköpfigkeit der alten Herren Meifter
reden, ich durfte nicht fagen, daß das Feftbalten und Stillfteben
beim Vererbten Schuld ift an dem fcbeinbaren Zufammenbrucb
der Töpferkunft und dem Achtbaren Schwinden der Einzelmeifter.
Ich war dann ruhig und wartete die Stunden ab, da wir bei
einer Pfeife Tabak und einem Schoppen gutem Wein beifammen-
faßen, und dann zeigte ich dem Meifter, daß es doch nicht fo
bergab gebe mit der Töpferei und daß St. Goar, der Töpferpatron,
ficb zu regen beginne. Ich las dem guten Herrn aus Facbfcbriften
vor, wie in allen Landen gerade die Töpferei aufzuleben beginne,
und am meiften freute es den Meifter zu hören, daß die Re
gierungen bemüht find, dem kundigen Handwerker wieder in
den Sattel zu helfen. Dann leuchteten feine klugen Äuglein und
wir fließen immer und immer wieder an und tranken zu Ehren
von St. Goar, dem Töpferpatron. □
Ja, lieber Vater Benz, fuhr ich fort, die Töpferei kommt fcbon
wieder in die alten Rechte und Ehren, aber fie muß tapfer mit
der Neuzeit gehen, namentlich müffen die Kleinmeifter, welche
rein handwerklich fchaflren, als treue Mitarbeiter fich in das Buch
des gemeinfamen Fortfcbrittes einfehreiben. Sie dürfen Ach nicht
eigenfinnig gegen alles, was der Großvater nicht fcbon gemacht,
verfcbließen, fie dürfen nicht das neu Erftandene in der pietät
vollen Ausrede: »Unfere Voreltern haben es nie anders gemacht
und wir halten es auch fo« — ich fage in diefer ftarrköpfigen
Weife einfargen; denn es gefchiebt, wenn Ae Ach nicht eines
Befferen befinnen, zum Nachteil und zur Schande nicht nur für
fie, fondern auch für die Voreltern, die Ach dem Fortfcbritt ihrer
Zeit nicht verfcbloffen, wie ihre Nachkommen vielfach zu glauben
fcheinen. Die guten Alten waren nicht denkfaul, - ein negatives
Lob, das der Töpfergeneration von den vierziger Jahren ab
weniger zukommt. Es wurde ja freilich am meiften von oben
herab gefündigt, da die Anregung und llnterftütjung in unbegreif
licher Weile vernachläffigt wurde; dies an einem Kunftbandwerk,
das Ach als ein febr furchtbringendes, der neuzeitlichen Architektur
des Äußeren wie des Inneren Ach innig anfebmiegendes Gewerbe
zeigt und gerade am meiften der Pflege bedurft hätte. Aber
am Ende war es auch ein Glück, denn nicht alles, was in den,
Gott fei Dank, vergangenen Jahrzehnten von oben gehalten wurde,
war fegensreich. □
Eine große Furcht batte Vater Benz vor den Chemikern (er
nannte Ae Gramm-Menfcben), auch vor deren Werken, namentlich
denjenigen mit dem Titel: Der praktifche Töpfer oder Keramik,
eine Anleitung zur Fabrikation von Töpfen ufw. Ich erbrachte
ihm aber den Beweis, daß diefe Herren, famt dem meift un-
nütjen, verwirrenden Gefchreibfel, rein nichts mit der neuzeit
lichen Töpferei zu tun haben und daß ich meine Arbeiten auch
ohne ebemifebe Vorträge und Bücher berftellte, fab er. Meine
befcheidene Einrichtung zeigte dem Meifter auch, daß zur neu
zeitlichen Werkftatt keine unerfchwinglichen Mittel gehören. Die
Hauptfache bei diefem wabrheitliebenden Gewerbe ift Selbfttätig»
keit mit Liebe und Freude zur Sache; und feiten wird eine Kunft
folcb weites Feld für eigenes Fühlen und Empfinden bieten, wie
die Töpferkunft. Nach fo verplauderten Stunden, nach folcb einem
Feiertag wurde felbft mein alter Meifter ein begeifterter Neuerer,
wir drückten uns beim Abfcbied die Hände, denn beide waren
wir glücklich. □
Was ich nie gedacht hätte, traf ein. An einem febönen Winter
tage kam mein guter Benz und erklärte mir, einen Muffelofen
in der nämlichen Weife und Größe wie der meinige ift, bauen
zu wollen. Brandproben mit feinen Glafuren, feinem Verfahren
und feiner Technik hat er fcbon bei mir gemacht. Leider kam
der Plan jedoch nicht mehr zur Ausführung; Benz wurde krank,
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