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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

auch  ganz  naß  fein,  bevor  der  Verputj  aufgetragen  wird,  der  an
der  Hußenmauer  möglicbft  lange  feucht  bleiben  muß.  Darüber
gelegte  Tücher  verlangfamen  das  Trocknen,  am  leichterten  wird
der  Verput)  aber  mit  Hilfe  einer  Gartenfpritje  feucht  gehalten.
Das  follte  vierzehn  Tage  lang  fortgefetjt  werden.  Wir  laffen  den
ausführlichen  Bericht  eines  Architekten  folgen,  darüber,  wie  er
das  Verputjen  einer  neuen  Ziegelmauer  ausführte.  Der  Umftand,
daß  die  Mauer  neu  war,  vergrößerte  die  Schwierigkeit  der  Auf»
gäbe,  da  die  neuen  Ziegel  mehr  Feuchtigkeit  auffaugen;  der
Vorzug  der  Methode,  die  das  baldige  Aufragen  einer  Verputz
fcbicbt  ermöglichte,  befteht  in  dem  größeren  Feuchtigkeitsgehalt
der  Matte.  Die  neuen  Gebäude  leiden  aber  fonft  durch  frühzeitige ­
  Näffe.  □
Er  verwendete  blauen  Liaskalk,  Gruben-  und  fpitjen  Flußfand,
beides  im  gewafchenen  Zuftande.  Das  Verhältnis  war:  drei  Teile
Flußfand,  zwei  Teile  Grubenfand  und  ein  Teil  Kalk,  das  Metten
wurde  fehr  forgfältig  ausgeführt.  Es  ift  notwendig,  daß  der
Kalk  etwa  vierzehn  Tage  lang  in  einem  offenen  Trog  auskühlt,
bevor  er  verwendet  wird,  und  muß  durch  ein  feines  Sieb  gefeiht
  werden,  damit  alle  Klümpchen  entfernt  werden.  Die  notwendige ­
  Materialmenge  für  die  Tagesarbeit  muß  den  Tag  zuvor
gemifcht  werden.  Das  ift  fehr  wichtig.  Die  Ziegelfteine  werden
über  Nacht  oder  früh  am  Morgen  angefeuchtet.  Im  Sommer  ift
es  ratfam,  die  Mauern  am  Morgen  und  am  Abend  gut  zu  be»
fpritjen.  Der  Mörtel  follte  einen  halben  Zoll  dick  aufgetragen
und  mit  der  Kelle  gut  bearbeitet  werden.  □
Es  ift  ein  Irrtum,  zu  glauben,  daß  Tünche  eine  neue  Erfindung ­
  fei,  fie  wurde  vom  achten  Jahrhundert  an  in  Kirchen  verwendet ­
  und  man  findet  fie  fchon  frühzeitig  in  der  Weftminfter
Abbey.  Noch  zu  normannifcher  Zeit  wurde  das  St.  Albanklofter
außen  und  innen  ganz  übertüncht.  Die  mittelalterlichen  Architekten ­
  übertünchten  ihre  Gebäude  meiftens  innen  gleich  nach
der  Vollendung.  Das  wird  auch  durch  die  Tatfache  bewiefen,  daß
die  Kirchenkreuze  gewöhnlich  auf  einem  Untergrund  von  Tünche
übermalt  wurden.  □
Die  Tünche  ift  eines  der  betten  Schutjmittel  für  Stein  und
reflektiert  gut  das  Licht,  was  zweifellos  auch  den  alten  Baumeiftern
  bekannt  war.  Vom  architektonifchen  Standpunkte  aus
ift  zu  bemerken,  daß  nichts  die  Bauformen  fo  zur  Geltung  bringt.
Die  Tünche  wurde  leider  dadurch  in  Mißkredit  gebracht,  daß  es
jetjt  üblich  geworden  ift,  Blau  hinzuzutun,  wodurch  das  Weiß
häßlich  wird.  □
In  Fällen,  wo  es  ratfam  ift,  die  Tünche  vom  Mauerwerk  zu
entfernen,  dürfte  das  nur  mit  Hilfe  von  einer  fteifen  Bürfte,  und
wenn  es  nötig  ift,  von  warmem  Waffer  gefchehen.  Wenn  die
Tünche  härter  als  Stein  ift,  follte  fie  nie  entfernt  werden  und
mit  Metallwerkzeugen  heruntergekratjt  werden,  fonft  wird  die
urfprüngliche  Oberfläche  der  Mauern  zerftört.  □
Die  verputjten  Wände  follten  abgebürftet  und  übertüncht  werden, ­
  wobei  ein  wenig  Ocker  hinzugefügt  werden  kann,  um  das
Weiß  zu  mildern,  fonft  darf  nichts  weiter  gefchehen  und  auch
das  muß  unter  guter  Beauffichtigung  gefchehen,  da  fonft  das
Gefamtbild  des  Bauwerks  gefchädigt  werden  kann.  □
GALERIEN
Es  ift  nicht  anzuraten,  felbft  neue  Galerien  zu  entfernen,  wenn
fie  tatfächlich  zur  Bequemlichkeit  dienen;  die  Vergrößerung  des
Planes  eines  mittelalterlichen  Gebäudes  ift  viel  verwerflicher  für
feine  Gefchichte  und  Schönheit,  als  das  Beibehalten  von  Galerien,
die  doch  einem  praktifchen  Zwecke  dienen,  felbft  wenn  fie  keinen
architektonifchen  Wert  befi^en,  und  man  fort  bedenken,  daß  alle
Mufiker  der  Anficht  find,  eine  weftliche  Galerie  fei  einer  der
betten  Plätje  für  eine  Orgel.  □

