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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

LHNDHHUS  UND  GHRTEN

Nr.  18

und  fefter  Backfteinmauer  nachgebaut  wurde,  war  zwar  meift
nüchtern  und  langweilig,  aber  doch  noch  erträglich,  folange  man
befcheiden  baute  und  nicht  »nach  etwas  ausfehen«  wollte.  □
Aber  nun  wollte  man  Seebad  werden;  »Logis«,  »Hotels«  und
»Reftaurants«  wurden  nötig,  der  Preis  des  Baulandes  ftieg,  und
damit  brach  das  Unheil  herein:  der  »ftilgemäße«  großftädtifche
Protjenbau  und  die  gefcbmacklofe  Hrmfeligkeit.  □
Untere  Gegenbeifpiele  zeigen,  was  wurde.  Unmittelbar  neben
den  bübfchen  Häufern  (Nr.  10)  erftreckt  fich  der  klägliche  Plat),
den  Bild  Nr.  16  zeigt.  Der  Hofbefitjer  baute  fich  gegenüber  feinem
fcbönen,  befchatteten  Hnwefen  (Nr.  4)  ins  freie  Feld  die  grellweiß
angeftrichene  »Villa«  mit  dem  angepappten  Zierat  und  dem  eifer«
nen  Tor  (Nr.  13).  Er  bat  noch  Raum;  aber  andere  Baupläne
müffen  ausgenu^t  werden.  Darum  wird  bis  dicht  an  die  Grenze
gebaut,  nur  die  Faffade  »fcbön«  gemacht,  die  Seite  des  Gebäudes
vernachläffigt  (Nr.  11,  12,14).  Villa,  elegantes  und  einfaches  Wobnhaus
  (Nr.  11-13)  erhalten  faft  genau  den  gleichen  finnlofen  Huffatj
am  Dache,  deffen  Vorbild  wohl  in  irgend  einem  »Ornamentenfcbat}«
zu  fehen  ift.  Die  Wirkung  der  andern  Beifpiele  (Nr.  15,  17,  19)
könnten  Worte  nur  abfcbwäcben.  □
Einzelne  Perfonen  kann  man  für  diefe  Sünden  kaum  verantwortlich ­
  machen;  grüner  Tifcb,  Landfpekulation,  Unternehmertum,
Baugewerkfcbulen,  Gleichgültigkeit  und  Unverftand  vieler  wirken
zufammen,  in  jenem  Seebade,  wie  überall.  Man  glaubt,  praktifcb
gebaut  zu  haben,  und  war  doch  fo  fcbrecklicb  unpraktifcb;  denn
welchen  Wert  haben  diefe  öden,  weißen  Hauskäften?  Die  künft*
lerifcbe  Verarbeitung  und  Entwicklung  der  alten  Bauweife,  ihre
Hnpaffung  an  moderne  Bedürfniffe  würde  den  Bauherren  kaum
mehr  koften,  vielleicht  noch  weniger,  als  jene  Verirrungen,  aber
dem  Orte  neue  und  dauerhafte  Reize  verleiben.  Wie  einfach  und
doch  fcbön  gebaut  werden  kann,  wenn  es  denn  fein  muß  mehr»
ftöckig,  maffiv  und  ohne  Strohdach,  zeigt  u.  a.  Bild  Nr.  3.  R.  V.

