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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

SOMMER= UND FERIENHHUSER 
(ZUM PREISAUSSCHREIBEN DER »WOCHE«) 
H ller Vorausficht nach wird fich die Wiedergeburt der Bau* 
kunft von dem Landhausbau aus vollziehen. Während 
unfere ftädtifchen Hrchitekturverhältniffe noch völlig troft* 
los find, hat fich in dem ländlichen Familienhaus ein gefunder 
Keim entfaltet. Diefe Entfaltung war nur möglich auf gänzlich 
veränderter Grundlage, mit der Vorausfetjung ländlicher Verhält* 
niffe, wo der ökonomifche Zwang nicht fo drückend ift wie in 
der Stadt, und mit einer freieren Huffaffung von den organifchen 
Aufgaben des Hausbaues, die mit der inbaltslofen Förmlichkeit, 
die vom Stadthaus heute noch unzertrennlich ift, endgültig ge* 
brochen bat. Um diefe neue, gefunde Huffaffung zu befeftigen, 
bedurfte es jahrelanger, unermüdlicher Aufklärungs* und Er« 
ziebungsarbeit, des Einfluffes verfcbiedener geiftiger Strömungen, 
die, wenn auch in verfcbiedenen Betten geleitet, ein gemeinfames 
Ziel anftreben: das Antlit) der deutfcben Erde zu veredeln, und 
den Ausdruck der Schönheit und der Gefittung im Großen wie 
im Kleinen zu befeftigen. Das Beifpiel des englifchen Hausbaues 
batte zuerft als Anregung und Gleichnis zu dienen, nachdem 
aber diefes erforfcbt und auf feinen Erziebungswert erkannt war, 
mußte die Heimat ins Auge gefaßt und alle Fragen des Heimat* 
fcbutjes aufgerollt, die intimen Schönheiten der altheimifchen Bau* 
fcböpfungen erkannt und die Augen zur Unterfcbeidung zwifchen 
gut und fcblecbt erzogen werden. Wenn auch die Fragen einer 
veredelten nationalen Kultur auf diefem Gebiet im Prinzip ent* 
fchieden find, fo bedarf es nicbtsdeftoweniger der unausgefetjten 
Propaganda, um von Fall zu Fall das immer noch mächtige Un» 
verftändnis oder fcblimmere Mächte zurückzudämmen und unfere 
primitiven künftlerifcben Forderungen immer tiefer dem Herzen 
des Volkes einzupflanzen. □ 
In diefem Sinne ift das Preisausfcbreiben der »Woche« für 
Sommer* und Ferienbäufer mit großer Genugtuung zu be= 
grüßen. Die Sonderausgabe der »Woche« bat den erfreulichen 
Beweis geliefert, daß die jüngere Arcbitektenfcbaft in Deutfcbland 
und Öfterreich außerordentlich befähigt ift, die Kulturaufgabe auf 
dem Gebiet des Bau* und Wohnungswefens zu löfen. Es ift um 
fo erfreulicher, als diefe künftlerifcbe Disziplin, die frei vom 
Akademismus fich an das Leben und feine fachlichen Notwendig» 
keiten hält und einen natürlichen Schönbeitsfinn betätigt, vor 
zehn Jahren noch nicht möglich gewefen wäre. Sie ift das Refultat 
der oben angedeuteten Kulturbewegung, die der Architektur 
neue Lebensaufgaben erfcbloffen bat. Die große Umficbt, mit der 
das Preisausfcbreiben geleitet wurde, beweift, daß die Veran* 
ftalter eine weit vordringende Kulturarbeit beabfichtigt haben, 
die, foweit es an dem Preisgericht, an dem Verlag und an der 
beteiligten Arcbitektenfcbaft gelegen ift, über alle Maßen gelungen 
erfcheint. In diefer Hinficbt ift befonders bemerkenswert, daß 
das Hauptaugenmerk auf billige Hausbauten, die die Baufumme 
von 5000 Mark nicht überfteigen, gerichtet war. Es ift klar, daß 
das Unternehmen eine um fo größere Tragweite bat, je mehr 
es auf die mittleren Schichten bedacht nimmt. Denn hier liegt 
das eigentliche Problem: zu beweifen, daß um den billigften 
Preis, für den überhaupt gebaut werden kann, eine durchaus 
angemeffene, gediegene Löfung möglich ift. Das Preisausfcbreiben 
hatte inbezug auf den Baupreis vier Gruppen vorgefeben, und 
zwar für M. 5000, M. 7500, M. 10000 und M. 20000. Durch das 
befondere Entgegenkommen des Verlags der »Woche« find wir 
in der Lage, von jeder diefer Baugruppen eine Löfung in unferem 
Heft zu zeigen. Wie febr das Problem des billigften Baupreifes 
wegen feiner Wichtigkeit anreizt, gebt daraus hervor, daß für 
die 5000 Mark «Gruppe allein 929 Entwürfe eingelaufen find, 
während auf die übrigen drei Gruppen zufammen nur 599 ent* 
fallen. Wie aus dem Bericht des fachmännifchen Beirates der 
»Woche«, Architekt HEINZ LASSEN, hervorgebt, war die Zahl 
der künftlerifch bedeutenden Entwürfe fo beträchtlich, daß die 
urfprünglicb befcbloffenen, in dem Sonderheft der »Woche« ver* 
öffentlicbten 21 preisgekrönten und 40 angekauften Entwürfe 
auf Anregung des Preisgerichts bin um weitere 60 Entwürfe 
vermehrt werden, die in einem befonderen Werke demnächft 
erfcheinen follen. Von 40 Entwürfen follen Modelle bergeftellt 
und in den größeren Städten Deutfcblands vorgefübrt werden. 
