LHNDHHUS UND GHRTEN
Nr. 18
und fefter Backfteinmauer nachgebaut wurde, war zwar meift
nüchtern und langweilig, aber doch noch erträglich, folange man
befcheiden baute und nicht »nach etwas ausfehen« wollte. □
Aber nun wollte man Seebad werden; »Logis«, »Hotels« und
»Reftaurants« wurden nötig, der Preis des Baulandes ftieg, und
damit brach das Unheil herein: der »ftilgemäße« großftädtifche
Protjenbau und die gefcbmacklofe Hrmfeligkeit. □
Untere Gegenbeifpiele zeigen, was wurde. Unmittelbar neben
den bübfchen Häufern (Nr. 10) erftreckt fich der klägliche Plat),
den Bild Nr. 16 zeigt. Der Hofbefitjer baute fich gegenüber feinem
fcbönen, befchatteten Hnwefen (Nr. 4) ins freie Feld die grellweiß
angeftrichene »Villa« mit dem angepappten Zierat und dem eifer«
nen Tor (Nr. 13). Er bat noch Raum; aber andere Baupläne
müffen ausgenu^t werden. Darum wird bis dicht an die Grenze
gebaut, nur die Faffade »fcbön« gemacht, die Seite des Gebäudes
vernachläffigt (Nr. 11, 12,14). Villa, elegantes und einfaches Wobnhaus
(Nr. 11-13) erhalten faft genau den gleichen finnlofen Huffatj
am Dache, deffen Vorbild wohl in irgend einem »Ornamentenfcbat}«
zu fehen ift. Die Wirkung der andern Beifpiele (Nr. 15, 17, 19)
könnten Worte nur abfcbwäcben. □
Einzelne Perfonen kann man für diefe Sünden kaum verantwortlich
machen; grüner Tifcb, Landfpekulation, Unternehmertum,
Baugewerkfcbulen, Gleichgültigkeit und Unverftand vieler wirken
zufammen, in jenem Seebade, wie überall. Man glaubt, praktifcb
gebaut zu haben, und war doch fo fcbrecklicb unpraktifcb; denn
welchen Wert haben diefe öden, weißen Hauskäften? Die künft*
lerifcbe Verarbeitung und Entwicklung der alten Bauweife, ihre
Hnpaffung an moderne Bedürfniffe würde den Bauherren kaum
mehr koften, vielleicht noch weniger, als jene Verirrungen, aber
dem Orte neue und dauerhafte Reize verleiben. Wie einfach und
doch fcbön gebaut werden kann, wenn es denn fein muß mehr»
ftöckig, maffiv und ohne Strohdach, zeigt u. a. Bild Nr. 3. R. V.
D ie VERLflGSflNSTflLT BRUCKMHNN in MÜNCHEN gibt eine neue
Folge von Beifpielen neuzeitlicher Landbäufer und von Gartenanla»
gen heraus, die von HERMHNN MUTHESIUS gefichtet und mit einleitendem
Text verfeben ift. Es ift eine ftattlicbe Bilderfammlung von durchaus
guten Löiungen, die als Maßftab für die Höbe gelten dürfen, die in
diefer Hinficht in Deutfchland erreicht oder noch zu erreichen ift. Es
muß hervorgeboben werden, daß eine große Reibe von holländifcben,
englifcben und amerikanifchen Beifpielen dem Werk einverleibt find,
die bekannte ganz hervorragende Qualitäten befitjen. Es ift erfreulich,
daß die deutfcben Arbeiten daneben einen Rang behaupten. Der Text
enthält beachtenswerte Winke. Vor allem die Mahnung, daß ein guter
Grundriß nur für den einen Fall paßt, für den er gemacht ift und daß
es widerfinnig ift, aus dem Sammelwerk Motive für die äußere oder
innere Architektur zu entnehmen. Wenn wir beute in der Tat fcbön
eine gute Landbausarcbitektur haben, fo kommt es nicht daher, weil
das Publikum von vornherein ein klares Erkennen batte, fondem weil
die Künftler vielfach gegen das Publikum und gegen gewiffe Fachleute
eine gute Landbausarcbiktur inauguriert haben. Wenn wir eine Verjüngung
der Architektur und ein fachliches Erfaffen der großen Architekturaufgaben
erhoffen dürfen, fo wird der Anftoß von der guten Landbausarchiktur
ausgeben, die heute fcbön, wie jene künftlerifcben Beifpiele
zeigen, den gefunden Geift verkörpern, der in der großftädtifcben Architektur
noch gänzlich fehlt. Maßgebend für die Landbausarchitektur find
die individuellen Bedingungen des Grundftückes, die Himmelsrichtung,
die Höhen- und Zufabrtsverbältniffe des Geländes, die Nacbbarfcbaft
des Grundftückes, der Familienbeftand und die Lebensweife des Bauherrn
und die klimatifcben Verbältniffe. Bis zu einem gewiffen Grade
ift der Garten als Architektur den gleichen Bedingungen unterworfen.
Ein befonderes Augenmerk ift auf die Nutyräume und auf die fanitären
Anlagen zu legen. Sie dürfen nicht zu kurz kommen, wenn das Wohnen
angenehm und gefund fein foll. Die Fülle von fachlich emften und
zugleich originellen und äftbetifchen Löfungen, die vorliegen, liefern den
Beweis, daß auf diefen Grundlagen unbegrenzte künftlerifcbe Möglichkeiten
gegeben find. □
DHS VOLKSLIED DER ARCHITEKTUR
M ächtige Anregung fcböpfen Künftler und Laien, Förderer
und Erneuerer des bürgerlichen Bauwefens aus der
altheimifchen volkstümlichen Baukunft. Mit inftinktiver
Heftigkeit drängen alle nach jenen Quellen, um Belehrung, Erholung
und künftlerifches Wachstum zu fuchen, die in den modernen
Städten mit ihrer verkommenen Stil- und Spekulationsbauerei
nicht zu finden find. Zeichenwerke entftehen, die in
anmutigen Skizzen den unerfchöpflichen Reichtum der ländlichen
Baugedanken zu heben verfucben, wie die REISESKIZZEN AUS
SÜDDEUTSCHLAND von Architekt G. STEINLEIN in München, in
2 Bänden von der Süddeutfchen Verlagsanftalt in München herausgegeben,
und im ftattlicben Format die ALTSCHWEIZERISCHE
BAUKUNST von Dr. R. ANHEISSER in Darmftadt, verlegt von
A. Francke in Bern. Diefe beiden Werke, davon einige Bilderproben
diefe Ausführung begleiten, find die neueften und anziehendften
Publikationen, die eine reiche Vorgänger- und Mitgängerfchaft
haben. Die Schilderung der Heimat vom Standpunkt
der Architektur ift ein neues, genußreiches und nütjliches Unternehmen
geworden, dem eine nicht geringe Bedeutung in der
künftlerifcben Entwicklung unferer Zeit zukommt. Man kann
diefen beiden genannten Werken, die mit immenfem Fleiß und nicht
geringer Gefcbicklicbkeit den wertvollen Scbatj volkstümlicher
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