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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

mit Unrecht; denn fie ift keine Husftellung des Kunftgewerbes, 
fondern eine Künftlerausftellung. □ 
Die Unterzeichneten: .Viele Taufend Kunftgewerbetreibende, 
Induftrielle, Gewerbetreibende, Kaufleute und Handwerker“ haben 
feinerzeit die Veranftaltung der Husftellung mit lebhafter Freude 
begrüßt, da fie von derfelben eine wefentliche Förderung und 
Unterftütjung des wirtfcbaftlich darniederliegenden Kunftge 
werbes erwarteten. □ 
In der Verwirklichung der oben gefcbilderten Ziele der Hus 
ftellung müffen fie jedoch eine fchwere Schädigung der kunft- 
gewerblichen Induftrie erblicken und gegen eine folcbe Huf- 
faffung und deren Durchführung Widerfpruch erheben. □ 
Wenn auch ein Hand-in-Hand-arbeiten von Künftlern und 
kunftgewerblichen Unternehmungen als durchaus wünfchenswert 
bezeichnet werden muß und auch in beiderfeitigem Intereffe 
liegt, fo darf doch nicht vergeffen werden, daß beide Teile in 
gleicher Weife aufeinander angewiefen find. Dem Künftler wäre 
mit feinen Ideen allein nicht gedient, wenn nicht die Induftrie 
hinter ihm ftände, die das oft große Rifiko übernimmt, ein 
umfangreiches Warenlager zu halten, welches das Publikum zum 
Kaufe anregt und die ganze Unficherbeit eines gewerblichen 
Unternehmens auf fich nimmt, das nicht nur gewinn-, fondern 
unter Umftänden auch febr verluftbringend fein kann. □ 
Die einfeitige Stellungnahme für den Künftler ift daher un 
billig, um fo mehr, als fie eine ernftliche Bedrohung der Exiftenz 
vieler kunftgewerblicher Unternehmungen zur Folge haben muß. 
Befonders fcbwer muß es diefe Induftrie aber treffen, wenn der 
artige Hnfcbauungen als leitende Gedanken bei der Veranftal 
tung einer Kunftgewerbeausftellung veröffentlicht werden. □ 
Denn die darin liegende Erfchwerung der Teilnahme der 
kunftgewerblichen Firma als folcber auf der Dresdner Husftel 
lung wird und muß in vielen die Meinung bervorrufen, als 
wenn diejenigen Unternehmungen, die nicht unmittelbar nach 
dem Huftrage eines beftimmten Künftlers arbeiten, minder 
wertig wären gegenüber denjenigen Firmen, welche dies tun. 
Den vielen kunftgewerblichen deutfcben Unternehmungen aber, 
die unter diefen Umftänden fich genötigt faben, der Husftellung 
fern zu bleiben, war dadurch die Möglichkeit genommen, ihr 
eigenes Können und ihre eigenen Erzeugniffe gegenüber dem 
des ausftellenden Künftlers von der Öffentlichkeit beurteilen zu 
laffen. a 
Die Unterzeichneten müffen fich aus den angeführten Gründen 
energifcb gegen eine folcbe Huffaffung wenden. □ 
Sie bitten daher eine hohe Regierung, die in dem diefer Ein 
gabe beiliegenden Huffatje dargelegten Beftrebungen nicht zu 
unterftüt^en, welche, den Intereffen weniger einzelner dienend, 
eine Induftrie - die Taufende von Hrbeitern befchäftigt und 
ein nicht unbeträchtliches Nationalvermögen vertritt - in nicht 
vorauszufebendem Umfange zu fcbädigen imftande find. □ 
Gutem Vernehmen nach foll im Hnfcbluß an die dargelegte 
Huffaffung der Ziele der Husftellung beabficbtigt fein, an der 
Dresdner Kunftgewerbefcbule fogenannte Lebrwerkftätten ein- 
zuricbten. □ 
Wie bereits am 9. März in einer zu Berlin abgebaltenen Ver- 
fammlung des Verbandes für die wirtfcbaftlicben Intereffen des 
Kunftgewerbes - die von zirka 150 hervorragenden kunftgewerb 
lichen Induftriellen aus allen Teilen Deutfcblands befucht war - 
feftgelegt worden ift, haben fich folcbe Lebrwerkftätten als eine 
Schädigung der Kunftgewerbetreibenden infofern erwiefen, als 
fie neben Kunftgewerbefchülern naturgemäß auch Gewerbe- 
