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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

JAPANISCHE  TÖPFE
D er  erfte  Beginn  einer  Kennerfcbaft  in  japanifeben  Töpfen
läßt  ficb  mit  drei  Namen  beftreiten:  Hrita,  Kaga  und
Satfuma.  Das  find  Herkunftsörtlicbkeiten.  Blau-Rot  und
Gold  auf  rein  weißem  Grund  ift  Hrita,  Ziegelrot  mit  Gold  auf
dem  gleichen  Grund  ift  Kaga,  und  die  am  goldigften  ftrotjende
Ware,  die  an  Goldbrokat  erinnert,  auf  einem  elfenbeingelblichen
Grund,  der  eine  feine  Zerknitterung  zeigt  (Craquelé),  ift  das
bekannte  Satfuma.  Hrita  und  Kaga  find  Porzellane,  Satfuma
ift  bloß  Steingut  oder  Fayence.  Statt  Hrita  kann  man  auch
Imari  oder  Hizen  tagen.  Hrita  beißt  der  Töpferort,  Imari  der
Verfcbiffungsbafen,  und  beide  liegen  in  der  Landfcbaft  Hizen.
Kaga  wird  auch  Kütani  genannt,  nach  dem  früheren  Töpfereiort, ­
  der  zu  dem  Fürftentum  Kaga  gehörte.  Satfuma  ift  eine
Provinz.  □
Die  beiden  erfteren  Hrten  werden  bauptfäcblicb  für  Europa
gemacht  und  find  eigentlich  eine  fremde,  importierte  Induftrie,
erft  vor  ungefähr  200  Jahren  durch  die  Holländer  aufgekommen. ­
  Mit  ebinefifebem  Porzellan  ließen  ficb  gute  Gefchäfte  machen,
deshalb  fuchte  man  auch  in  Japan  nach  dem  koftbaren  Porzellanftein,
  der  bei  uns  jetyt  Kaolin  beißt,  nach  dem  ebinefifeben  Berg
Kaoling,  fand  ihn,  und  zwar  bei  Hrita,  und  die  Holländer  freuten
ficb,  daß  fie  nun  auch  von  Defima  aus,  wo  fie  in  halber  Gefangenfehaft
  lebten,  Porzellan  erfteben  konnten.  □
Einige  Jahrzehnte  früher  war  auch  von  Korea  her  ein  keramifcher
  Huffchwung  gekommen.  Um  1597  kehrte  der  große
Hideyosbi  von  feinem  langen  Krieg,  auf  dem  Feftlande  zur  Eroberung ­
  von  ganz  China,  halb  gefcblagen  und  halb  fiegreich  in
fein  Infelreich  zurück  und  brachte  außer  einigen  Taufenden  eingefalzener
  Nafen  und  Obren  getöteter  Feinde  als  lebende  Beute
koreanifebe  Töpfer  mit.  Die  Nafen  und  Obren  wurden  in  Kioto
beerdigt,  und  ihr  Grabhügel  ift  noch  beute  eine  Sehenswürdigkeit. ­
  Die  koreanifchen  Töpfer  aber  feilten  ihre  Kunft  verbreiten
und  wurden  deshalb  ausgeteilt.  Huf  den  Fürften  von  Satfuma,
der  auch  mit  im  Kriege  gewefen  war,  kamen  fiebzebn  Familien,
und  deren  Nachkommen  follen  noch  beute  an  ihrer  außergewöbnlicben
  Körpetlänge  erkennbar  fein.  Von  diefem  Ereignis  wird
gewöhnlich  für  das  Fürftentum  Satfuma  |die  Hra  der  befferen
Töpfe  datiert.  Hber  was  damals  dort  entftand,  war  noch  eine
febr  fcbmucklofe  Ware,  und  das  goldig  ftroljende  Satfuma  ift  erft
allemeueften  Datums  und  wird  beute  mehr  in  Kioto  und  Tokio
gemacht,  auch  faft  ausfcbließlicb  für  Europa.  □
Was  nun  aber  liebt  der  Japaner,  verlangt  und  verfertigt  er
für  feinen  eigenen  Kunftgefchmack?  Viel  mehr  das  unfeheinbar
Intime,  das  ehrlich  Raue  und  Primitive,  halb  noch  ungefcbickt
Bauernbafte,  das  feinen  feften  Charakter  bat,  bis  zur  gefuchten
Kunftlofigkeit,  alfo  gerade  das  Gegenteil  jenes  glatten  und  glänzend ­
  febönen,  aufdringlich  prahlenden  Porzellans.  □
Diefe  Erkenntnis,  die  allmählich  dämmerte,  klar  zu  ftellen  und
zu  begründen,  war  das  Verdienft  der  Vorftandfchaft  des  South«
Kenfington-Mufeums  in  London,  gelegentlich  der  Husftetlung  von
Philadelphia  1876.  Durch  einen  Freund  in  Tokio  wurde  von
diefer  Kunftbebörde  den  Japanern  nahegelegt,  fie  möchten  eine
typifebe  Sammlung  ihrer  älteren  Keramik  nebft  einer  hiftorifchen
Hrbeit  darüber  in  Philadelphia  ausftellen  laffen,  und  nach  der
flusftellung  follte  die  Sammlung  durch  Kauf  nach  London  weitergeben ­
  und  Eigentum  des  Mufeums  werden.  Das  gefebab,  und
feitdem  find  wir  im  Befitj  von  Argumenten.*)  □
Von  diefen  Argumenten  das  würdigfte,  fowohl  äftbetifch  als
auch  biftorifch,  und  überhaupt  am  beften  geeignet  einen  erften