DHS  HEIM,  WIE  ES  WHR
(VON  DER  EMPIRE-  ZUR  BIEDERMEIERZEIT)
ie  Möbel  der  Empire»  und  Biedermeierzeit  find  ftumme
Zeugen  vom  Heim,  wie  es  war.  Wir  bedürfen  eines  beredten ­
  Führers,  das  Kulturbild  des  alten  Haufes  zu  erwecken, ­
  und  ein  herzftärkendes  Beifpiel  zu  überliefern.  Kein
befferer  Führer  als  Adalbert  Stifter;  fein  »Nachfommer«  ift
eine  erquickende  Wanderung  durch  die  Interieurs  der  Seele  und
des  häuslichen  Heims.  Ein  ideales  Haus  erfchließt  fich:  Er  führte
mich  über  die  Treppe,  auf  welcher  eine  weiße  Marmorgeftalt
ftand,  hinauf.  Nicht  nur  die  Treppe  war  in  diefem  Stiegenhaufe
von  Marmor,  fondern  auch  die  Bekleidung  der  Seitenwände.
Oben  fdbloß  gewölbtes  Glas,  das  mit  feinem  Drahte  überfpannt
war,  die  Räume.  Als  wir  die  Treppe  erftiegen  hatten,  öffnete
mein  Gaftfreund  eine  Tür.  Diefe  ging  in  einen  großen  Saal.
Auf  der  Schwelle,  an  der  der  Tuchftreifen,  welcher  über  die
Treppe  empor  lag,  endete,  ftanden  Filzfcbube.  Da  wir  jeder  ein
Paar  angezogen  batten,  gingen  wir  in  den  Saal.  Er  war  eine
Sammlung  von  Marmor.  Der  Fußboden  war  aus  dem  farbigften
Marmor  zufammengeftellt,  der  in  unteren  Gebirgen  zu  finden  ift.
Die  Tafeln  griffen  fo  ineinander,  daß  eine  Fuge  kaum  zu  erblicken ­
  war;  der  Marmor  war  fehr  fein  gefchliffen  und  geglättet,
und  die  Farben  waren  fo  zufammengeftellt,  daß  der  Fußboden
wie  ein  liebliches  Bild  zu  betrachten  war.  Überdies  glänzte  und
fchimmerte  er  noch  in  dem  Lichte,  das  bei  den  Fenftern  hereinftrömte.
  Die  Seitenwände  waren  von  einfachen,  fanften  Farben.
Ihr  Sockel  war  mattgrün,  die  Haupttafeln  batten  den  lichteften,
faft  weißen  Marmor,  nur  in  der  Mitte  derfetben  zeigte  fich  eine
Zufammenftellung  von  roten  Ammoniten,  und  aus  derfelben  ging
die  Metallftange  nieder,  welche  in  vier  Armen  die  vier  dunklen,
faft  fchwarzen  Marmorlampen  trug,  die  beftimmt  waren,  in  der
Nacht  diefen  Raum  beleuchten  zu  können.  In  dem  Saal  war  kein
Bild,  kein  Stuhl,  keine  Geräte,  nur  in  den  drei  Wänden  war
jedesmal  eine  Tür  aus  fcbönem,  dunklem  Holze  eingelegt,  und
in  der  vierten  Wand  befanden  fich  drei  Fenfter,  durch  welche
der  Saal  bei  Tag  beleuchtet  wurde.  Zwei  davon  ftanden  offen,
und  zu  dem  Glanze  des  Marmors  war  der  Saal  auch  mit  Rofenduft
  erfüllt.  □
Aus  diefem  Saale  gingen  wir  durch  eine  der  Türen  in  eine
Stube,  deren  Fenfter  in  den  Garten  gingen.  □
»Das  ift  gewiffermaßen  mein  Arbeitszimmer«,  fagte  er;  .  .  .
.  .  .  In  ihr  war  nichts  mehr  von  Marmor,  fie  war  wie  unfere
gewöhnlichen  Stuben,  aber  fie  war  mit  altertümlichen  Geräten
eingerichtet,  wie  fie  mein  Vater  hatte  und  liebte  Ich  bat,
die  Sachen  näher  betrachten  zu  dürfen,  um  meinem  Vater  nach
meiner  Zurückkunft  von  ihnen  erzählen  und  fie  ihm,  wenn  auch
nur  notdürftig,  befchreiben  zu  können.  Es  war  vor  allem  ein
Schreibfchrein,  welcher  meine  Aufmerkfamkeit  erregte,  weil  er
nicht  nur  das  größte,  fondern  auch  das  fcbönfte  Stück  des  Zimmers ­
  war.  Vier  Delphine,  welche  fich  mit  dem  Unterteil  ihrer
Häupter  auf  die  Erde  ftütjten  und  die  Leiber  in  gewundener
Stellung  emporftreckten,  trugen  den  Körper  des  Schreines  auf
diefen  gewundenen  Leibern.  Die  Holzbelegung  des  ganzen
Schreines  war  durchaus  eingelegte  Arbeit.  Abornlaubwerk  in
dunklen  Nußholzfeldern,  umgeben  von  gefcblungenen  Bändern
und  geflammtem  Erlenbolze.  Die  Bänder  waren  wie  geknitterte
Seide,  was  daher  kam,  daß  fie  aus  kleinem,  feingeftreiftem,  vielfarbigem ­
  Rofenbolze  fenkrecht  auf  die  Acbfe  eingelegt  waren
Außer  dem  Schreibfchreine  erregten  noch  zwei  Tifche  meine
Aufmerkfamkeit,  die  an  Größe  gleich  waren  und  auch  fonft
gleiche  Geftalt  batten,  fich  aber  nur  darin  unterfchieden,  daß
jeder  auf  feiner  Platte  eine  andere  Geftaltung  trug.  Sie  batten

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