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HERMHNN MUTHESIUS
KUNSTGEWERBE UND ARCHITEKTUR
m Verlag Eugen Diederichs in Jena ift jüngft ein neues Buch
von HERMANN MUTHESIUS erfchienen, das in lichtvoller
Darftellung den Weg und das Ziel des Kunftgewerbes und
die Bedeutung desfelben als Raumkunft und fomit als Architektur
darftellt. Es ift eines der wertvollften Bücher, die über
diefen Gegenftand gefchrieben worden find, und es verdient unbedingt
von allen gelefen zu werden, die über die Tragweite
der fruchtbarften geiftigen Bewegung in Deutfchland unterrichtet
fein wollen. Nicht nur die Allgemeinheit hat ein Intereffe, an
der Bewegung ideell teilzunehmen, fondern auch jene, die im
Kunftgewerbe und in der Architektur gefchäftlich oder produzierend
tätig find, müffen fich über die ethifchen und künftlerifd>en
Ziele jener Bewegung endlich klar werden. Auch diefe
können an dem Buche noch febr viel lernen. Manche induftrielle
und gewerbliche Lebensmächte, die mit der modernen Kunftbewegung
in Berührung oder in Reibung fteben, haben die
Neigung, bei dem Beftehenden zu verharren, Neues ängftlich
zu vermeiden und lieber in der Wiederholung des Alten das
Heil zu fuchen. Die künftlerifche Triebkraft des Volkes dagegen
kennt keine Stagnation, wenigftens nicht in der gegenwärtigen,
geiftig fo mächtig angeregten Zeit. Aus diefer Gegenbewegung
der Kräfte ergibt fich ein Antagonismus, der vielfach zwifchen
Künftlern und Fabrikanten eine Kluft fchafft, und das kunftgewerblicbe
Fabrikantentum gar häufig in einen Gegenfat) zu
den lebendigen Intereffen des Volkes und des Fortfchritts bringt.
Ein Blick auf die technifche Entwicklung der heutigen Zeit
belehrt uns, daß die technifche Induftrie raftlos mit ihren vorwärtsblickenden,
unaufhörlich auf Verbefferungen und neuen
Erfindungen bedachten Ingenieuren arbeitet. Wo wäre z. B. die
Mafchineninduftrie oder die Verkehrstechnik geblieben, wenn
fie ihren Ingenieuren gegenüber fich ebenfo abwehrend und
feindfelig verhielten, wie es auf dem kunftgewerblichen Gebiet
viele Fabrikationen den Künftlern gegenüber tun? Hätte die
Technik je den Vorrang erringen können, wenn fie je eine
Rückftändigkeit mit dem Hinweis auf das Publikum zu rechtfertigen
und aufrecht zu erhalten gefucht hätte, wie es im
Kunftgewerbe tatfächlich viele Fabrikanten tun? Aber die tecbnifche
Induftrie bat nie gefragt, was ein unbelebrtes Publikum
will oder nicht will, fondern fie bat von vorneberein gemein»
fame Sache mit ihren geiftigen Führern und Erfindern gemacht
und dadurch allein fich und dem Fortfehritt einen ungeheuren
Dienft erwiefen. Das Publikum, das nicht ängftlich befragt
worden war und trotjdem inftinktiv dorthin neigt, wo die
lebendige Kraft des Fortfchritts wirkt, ift mit diefem Fortfehritt
gegangen. Es erklärt fich daraus ganz leicht, warum das Volk
beute geiftig von technifchen Intereffen und nicht von künftlerifcben
faft ausfebtießlieb beberrfebt ift. Wann werden endlich
die kunftgewerblichen Faktoren reif für ihre Zeit werden? Wann
werden fie einfeben, daß das Schaffensprinzip, das wir in der
Entwicklung der Technik erkennen, auch für ibrePraxis notwendig
ift, wenn fie in den Augen des Volkes neben der Technik einen
ebenbürtigen Rang wieder einnebmen wollen? Die kunftgewerblichen
Fabrikanten haben kein Recht, fich daraufhin auszureden,