Die erfte Modellausftellung wird demnächft in Berlin ftattfinden. 
Es ift ferner der überaus wertvolle Befchluß gefaßt worden, in 
der Nähe von Berlin, in Finkenkrug, acht dem Gelände ent» 
fprecbende Häufer nach den Plänen der betreffenden Architekten 
erbauen zu laffen und im Frühjahr 1908 vor der Wobnbenu^ung 
als Sonderausftellung der »Woche« öffentlich zugänglich zu mähen. 
Der künftlerifhe Berater in diefem Preisausfhreiben der »Wohe«, 
HERMANN MUTHESIUS, bebt in dem einleitenden Text zu dem 
Sonderheft unter anderem die kulturelle Bedeutung diefes Wett* 
bewerbes hervor, der das in den jüngeren Kräften vorhandene 
künftlerifhe Streben an die Oberflähe gebraht und dem breiteren 
Publikum erfcbloffen hat. Es ift erfihtlih, daß eine Generation 
heraufkommt, die neben voller Berückfihtigung der praktifhen 
Erforderniffe auf die intimeren Stimmungswerte hinarbeitet, die 
in unterer alten Volkskunft verborgen liegen. Es darf niht uner* 
wähnt bleiben, daß der Verlag in Erkenntnis der kulturellen Trag» 
weite eines folhen Preisausfhreibens eine ausgezeihnete Jury 
berufen hat, was in diefem Fall als ein befonderes Verdienft zu 
rühmen ift. Das Preisgeriht beftand aus den Herren: Prof. 
THEODOR FISCHER, Stuttgart; Geb. Reg.»Rat Dr. Ing. HERMANN 
MUTHESIUS, Berlin; ArhitektProf.RICHARD RIEMERSCHMIED, 
Münhen»Pafing; Prof. SCHULZE=NAUMBURG, Saaleck; PAUL 
DOBERT, Chefredakteur der »Wohe«. Als fachmännifher Bei« 
rat bat, wie erwähnt, Arhitekt HEINZ LASSEN fungiert. □ 
Nahdem die Veranftalter ihre Aufgabe trefflich gelöft, ift die 
Reibe an dem Publikum, feine Pfliht zu tun. Das Publikum 
wird es tun. Denn es ift ein Irrtum, zu glauben, daß das Publi* 
kum die Zuckerbäckerkunft der verkleinerten Zinshaus* und 
Villenarhitektur liebt, die von Bauunternehmern und Speku* 
lanten völlig unfahlih und unorganifh in die Landfhaft gefegt 
werden. Es wird fich im Gegenteil zeigen, daß die Herzen für 
fhlihte Shönbeit und intime Stimmung auf Grund vollendeter 
Sahlihkeit empfänglih find. Zudem kommt diefer Veranftaltung 
eine eminent praktifhe Bedeutung bei. Der Zug des Städters 
nah dem Lande, wenigftens zum zeitweiligen Aufenthalt, die 
Miferen des Sommerwobnungswefens, die unerfhwinglihen 
Hotelpreife legen den Gedanken eigener Sommer» und Ferien« 
häufer nabe, in denen man die Ferienzeit, die Sonn* und Feier* 
tage, die Weibnahtszeit verbringt und fih als Befitjer eines, 
wenn auh befheidenen, aber liebenswerten, eigenen Heims in 
ländliher Umgebung fühlt. In England ift in den fog. Week* 
end«cottages der Landaufenthalt längft in ein gefundes Syftem 
gebracht und von den erwähnten mißlihen Faktoren unabhängig 
gemäht. Auh in Deutfcbland wird das Bedürfnis des Städters 
immer mähtiger, wenn er irgend kann, einen Fuß im freien 
Land zu haben. Das Preisausfhreiben der »Wohe« kommt einem 
lebendigen Kulturbedürfniffe entgegen. Do di follen die Entwürfe 
vor allem den Wunfh anregen und Wege erfhließen. Keines* 
falls find die Entwurfsideen als Vorlagenfhaf) zur direkten Nah- 
abmung zu verfteben. Jeder Fall bedarf der eigenen Löfung, 
denn in jedem Fall lauten die Bedingungen, die der Bauplatj, 
die örtlihe Lage, die Umgebung und die perfönlihen Bedürf* 
niffe ftellen, anders. LUX 
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