*)  FRANKS,  Japanese  Pottery.  London  1880,  Preface.  □

Begriff  zu  geben,  ift  ein  kleines,  braunes  Töpfchen  von  gedrungen
ovaler  Form  mit  einem  feinen  Elfenbeindeckel,  das  den  Namen
Seto  führt.  Es  fiebt  zwar  auf  den  erften  Blick  ganz  gewöhnlich ­
  aus.  Aber  allmählich  lernt  man  es  febätjen  in  feiner  fcblicbten
Einfachheit  unter  dem  warmen  Braun  der  Glafur,  die  faft  noch
zu  fließen  febeint  und  die  mit  einem  erftarrenden  Rand  kurz
über  dem  Boden  fteben  blieb,  und  je  öfter  man  es  lieht,  defto
beffer  gefällt  es  dem  Auge,  was  ja  immer  das  ficberfte  Merkmal
einer  wahren  Schönheit  ift.  Seto  ift  ein  größeres  Dorf,  das  zur
Provinz  Owari  gehört,  wo  diefe  Ware  zuerft  entftand.  □
In  die  neu  entdeckte  Richtung  drängten  nun  auch  die  Europäer, ­
  die  davon  erfahren  batten,  und  die  Japaner  mit  fdmellem
Verftändnis  entfpracben  gefällig  ihrem  Bedürfnis.  Neben  dem
Maffenporzellan  erfcheinen  jetjt  übernaive  Gebilde,  die  auch
wieder  nicht  ohne  Reiz  find,  düfter  graue  und  fcbwärzlicbe  Töpfe,
nicht  viel  größer  als  eine  Taffe,  aber  formlos,  dick  und  febwer,
durch  deren  Maffe  ein  langer  Sprung  gebt,  und  diefer  Sprung
ift  ausgekittet  mit  einem  glänzenden  Faden  Gold.  Man  wird
an  verfebiedene  Kontrafte  erinnert,  an  Goldadern  in  rauhem
Geftein,  an  einen  Scha^  zwifchen  dunklem  Scbmut}  oder  auch
an  plombierte  Zähne,  und  auch  diefes  ift  bochjapanifch.  Solche
düftere,  fchwärzliche  Ware  wird  gewöhnlich  unter  dem  Namen
Raku  verkauft.  Raku  bedeutet  »Vergnügen«  und  war  als  ein
verliehener  Stempel  eine  Huszeichnung  des  Hideyosbi  für  einen
Töpfer,  der  den  Anfang  hierzu  erfand,  aber  noch  ohne  Goldplombierung. ­
  □
Die  köftlicbe  Eigenart  der  Japaner  ift  bereits  eine  Vergangenheit, ­
  und  was  die  Zukunft  bringen  wird,  ift  ziemlich  wabrfcheinlich
  unerfreulich.  Sie  grinft  fchon  febr  verheißungsvoll  in  weit
ausfpäbender  Eklektik.  Schon  tauchen  ägyptifebe  Formen  auf
mit  mefopotamifch  myftifcben  Muftern  und  ausgefuchter  Farbenrobeit,
  ein  fcbwülftig  graufamer  Übergefchmack  in  hochmoderner
Gehirnerweichung.  Das  fchöne  Land  des  Sonnenaufgangs  ift
glücklich  europäifcb  durchgeiftigt  und  rettungslos  verzivilifiert.
Wie  aber  foll  man  ficb  jetjt  noch  durchfinden,  wenn  man  rückftändig
  ehrlich  fein  will?  Nur  die  Entfagung  und  Befcbeidenbeit
laffen  hier  einen  Troft  erwarten.  Man  verzichte  deshalb  auf
die  große,  alles  umfaffende  Kennerfcbaft,  die  überhaupt  nur  in
Paris  oder  London  erreichbar  wäre,  und  befchränke  lieh  auf
Teile.  Und  auch  im  Kleinften  fuebe  man  nur  das  eigene  Wohlgefallen. ­
  Nur  wenn  man  aufrichtig  gegen  ficb  felbft  ift,  kann
man  ficb  einige  Freuden  bereiten.  □
Niemals  aber  befrage  man  die  Wiffenfchaft  der  Händler.  Denn
diefe  Edlen  verftehen  noch  weniger,  müffen  aber  febwaljen.  Es
febeint  unter  ihnen  Naturen  zu  geben,  denen  die  Wahrheit  ein
giftiges  Gas  ift,  und  das  Lügen  Lebensbedürfnis.  M.  B.

ALTE  HANDSCHRIFTEN«  UND  BÜCHERSCHÄTZE
UND  IHRE  BEWERTUNG
ines  der  größten  deutfeben  fluktionsinftitute,  C.  G.  Boemer  in  Leipzig,
veranftaltete  kürzlich  eine  Verfteigerung  von  flutograpben,  das  beißt
eigenhändige  Schreiben  bekannter  Perfönlicbkeiten.  Dabei  wurden  erzielt ­
  unter  anderm  für  Briefe  von  Luther  2200  bis  3150  Mark,  folcbe  von
Melancbtbon  200  bis  1050  Mark,  für  einen  Brief  Calvins  1900  Mark,  Kaifer
Karls  V.  1300  Mark,  ferner  für  Briefe  deutfeber  Dichter,  wie  folcbe  von
Goethe  170  bis  2805  Mark,  Heine  110  bis  400  Mark,  Kleift  96  bis  1500  Mark,
Leffing  710  bis  3400  Mark,  Schiller  510  bis  595  Mark.  Für  das  Manufkript
Mozarts  berühmtem  Klavierkonzert  in  C-dur,  Partitur,  Kochel  Nr.  467,
wurde  12500  Mark  bezahlt,  während  eine  Anzahl  Briefe  von  Richard
Wagner  zu  54  Mark  bis  2500  Mark  verkauft  wurden.  □

199
            
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