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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

Aber welche Verfchiebung hiftorifcher Tatfachen in dem Jahr* 
hundert, das fo biftorifch fein wollte und es fo wenig war. □ 
Im ganzen 19. Jahrhundert waren die Dächer, die ein Manfard, 
ein Cuvilliés, die die am Hofe der franzöfifchen Könige tätigen 
Architekten beliebten, als überrbeinifcb, als franzöfifcb verpönt. 
Tatfächlich ift jedenfalls ihre franzöfifche Herkunft biftorifch un 
anfechtbar. Und beute wird das barocke Dach, darunter ver 
ficht man befonders das franzöfifche Dach des 18. Jahrhunderts, 
als wefentlich bodenftändig gepriefen. □ 
Neu ift alfo nur, daß die Künftler jetjt eine biftorifcbe Form, 
die ihnen gerade befonders gut gefällt, nicht mehr nur gut an 
wendbar ufw. nennen, fondern daß man fie je^t bodenftändig 
nennt. □ 
Nacheinander wurden früher die Antike (!), dann ein Stil- 
gemifch aller Zeiten, dann das Gotifche oder das Romanifche, 
dann die Renaiffance als geeignet für untere Zeit und unter 
Klima erklärt. Für wirklich und einzig altdeutfcb gilt noch 
beute in den Ankündigungen der Trödler »die Renaiffance« der 
achtziger Jahre — beute ift die Bauform, die im wefentlichen 
italienifcbe und franzöfifcb gefcbulte Architekten einfübrten, 
»beimifcher« als alles andere! □ 
Damals war der großen Herren Kunft und Gefcbmack förder 
lich den Bauern, deren bemalte Häufer wir mit Max II. und 
Friedrich Wilhelm IV. mit Recht bewundern. Jet^t aber wird 
diefer, den Herren der Stadt abgeguckten bäuerifchen Kunft, 
ein feierlicher Einzug in die Stadt bereitet. Man will bäuerifcbes 
auf ftädtifches okulieren, wie ein wildes Reis auf einen edlen 
Baum — alfo wie es die Stilkaprizen unter Max II. gewollt. □ 
Sind wir vielleicht doch noch ganz auf den behaglichen Wegen 
des Jahrhunderts, das hinter uns liegt? Hat die Straße doch 
vielleicht nur den Namen gewecbfelt? □ 
Oder bat man aufgehört, künftlerifcb hemmende und ein 
engende Bauvorfchriften zu erlaffen? □ 
Lefcn wir nicht immer noch Sätje, die von einer Kenntnis 
des wirklichen Verlaufs einer ftädtifchen Baugefcbicbte nicht 
recht viel erkennen laffen? □ 
Heißt’s nicht auch beute noch juft wie »anno dazumal«: »werden 
alle Bedürfniffe beachtet« - »wenn aus den örtlichen Bedürf- 
niffen heraus« — »wenn die örtliche Überlieferung im Bauen 
wieder lebendig wird«? □ 
Weßbalb denn nur immer die fcheinbar biftorifch argumen 
tierenden Sätje - wenn fchon ein großer künftlerifcber Wille 
als Leitung da ift? □ 
Erklärt ein fchöpferifcb ftarker Künftler das oder jenes für 
fcbön oder wertvoll - werde icb’s ihm erft dann glauben, wenn 
er’s biftorifch rechtfertigt? □ 
Aber charakterifiert nicht das den Schöpferifchen, daß er ein 
Neues gibt, das gar nicht biftorifch fein will? Sind nicht die 
Hauptdaten der Kunftgefchichte der ganzen Welt, Denkmale 
neuer Richtungen, neuer Taten? □ 
Wer künftig Baugefetje fcbreiben muß - der hüte ficb vor 
Argumentationen, die gefchichtlich von allen Seiten anfechtbar 
bleiben. □ 
Aber ift das Jahrhundert nach der großen Revolution nicht 
vielleicht deshalb fo konftant in Sackgaffen geraten, weit Gefetje 
und Vorfcbriften und Programme die guten Gefichtspunkte ein 
zelner Geifter allzu eng und allzu bald abfcbließen mußten? □ 
Hiftorifcbe Kurzficbtigkeit und gefcbmacklicbe Engherzigkeit 
fchrieb alle jene Baugefetje, von denen hier die Rede, wie foziale 
Engherzigkeit und Kaftengeift jene Kleiderordnungen für be- 
ftimmte Stände und Gefchtechter für vergangene Jahrhunderte 
fchrieb, über die eine neue Zeit ficb längft fo gründlich luftig 
machte. □ 
Ob da nicht auch (wieder) eine gefund vorwärtsfehreitende 
Zeit kommen follte, in der die Abfaffung rein formaler Bau- 
vorfebriften für ebenfo überflüffig erachtet werden follte, wie 
altertümliche Kleidervorfcbriften für die gegenwärtige Menfchbeit? 