daß die erften künftlerifcben Erzeugniffe, die am Anfang der modernen
Bewegung entftanden find, als unzweckmäßig, verfehlt
oder lächerlich erkannt worden find, und daß die moderne Bewegung
daher Schiffbrucb gelitten habe und abgetan fei. Wir
dürfen uns nur erinnern, daß die erften Eifenbabnwagen, die erften
Fahrräder und die erften Automobile im Vergleich zur heutigen
Vollendung auch unzweckmäßig, verfehlt und lächerlich er»
febeinen. Hätten wir aber jemals diefe Vollendung erreicht,
wenn die technifchen Induftrien über diefe notwendigen Kinderkrankheiten
eines Wachstums den Kopf verloren und gefagt
hätten, da tun wir nicht mehr mit? Oder wenn fie, wie es
beute noch in manchen kunftgewerblichen Betrieben der Fall
ift, minder begabte Kräfte und Handlanger mit der Fortbildung
der technifchen Gedanken betrauten und die hervorragend begabten
Ingenieure und Erfinder als Schädlinge der wirtfebaftlieben
Intereffen bekämpften? Aber die problematifcben und
zeitweilig vielleicht verfehlten Erzeugniffe haben die Mafchineninduftriellen
nicht gebindert, gerade mit den fähigften Köpfen
vorwärts zu trachten und dadurch jene Oualitätsböbe zu erreichen,
die eine erfolgreiche Konkurrenz mit dem Auslande
ermöglichte, und die fich auf Grund der originellften und gediegenften
Leiftung (und nur auf diefer Grundlage) auch wirtfebaftläch
ausdrückt. Wenn im Kunftgewerbe Rückfcbläge eintreten,
fo find diefe Rückfchläge und Hemmungen künftlerifcber und
wirtfcbaftlicber Art vor allem von jenen Fabrikationen und Betrieben
verfdbuldet, die gegen die wertebildenden, hoben Begabungen,
gegen die künftlerifcben Kräfte Front machen und
glauben, daß fie mit Hilfe von Vorlagenwerken, von Ideenmißbrauch
und Ideenraub den Fortfcbritt fördern. Der Beweis
ift leicht zu erbringen, daß auf diefe Art nichts gefördert wird.
Weder in künftlerifcber, noch in wirtfcbaftlicber und kultureller
Hinficht ift durch Erfcbleichung und Erniedrigung ein Gutes zu
erhoffen. Gutes ift nur durch entfcbloffenes Vorwärtsftreben
und Hand in Hand geben mit den ftärkften geiftigen und künftlerifcben
Kräften einer Zeit zu erwarten, durch die böcbfte Anfpannung
aller Kräfte und durch hohe fittlicbe Forderungen,
die wir auch an das Publikum ftellen müffen. Wir können das
Publikum zwingen, ein hohes und unvoreingenommenes Niveau
einzunebmen, wir haben nicht nur das Recht, fondern auch die
Pflicht dazu, und das Publikum wird uns folgen. In einer Zeit, wo
fo viele Kräfte in der Fabrikation und im Publikum diefe Pflicht
verfäumen, kommt ein Buch, wie das genannte von Mutbefius,
befonders gelegen. Es ift klar, daß in Verbältniffen des Zwiefpalts,
wie fie derzeit gegeben find, die unerfchrockene Vorkämpferfcbaft
in vielen Haß erregt, weil die Wahrhaftigkeit vor allem jene bitter
treffen muß, die von der Unterdrückung der edelften und fruchtbarften
Kräfte des Volkes einen perfönlichen Vorteil erhoffen.
Denn es darf nicht vergeffen werden, daß es fich in der kunftgewerblicben
Bewegung um Kulturintereffen des ganzen Volkes
von unabfebbarer Tragweite bandelt, die wichtiger find als
das Mehr oder Minder an gefcbäftlichem Gewinn einzelner
Unternehmer. Es ift ein großes Glück, daß Mutbefius die geiftige
Propaganda für die Kulturaufgabe des deutfeben Kunftgewerbes
durch feine hervorragende amtlicheStellunginderPraxis zu fördern
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