gebilfen befcbäftigen und, um genügend Arbeit zu haben, Privat 
aufträge übernehmen, meiftens folcbe der an den betreffenden 
Hnftalten befcbäftigten Lehrer. □ 
Es werden alfo hierbei ftaatlicbe Mittel benutzt, um der ohne 
hin mit Steuern und Abgaben bereits genügend belafteten 
Kunftgewerbeinduftrie in fchadenbringender Weife Konkurrenz 
zu machen. D 
Die Unterzeichneten nehmen auch gegen diefe Einrichtung 
Stellung und bitten, von der Einrichtung folcber Lebrwerkftätten 
an den Kunftgewerbefcbulen abzufeben und den etwa bereits 
beftebenden die Ausführung von Privataufträgen jeglicher Art 
unterlagen zu wollen.« n 
Soweit die Befcbwerde. □ 
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Zu den hier berührten Fragen äußerten fich auf Wunfcb des 
Direktoriums der III. Deutfcben Kunftgewerbeausftellung einige 
Künftler, Kunftgewerbler, Fabrikanten und Förderer des Kunft 
gewerbes. Wir beginnen mit dem Gutachten von dem Direktor 
der Großberzoglicb Heffifcben Keramifchen Manufaktur, Profeffor 
J. H. SCHHRVOGEL. □ 
AN DAS DIREKTORIUM DER III. DEUTSCHEN KUNST 
GEWERBEAUSSTELLUNG DRESDEN 1906 
BETRIFFT: DIE BESCHWERDE DES FHCHVERBHNDES FÜR DIE 
WIRTSCHAFTLICHEN INTERESSEN DES KUNSTGEWERBES 
Huf das gefällige Schreiben vom 6. d. M. beehre ich mich 
folgendes ergebenft zu erwidern: □ 
Im vorliegenden Falle follte ftrenge zwifchen dem künft- 
lerifcb felbftändigen Kunftgewerbe und dem nicht felbftändigen 
unterfchieden werden, denn nur durch die Verquickung beider 
Gattungen kommen Konflikte zuftande wie der vorliegende. Von 
diefem Geficbtspunkte aus muß den Antragftellern das Recht ab- 
gefprocben werden, im Namen des deutfcben Kunftgewerbes 
zu fprechen. Das eigentliche Kunftgewerbe lehnt die Gleicb- 
ftellung mit dem reinen Unternehmertum ab, denn es verfolgt 
wefentlich andere Ziele. Freilich entfpricbt es durchaus der bis 
herigen Gepflogenheit, jedem das Prädikat des Kunftgewerblers 
zuzuerkennen, dem es beliebte, fich hiermit zu fcbmücken. Wenn 
alfo die III. Deutfcbe Kunftgewerbeausftellung danach geftrebt hat, 
hier endlich einmal eine reinliche Scheidung vorzunebmen, fo 
bat fie allein hierdurch fchon einer Klärung der Begriffe in die 
Hand gearbeitet, die im Intereffe der künftlerifcben Entwicklung 
des Handwerks febr zu begrüßen ift, denn festeres hat kein 
anderes Mittel dem Käufer gegenüber fich zu legitimieren, als 
durch den Hinweis auf die Stellung, welche ihm von berufener 
Seite eingeräumt wird. Das Direktorium bat fich daher den Dank 
aller Einfichtigen, die neben ihrem Erwerbsintereffe auch noch 
ideale Geficbtspunkte gelten laffen, erworben. □ 
Es kann für denjenigen, welcher die Entwicklung des deut- 
fchen Kunftgewerbes verfolgt bat, kein Zweifel darüber auf- 
kommen, daß ein großer Teil der Inhaber kunftgewerblicher 
Firmen der künftlerifcben Schulung entbehrt oder aus dem 
Handwerk nicht bervorgegangen ift, welches er betreibt. Es 
kann alfo nicht erwartet werden, daß auf diefer Seite die nötige 
Einficbt vorhanden ift, um Dingen, wie fie hier in Frage flehen, 
eine gerechte Beurteilung angedeiben zu laffen. □ 
Jedermann war Gelegenheit gegeben, im Laufe der letzten 
zehn bis zwölf Jahre mit anzufeben, wie die gedachte Gruppe 
von Leuten in geradezu beifpiellofer Weife auf die moderne 
Bewegung eingefcbnappt ift. Nicht die felbftändigen Kunftband- 
werker, fondern die Unternehmer waren es, welche den »Jugend- 
ftil«, »Sezeffionsftil« und andere Unmöglichkeiten auf den Schild 
erhoben haben, um bald darauf, nachdem die Käufer fich an 
250
	        
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