Doch kommt auch hier wohl das Wort zu feinem Recht: Jeder 
Staat bat fcbließlicb die Regierungsform, die er verdient. - Die 
Baukunft und die Baugefe^e des 19. Jahrhunderts waren ein 
ander wert. □ 
* * 
* 
Gelingt es den kommenden Generationen der Künftler, eine 
große neue, autochthone Kunft zu fchaffen, fo ift auch die er- 
ftrebenswerte Einheitlichkeit da. □ 
Eine fo landeingeborene Kunft, wie es die griecbifche Kunft - 
nur für die antike Welt - wie es die gotifche - nur für das 
nordifebe Mittelalter war - braucht keine Gefetje zu großer ein 
heitlicher Wirkung. □ 
Eine immer wieder retrofpektiv febaffende Baukunft, die braucht 
freilich Zwang und Gefetje - erft eine wirklich neufchöpferifche 
wird dem Ganzen Harmonie, ficb felbft die Freiheit erobern. 
Es frägt fich nur - wann wird die Möglichkeit einer neuen 
Tradition eintreten? □ 
GHRTENBHUmiSSTELLUNG IN DRESDEN 1907 
D ie in der Zeit vom 4. bis 12. Mai ftattgefundene Gartenbau- 
ausftellung bot eine neuerliche Beftätigung für die pflanzen« 
teebnifebe Leiftungsfäbigkeit und zugleich für die künftle« 
rifebe Unfähigkeit unterer Gärtner, die mit den an fich prachtvollen 
Mitteln, den Rhododendren, Azaleen, Orchideen, Rofen in geradezu 
barbarifcher Weife verfuhr. Die unleidig gefchmacklofe Häufung 
köftlicber Farben und Pflanzengebilde zu tbeaterbaften Dekora- 
tionsfeherzen und Panoramenmacherei fordert zur ftrengften Kritik 
heraus; Landfcbaften wurden gezeigt, ein kaukafifches Bergtal, 
ein brafilianifcher Urwald, wie diefe Landfcbaften niemals aus« 
feben. Die gartenkünftlerifcben Verfuche in boriftifeben und 
fremden Stilen, der Renaiffancegarten, der japanifche Garten, der 
Kloftergarten, mußten an der Unfähigkeit ihrer Herfteller, fowie 
an der grundfätjlicben Verfebltbeit folcber Stilimitationen kläglich 
febeitern. Die ausgeftellten Gartenpläne lieferten den traurigen 
Beweis, daß die Gartenbaufchulen in künftlerifcber Hinficht auf 
dem tiefften Niveau flehen und äußerft reformbedürftig find. Ein 
zelne fcbwache Verfuche zugunften des Hausgartens und der Blume 
im Wobnraum waren zwar vorhanden, aber auch hier fehlte 
jede Regung eines geläuterten Gefchmacks, der über das herkömm 
lich Banale binausftrebt. Gartenmöbel und Gartenzieraten kamen 
zum Vorfchein, die das wildefte darftellen, daß fich eine zügel- 
lofe Induftrie leiften kann. Eine unfreiwillige Komik liegt auch 
darin, daß die Ebrenpreife jenen Leiftungen zugedacht wurden, 
die binficbtlicb des Gefchmackes auf der tiefften Stufe flehen. 
Dresden genießt den Ruf der Vorkämpferfchaft in der modernen 
Kunft. Die große Kunftausftellung vom Vorjahre bat die Hoff 
nungen von ganz Deutfcbland auf diefe Stadt gerichtet. Hier gilt 
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