D ie  VERLflGSflNSTflLT  BRUCKMHNN  in  MÜNCHEN  gibt  eine  neue
Folge  von  Beifpielen  neuzeitlicher  Landbäufer  und  von  Gartenanla»
gen  heraus,  die  von  HERMHNN  MUTHESIUS  gefichtet  und  mit  einleitendem ­
  Text  verfeben  ift.  Es  ift  eine  ftattlicbe  Bilderfammlung  von  durchaus
guten  Löiungen,  die  als  Maßftab  für  die  Höbe  gelten  dürfen,  die  in
diefer  Hinficht  in  Deutfchland  erreicht  oder  noch  zu  erreichen  ift.  Es
muß  hervorgeboben  werden,  daß  eine  große  Reibe  von  holländifcben,
englifcben  und  amerikanifchen  Beifpielen  dem  Werk  einverleibt  find,
die  bekannte  ganz  hervorragende  Qualitäten  befitjen.  Es  ift  erfreulich,
daß  die  deutfcben  Arbeiten  daneben  einen  Rang  behaupten.  Der  Text
enthält  beachtenswerte  Winke.  Vor  allem  die  Mahnung,  daß  ein  guter
Grundriß  nur  für  den  einen  Fall  paßt,  für  den  er  gemacht  ift  und  daß
es  widerfinnig  ift,  aus  dem  Sammelwerk  Motive  für  die  äußere  oder
innere  Architektur  zu  entnehmen.  Wenn  wir  beute  in  der  Tat  fcbön
eine  gute  Landbausarcbitektur  haben,  fo  kommt  es  nicht  daher,  weil
das  Publikum  von  vornherein  ein  klares  Erkennen  batte,  fondem  weil
die  Künftler  vielfach  gegen  das  Publikum  und  gegen  gewiffe  Fachleute
eine  gute  Landbausarcbiktur  inauguriert  haben.  Wenn  wir  eine  Verjüngung ­
  der  Architektur  und  ein  fachliches  Erfaffen  der  großen  Architekturaufgaben ­
  erhoffen  dürfen,  fo  wird  der  Anftoß  von  der  guten  Landbausarchiktur
  ausgeben,  die  heute  fcbön,  wie  jene  künftlerifcben  Beifpiele
zeigen,  den  gefunden  Geift  verkörpern,  der  in  der  großftädtifcben  Architektur ­
  noch  gänzlich  fehlt.  Maßgebend  für  die  Landbausarchitektur  find
die  individuellen  Bedingungen  des  Grundftückes,  die  Himmelsrichtung,
die  Höhen-  und  Zufabrtsverbältniffe  des  Geländes,  die  Nacbbarfcbaft
des  Grundftückes,  der  Familienbeftand  und  die  Lebensweife  des  Bauherrn ­
  und  die  klimatifcben  Verbältniffe.  Bis  zu  einem  gewiffen  Grade
ift  der  Garten  als  Architektur  den  gleichen  Bedingungen  unterworfen.
Ein  befonderes  Augenmerk  ift  auf  die  Nutyräume  und  auf  die  fanitären
Anlagen  zu  legen.  Sie  dürfen  nicht  zu  kurz  kommen,  wenn  das  Wohnen
angenehm  und  gefund  fein  foll.  Die  Fülle  von  fachlich  emften  und
zugleich  originellen  und  äftbetifchen  Löfungen,  die  vorliegen,  liefern  den
Beweis,  daß  auf  diefen  Grundlagen  unbegrenzte  künftlerifcbe  Möglichkeiten ­
  gegeben  find.  □

DHS  VOLKSLIED  DER  ARCHITEKTUR
M ächtige  Anregung  fcböpfen  Künftler  und  Laien,  Förderer
und  Erneuerer  des  bürgerlichen  Bauwefens  aus  der
altheimifchen  volkstümlichen  Baukunft.  Mit  inftinktiver
Heftigkeit  drängen  alle  nach  jenen  Quellen,  um  Belehrung,  Erholung ­
  und  künftlerifches  Wachstum  zu  fuchen,  die  in  den  modernen ­
  Städten  mit  ihrer  verkommenen  Stil-  und  Spekulationsbauerei ­
  nicht  zu  finden  find.  Zeichenwerke  entftehen,  die  in
anmutigen  Skizzen  den  unerfchöpflichen  Reichtum  der  ländlichen
Baugedanken  zu  heben  verfucben,  wie  die  REISESKIZZEN  AUS
SÜDDEUTSCHLAND  von  Architekt  G.  STEINLEIN  in  München,  in
2  Bänden  von  der  Süddeutfchen  Verlagsanftalt  in  München  herausgegeben, ­
  und  im  ftattlicben  Format  die  ALTSCHWEIZERISCHE
BAUKUNST  von  Dr.  R.  ANHEISSER  in  Darmftadt,  verlegt  von
A.  Francke  in  Bern.  Diefe  beiden  Werke,  davon  einige  Bilderproben ­
  diefe  Ausführung  begleiten,  find  die  neueften  und  anziehendften
  Publikationen,  die  eine  reiche  Vorgänger-  und  Mitgängerfchaft
  haben.  Die  Schilderung  der  Heimat  vom  Standpunkt
der  Architektur  ift  ein  neues,  genußreiches  und  nütjliches  Unternehmen ­
  geworden,  dem  eine  nicht  geringe  Bedeutung  in  der
künftlerifcben  Entwicklung  unferer  Zeit  zukommt.  Man  kann
diefen  beiden  genannten  Werken,  die  mit  immenfem  Fleiß  und  nicht
geringer  Gefcbicklicbkeit  den  wertvollen  Scbatj  volkstümlicher

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